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Der Orient · 1843-06-27 · Heft 26 (27.6.1843) · p. Seite 205

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 26 (27.6.1843)
Article
Wien: Schreiben des B. v. Rothschild an d. Vertreter d. Gemeinde
Date
1843-06-27
Page
Seite 205 (sequence 2)
Language
German
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— 205 - und der, mit Gottes Beistand, meine sämmtliche Familie, bis zum späten Miedemit gleichem frommen religiösen Gefühle immer angehören wird. Meine geringen Leistungen, die ich dem österreichischen Staate und seiner Residenzstadt, sowie meinen Brüdern auch noch in andern Staaten vielleicht manches Ersprießliche zu vollsiihren so glücklich war, hat nicht nur das rege Streben, zum Gedeihen der Staatswohlfahrt unmittelbar beizutragen, sondern auch den Zweck stets vor Augen, durch unser thätiges, vou Staaten nicht mwerkanntes Wirken, den Beweis zu lieserii, das in dem Fortschritte der Zeit die Israeliten die geistige Beschäftigung, die moralische Bildung, die patriotische Gesinnungen in dem Grade erworben, um mit geistiger Verwendung, mit Gut und Blut dem Vaterlande dienen zu können; aber dafür sich auch würdig zu fühlen/ zu jener gleichen Stuft berufen zu werden, die jedem andern Staatsbürger angewiesen ist. So sehr ich daher das von Ihnen zuerst begrüßte Ereigniß als die schönste und höchste Belohnung meißner schwachen Verdienste zu würdigen weiß, so sehr ich mich geehrt fühle, durch die freiwillige, von der allerhöchsten Gnade bestätigte Ehrenbezeugung, vou der gesammten Bürgerschaft der Kalstrstadt als ebenbürtiges Glied der ersten Kette angereihet zu sein—die in der Geschichte Oesterreichs erprobte Bürgerschaft, welche den Thron der angestammten'Herrscher mit beharrlicher Treue schützend umschlungen — so wird dabei mein freudiges Gefühl dadurch geschwächt, daß ich gegenwärtig noch als begünstigte Ausnahme in dem Bunde meiner Glaubensgenossen erscheine, welche in der würdigen Stellung, die sie als treue Unterthanen in dem Staatsverbande emnehmen, ebenfalls auf Rechte, die allen andern Religionsbekenntnissen zukommen, Anspruch machen können. Lassen Sie uns aber vereint hoffen, daß durch die Gnade Gottes, die Milde des erhabenen Herrschers, und durch die Weisheit seiner hohen Rathgeber, welche bis jetzt vielleicht nur darum um nicht gegen verjährte Preventionen zu rasch anzukämpfrn, langsamen Schrittes in Ertheilung der Koneessionen zu gehen sich bewogen gefunden; daß durch die vomrtheilsfreien Gesinnungen der bieder gesinnten Bürgerschaft Wiens die Gesammtheit zum Ziele gelangen werde, daß der dankerfüllte Israelit das theuere Geschenk von seinem angeborenen Vaterlande mit treuer Bürgerpflicht zu bewachen und gewissenhaft zu bewahren sich bestreben wird. Lassen wir das Vertrauen und den Muth nicht sinken, daß bald die Zeit nahen wird, wo dem zu allen Opfern auf den Altar des ihm theuern Vaterlandes zu bringen bereitwilligen jüdischen Unterthamn vergönnt sein wird, bei dem Genüsse gleicher Rechte, die mühsam errungene Früchte geistiger Ausbildung dem öffentlichen Staatsdienste mit strengem Pflichtgefühle zu weihen; wo der österreichische Israelit auf dem heimatlichen Boden,. den mancher seiner Kinder in den Lagen der Gefahr mit seinem Blute getränkt, außer der kleinen Scholle Erde, die erst am letzten Ziele des Daseis sein Eigenthum wird, auch während des Lebens, eines freien unbeschränkten Besitzthums sich zu erfreuen haben werde. . Ihre gottgefälligen Worte „Bruderliebe und freundliche Wohlthätigkeit waren das Erbe unserer Väter" ist der reine Widerhall aus dem Herzen eines Sohnes, dem es, so wie seiner sämmtlichen Familie, stets die heiligste Pflicht sein wird,, die weise und fromme Lehre unseres verehrten,. unvergeßlichen, in Gott ruhenden Vaters dadurch zu erfüllen, daß soviel in unfern Kräften steht, wir nie verabsäumen werden, der gesammten leidenden Menschheit brüderlich Hilfe zu reichendem Glaubensgenossen, unter welche Zone ihn auch die Geißel des Drangsals treffen mag, väterlich mit Rath nnd That beizustehen. Indeß bleiben die Spenden von demjenigen, das der Allmächtige mir und den Meinigen zugetheilt, doch immer nur Erdengüter; Sie aber, meine verehrten Herren Vertreter, haben ein höher Verdienst sich erwoben , Sie sind es, welche ein himmlisches Gut andern Kindern unterlassen. .Durch Ihr beharrliches frommes Streben haben Sie die Gottesverehrung zu einer heiligen Weihe erhöben, wodurch der religiöse Glaube in Israel zum Frommen des Vaterlandes'und jedes Einzelnen neue Wurzel schlägt, sich mit den gläubigen Juden selbst fremde Retigionsbekenner erbauen unt>' Ehrfurcht gegen den jüd. Glauben und Achtung gegen dessen Bekenner verbreitet.— Ja, der heilige Funke der Gotteslehre, den Sie in der zarten Brust unserer Jugend immer mehr anzufachen sich bemühen, wird' zur sichern Feuersäule sich gestalten, die uns vorschreiten wird, um das noch herrschende Dunkel der Vorurtheile zu bannen und uns bald als Morgenröthe jenes Tages zu leuchten, der Israel gleiches Recht mit allen andern Staatsbürgern bringen wird." Möchte nun Äerr von Rothschild, der ftine ehrenvolle Gesinnung in diesem Schreiben so unumwunden ausgesprochen, auch der jüdischen Wissenschaft, des geistigen Lebens der Juden sich annehmen und durch die Errichtung einer jüdischen Fakultät, durch die Protektion jüdischer Autoren oder auf eine andere Weise den Anbau der jüdischen Literatur fördern helfen. Denn nur von der Wissenschaft hat das Judenthum Gesundung, Erstarkung, neues und frisches Leben zu hoffen, nur die Wiffenschaft kann dem erstarrten Körper belebende und durchdringende Warme einhauchen. — Wir wollen vertrauensvoll hoffen! Lemberg, im Juni. (Statistisches.) Gallizien hat auf 1548 LMeilen 4,764,523 Einwohner. Der Religion nach giebt es daselbst: Römisch-Katholische 2,094,443, unirte Griechen 2,077,995, nicht unirte 269,327, 5793 Armenier, 30,146 Protestanten, 254 ka rar tische und 283,345 talm ud isch e Juden. Da die Zahl der Geistlichen 4783, die des Adels zwischen 64 und 65,000 ist, so kommt auf je 909 Einwohner ein Geistlicher, auf 70 ein Adeliger, auf 10 Christen 1 Jude. Es giebt also in Gallizien mehr Juden als in jedem andern österreichischen Lande; in dem viel großem Ungarn zählt man nur 200,000 Juden.

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