Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1843)
- Article
- Mannheim: Zustand der israel. Schule in Baden
- Date
- 1843-07-04
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
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— 210 - Wenn wir nun diese Bedenklichkeit überwunden, und das } Stillschweigen brechend, uns dem-Vorwurfe aussetzen, der Judensache dadurch eher zu schaden als zu nützen; so begegnen" wir diesem Vorwürfe damit: 1) ist uns die Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden, die sogenannte polit. Emancipation, das sekundäre Gut, das wir anstreben, die religiöse und moralische Verbesserung ist uns das erste und wichtigste; wir kämpfen und ringen nur um jenes, so fern es die Bedingung und Wurzel des Letzteren ist — nicht aber umgekehrt, wie unsere Gegner so gern glauben machen wollen —; wir würden auf eine vollständige bürgerliche Gleich-; stellung, so gegründet unsere Ansprüche darauf sind, willig noch verzichten, wenn anders eine religiöse Reofrm des Judenthums uns möglich schiene *). Erwägt man ferner, daß. die Juden weder Kraft genug, noch hinreichende Mittel in sich selber besitzen, um sich zu erheben und ihre Lage zu verbessern, mithin zu ihrem Emporkommen der Unterstützung und Beihilfe des Stärkern des christlichen (?) Staates bedürfen, so wird man gern zugeben, daß man den, dessen Hilfe man anspricht, auch vertraut mit der Angelegenheit mache, und die jüdischen Zustände offen und ohne Rücksicht (Rückhalt?) darlege. Endlich rechtfertigt sich unser Beginnen durch die Erfolglosigkeit unseres bisherigen Verhaltens. So sehr wir Juden insgesammt bemüht sind, die uns zur Last gelegte Schuld im Handel und Wandel, fr viel an uns liegt, zu tilgen; so scharf wir unsere Schritte wechselseitig bewachen, damit Keiner auf verderbliche Abwege gerathe, so können wir wie alle andere Staubgeborene — dennoch nicht ganz rem und fleckenlos bleiben. Dem Scharfblicke unserer Gegner entgehen d'rese Flecken und Makel nicht, und weil wir das Frohlocken unserer Feinde fürchtend, den verirrten Bruder zu schützen und dessen Schuld sorgsam zu verhüllen suchen, macht man uns allesammt zu Mitschuldigen, und wo ein Jude gefehlt, muß es gleich die ganze Judenheit büßen; wir müssen alle als Sünder gelten, weil Keiner es sein will. Wird dies aber noch ferner möglich sein, so wir fürder selber als Ankläger des Bösen in unserer Mitte, auftreten? — Werden wir nicht vielmehr durch ein offenes und freimüthiges Bekenntniß unserer Fehler und Bedürfnisse, Vertrauen und Theilnahme bei unfern christlichen Mitbrädern erwecken, und deren wohlmeinende Mehrzahl zu edlem Entgegenkommen auffordern? — Referent wenigstens giebt sich zuversichtlich dieser Hoffnung hin, und hat bei der mm folgenden „Beleuchtung des jüd. Schulwesens" keinen andern Zweck, als seiner Religionsgemeinde dadurch wesentlichen Nutzen ^u verschaffen. Nach den vorangeschickten, einleitenden Worten dürste man sich vielleicht für berechtigt halten, eine unser ganzes jüdisches Schulwesen — dessen innere wie äußere Verhältnisse — umfassende Schilderung von uns zu erwarten. Nichts *) Vergl. Staatsbürgerrecht der Juden von Dr. Alex. Lips. Erlangen 1821. j wäre, unseres Erachtens geeigneter,''so manche üble Vorurteile unserer Gegner" schwinden zu machen, und bei unfern christlichen Mitbürgern eine bessere Meinung von unserem Hoffen und Streben zu erwecken , als eben eine solche Auseinandersetzung und Darlegung unsrer Schulverhältniffe. Allein unsere Absicht ist jetzt nicht, durch Hervorhebung von Vorzügen und guten Eigenschaften die Juden in ein günstiges Licht zu stellen, und es ist uns weniger darum zu khun, nachzuweisen, wie/weit: dieselben auf der Bahn des Guten fortgeschritten sind, als wir vielmehr erzielen, die unfern Fortschritt hemmenden Hindernisse aufzusinden, um sie dann desto leichter beseitigen zu können. Auch möchten wir nicht die Leser durch Aufführung von Lhatsachen ermüden, die theils ofsieiellen Urkunden zu entnehmen, theils zu wiederholten Malen vorgebracht worden sind. Nur einige allgemeine Bemerkungen erlauben wir uns vorauszuschicken, ehe wir zu dem übergehen, was — vornehmlich in der christlichen Welt — minder bekannt zu sein scheint. Vergleichen wir den gegenwärtigen Zustand des jüd. Schulwesens in Baden mit dem vor noch nicht 30 Jahren, so werden wir. hier mit Verwunderung eine nicht geringere Umwandlung wahrnehmen, als die ist, welche in demselben Zeiträume Mechanik und Naturwissenschaften in Verkehr und Handel hervorgebracht haben. Während wir vor 28 Jahren noch nicht eine einzige öffentliche jüd. Elementarschule besaßen, weist uns ein vom israel. Ob erstäche entworfenes tabellar. Verzeichniß vom vorigen Jahre deren 42 nach, welche laut amtlicher Berichte, mit den christl. Volksschulen nicht blos gleichen Schritt halten, sondern bisweilen — namentlich auf dem Lande — die letzter» sogar übertreffen. Man würde aber sehr irren und ungerecht urcheilen, wollte man den öfter sich ergebenden bessern Bestand der jüd. Volksschulen entweder einer größeren Lehrbefähigung und strengerem Pflichteifer der jüdischen Lehrer, oder günstiger» Naruranlagen der jüdischen Schüler beimessen, ec muß vielmehr einzig und allein darin gesucht werden, daß die jüd. Eltern auf dem Lande ihre Kinder zum fleißigen Schulbesuche anhalten, sodann deren Unterricht mehr überwachen, als Beides fcern. christlichen Landmanne die Verhältnisse verstatten. Fortsetzung folgt.) Hamburg, 20. Juni. Am verwichenen Sonnabende, den 17. Juni, 5 Uhr Nachmittags fand die Religionsprüfung der Konfirmanden im neuen Israel. Tempel statt. Herr Dc. Frankfurt er nahm diesmal diese Prüfung mit 8 vorher sehr sorgfältig unterrichteten Kindern: 6 Knaben und 2 Mädchen vor, die 5 verschiedenen Familien angehörten und der Mehrzahl nach schon den eigentlichen Kinderjahren entwachsen, und höherer wissenschaftlicher Bildung theilhaftig waren. Das Examen dauerte fast 2 Stunden und bezog sich, was durchaus lobend anzueekennen, mehr auf die Gmndprincipien der reinen mosaischen Lehre als auf die bloße Pflichtenlehre, in der wir in der That das charakteristische Element des Judenthums zu erkennen außer Stande