Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 26 (27.6.1843)
- Article
- Kurze Anzeigen [Rezension]
- Date
- 1843-06-27
- Page
- Spalte 409-410 (sequence 2)
- Language
- German
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409 Die Synagogcngebete rc. von Dr. Francolm. 410 Z. ' Die Synagogengebete zum Gebrauche beim Gottesdienst, in Auswahl geordnet und übersetzt vonDr. I. A. Francolm. Grünberg u. Leipzig 1842. 8. W. Levysohn. Der gelehrte und sprachgewandte Uebersetzer, auch dem größer» Publikum durch seine Novellen und seinen Roman „Richard Löwenherz" hinlänglich bekannt, giebt in'dem Vorworte die Veranlassungen zu diesem Buche an. Diese sind Lheils die allgemein verbreitete Unkenntniß der hebräischen Sprache beim jungen Geschlechte und der gänzliche Mangel dieser Kenntniß bei den Frauen und Jungfrauen, theils die Einwirkung des Zeitgeistes auf die Gebete selbst. Denn wenn die Unkenntniß des Hebräischen die deutschen Gebetbücher ins Leben ruft, so geht der Zeitgeist noch weiter und verlangt 1) Reducirung der so gehäuften täglichen Gebete, da das neuere Geschlecht dickleibigen Gebetbüchern nicht hold ist; 2) die gänzliche Weglassung der Pijutim, da das/junge Geschlecht die Allegorreen und Anspielungen nicht versteht; 3) in den ursprünglichen Gebeten selbst gewisse unsanfte und unästhetische Formeln wegzulassen. Durch diese Umstände veranlaßt, ging Hr. F. an die Arbeit und fertigte ein deutsches Gebetbuch, worin die Pijutim weggelaffen, die anstößigen Formeln kassirt oder umgestaltet wurden und wo überhaupt, ohne deshalb dem Judenthum nahe getreten zu sein, eine zeitgemäße Anordnung zu finden ist. Daß der gelehrte Hr. Francolm seit Jahren sich mit dem formalen Wesen der Synagoge befaßt und dieses zum Gegenstände seiner unausgesetztesten Forschungen erwählt, bekundet hinlänglich sein Werk: „das rationale Judenthum." Unter den trefflichen deutschen Bearbeitungen der Gebete nimmt natürlich dieses F'sche gewiß einen ehrenvollen Platz ein, und zwar sowohl in Hinsicht aus Sprachgewandtheit im Deutschen als in der feinen Weise, wie alles Anstößige und Unästhetische umgegangen wird; aber wir können auch unsere Frage nicht unterdrücken, warum der geehrte Vers., der doch seit Jahren über unsere Gebetbücher nachgedacht, nicht auch reichliche hymnologische Anmerkungen am Schluffe angeführt. Er sollte es dem gewöhnlichen Troße überlassen, für Frauen und Kinder, überhaupt für Unmündige zu schreiben; er, der befähigt und berufen ist, sollte auch an Große denken, die eben in diesem Fache Kinder sind. Die Produktionskraft unserer besten Köpfe zersplittert sich in Kinderarbeiten; Gebetbücher, Katechismen, Religionsbücher für Kinder überschwemmen den Büchermarkt; aber wir Großen brauchen auch Gebetbücher rc. und da muß man uns natürlich hymnologische Forschungen geben. Die sonst gewöhnliche Entschuldigung, daß es in diesem Fache an Vorarbeiten fehle, hat jetzt bekanntlich keinen Grund, da seit länger als einem Jahrzehend das hymnologische Forschen und Wirken erwacht ist, wenn es auch wahr ist, daß man früher keine Ahnung von dieser hatte. Ich weiß sehr, wohl, was man mir auf diesen hier , geäußerten Wunsch entgegnen mag: die Theorie ist tobt wie der Buchstabe, wir., haben praktisch auf Umgestaltung der Hymnarren der Synagoge zn sehen; aber die Gegner mögen bedenken, daß dieses ihr Streben einen Theil der hymnologischen Strebungen ausmachcn. Die jüdische Hymnologie zerfällt bekanntlich in zwei große Hälften, die einehat zum Thema: das theoretische Erforschen des alttn Synagogcnliedes, die andere: den Kgmpf um neue zeitgemäße Synagogenlreder und das Ringen nach Verjüngung derselben in der Praxis; in der einen ist das vorwaltende Princip der Geschmack, in der andern das historische Bewußtsein in der Synagoge. Wenn aber je eine Einigung oder Verständigung über die Grenzen der Veränderungen unserer Lieder, über Regeln der Reform, nach welcher innerhalb des synagogalen Glaubens Abänderungen und Veränderungen vorgenommen werden sollen, stattsinden sollten, so muß vorher ein Zusammensassen beider vorausgegangen sein. Heidenheim, Zunz,Dukes, Reifmann u. üuzzatto haben in der historischen Verständigung sehr viel vorgearbeitet, so wie Salomon, Hold heim, Frankel, Geiger, Stein in der andern Weise, aber eine lebendige Durchdringung beider kann erst von dauernder Einwirkung sein. Die Tesilla, das Machasor, überhaupt der synagogale Liederschatz, kann entweder als Handlung für die synagogale Gegenwart, oder als historische Sammlung aus der Vergangenheit angesehen werden, aber jrde dieser Anschauungen ist für sich allein unrichtig. Die hymnologische» Forschungen werden es uns erst klar Herausstellen, worin sich das weltliche Lied vom geistlichen unterscheidet; wie es kam, daß das weltliche Lied als Erzeugniß des dichtenden Geistes erscheint und sich selbst Zweck ist, während das geistliche Lied, wo das Autorschastliche ganz verschwindet, nur von dem religiösen Gemeingeist getragen wird, wozu der Dichter nur zufällig der Träger war und me um seiner selbst willen dazusein scheint. Die Hymnologie allein kann es entscheiden, wie es kam, daß die Synagoge sich dieses oder jenes Liedes bemächtigt, ja häufig sogar wider den Willen des Dichters, weil sie in ihm den Geist erkennt, der da in der Synagoge waltet; warum der Dichter untergeht (Kalir) oder gar nicht mehr in einem Verhältniß zur Dichtung steht, und wodurch die Synagoge mit den Produktionen nach Belieben schaltet. Die Hymnologie muß es klar Nachweisen, daß nicht das Poetische, Formgewandte wie so Viele glauben, nicht das Uratterthümliche, Spanische oder Deutsche, wie Andere meinen, das Kriterium der Synagoge war, sondern das Judenthümliche, Erbauliche, in den Seelen Nachklingende; aber wer anders als die Wissenschaft, die Forschung kann das Judenthümliche bestimmen? Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Hr. Dr. Francolm uns recht bald mit einer wissenschaftlichen Arbeit über dieses Thema erfreue. Aus der Reihe der Tesilla-Uebersetzer, wo nach 57 Jahren (die erste Uebersetzung erschien im April, 1786) , den betretenen Gleis noch immer zu betreten nicht gerade einen Ehrenplatz gewährt, würde ihm mit Vergnügen in der Walhalla der Wissenschaft der Ehrenstand zugewiesen sein.