Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1843)
- Article
- Leipzig : Nationalismus und Rechtgläubigkeit ... [Nachricht]
- Date
- 1843-06-27
- Page
- Seite 203 (sequence 1)
- Language
- German
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- 203 - Leipzig, 22. Juni. Der flache und hohle Rationalismus hat, eben seiner Flachheit und Hohlheit wegen dem Judenthum stets geschadet und zwar mehr als die strengste Orthodoxie. Dem Rationalismus fehlt es an einer festen Basis, an einer unverrückbaren Grundlage, daher die jüdischen Rationalisten, wie die Seiltänzer, allerlei Kunststückche und Sprünge machen, so es sich um die Kollision eines religiösen Gebotes mit einem unwesentlichen Landesgesetze handelt. Sie glauben durch das Schmiegen und sich Fügen — was ihnen bei innerer Hohlheit nicht den mindesten Kampf kostet—die Vorurtheile, welche man gegen das Judenthum hegt, zu bannen, die Bildsamkeit und Entwickelungsfähigkeit der Juden zu zeigen; allein dem orthodoxen Christenthum gegenüber, das in unserer Zeit wohl noch besteht, tritt diese rationalistische Fahrlässigkeit um so greller und abstechender hervor und ist von der schädlichsten Wirkung in jeder Hinsicht. So wird z. B. im Januarhefte vom „Morgenland" das . Gutachten des Rabb. H i r sch fe l d zu Wollstein gegen I. Hoffmann in Betreff des Sabbat- Schreiben, welches der Orient in seiner 51. Nummer des vorigen Jahrganges brachte, sehr lobend anerkannt, ja der größere Theil desselben ist von der Redaktion des Morgenlandes auch mitgetheilt worden; Hrn. Hoffmanns Schmiegsamkeit aber wird als ein Auswuchs der modernen Bildung, als die Folge der Halt- und Bodenlosi'gkeit in Bezug auf religiöse Dinge angesehen. P Berlin, 10. Juni. Nach dem Ihnen eingesandten Briefe des Dr. Frankel an den Minister Eichhorn (vergl. Orient Nr. 23) bin ich Ihrem geehrten Blatte die Mittheilung des fernern Verlaufs schuldig und gebe sie hiermit, wie sie mir theils als Gerücht, theils als beglaubigte Wahrheit zugekommen ist. Der Minister soll an Dr. Frankel ausführlich geschrieben und ihm zu erkennen gegeben haben, daß er in Berlin, einer der ersten Gemeinden Preußens, Gelegenheit finden werde, seine Talente und Kräfte zum Besten seiner Glaubensgenossen zu verwenden, und er hierbei die Unterstützung der Regierung in vieler Hinsicht gewiß sein könne. Dieses Gerücht erhalt Bewahrheitung durch die dem hiesigen Gemeindevorstande von Seiten des Ministeriums der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten zugekommene Bestätigung der Wahl des Dr. Frankel, nebst dem dringenden Auftrag, den^ selben baldmöglichst zu veranlassen, das preuß. Staatsbürgerrecht nachzusuchen und so den Antritt seines Amtes zu beschleunigen. Der freimüthige Brief des Dr. Frankel hat also nicht, wie man von mancher Seite befürchtete, einen widrigen Eindruck gemacht; und man fühlet sich von Hochachtung für den Minister durchdrungen, der das freie Wort in solcher Weise zu würdigen wußte. Ueber die von Dr. Frankel gestellten Fragepunkte aber soll die Antwort sich mehr in unbestimmten Ausdrücken gehalten und die Erfüllung der Bedingungen,^ an die Frankel sein Gehen nach Berlin geknüpft hatte, ungewiß gelassen haben. So weit das Gerücht: und nun die authentische Nachricht, für deren Wahrheit ich Ihnen ganz bürgen kann. Frankel, für den freilich, nach seinem Schreiben an den Minister, die Stelle zu Berlin nur nach einer bestimmten Erklärung annehmbar war, hat dem hiesigen Vorstände angezeigt, daß er unter den jetzigen Verhältnissen das Berliner Oberrabbinat nicht ann eh men könne und jede fernere Verhandlungaufgehoben sei. So ist nun diese Angelegenheit beendigt: möge dem trostlosen religiösen Zustande unsererGemeinde bald die Abhilfe kommen, deren sie so sehr bedarf. Hamburg, 16. Juni. (WB. vom 9 — 16. Juni ) Auch der Wiener Rothschild, der sich besonders bei der Erbauung der österr. Staatseisenbahnen sehr einflußreich erwiesen hat, und dem als Anerkennung seiner Verdienste um die Kaiserstadt und den Kaiserstaat jüngst das Ehrenbürgerrecht der Residenz durch die höchsten Stadtbehörden verliehen worden ist, hat sogleich 35,000 (nach Andern 26,000) Gulden 5pr. Et. Obligationen zu milden und gemeinnützigen Zwecken zum Besten der Aermeren unter seinen neuen Mitbürgern geschenkt. — Weit erfreulicher als diese exceptionelle Auszeichnung ist die Aufnahme dreier Genfer Juden in den Bürgerverband, die kürzlich stattgefunden hat. Jeder Fortschritt in der Schweiz ist um so erwähnenswerther, in je einen tieferen Zwiespalt das politische und konfessionelle Wesen der einzelnen Kantone gerade in unfern Tagen gerathen ist, und je sichtbarer die katholische Reaktion in den Urkantonen und in Luzern rc. sich ausbreittt. Auch ist zu hoffen, daß man in der Schweiz wenigstens nicht von einem christlich-helvetischen Staate träumen wird, wie man unter uns von einem christlich-germanischen Staate (die Leute wagen selbst nicht einmal christlich-deutsch zu sagen, obgleich das Germanenthum an sich noch nicht mit dem Christenthum zusammensiel) faseln hört. Hinter diesem Kokettiren mit einer ungereimten Idee verbergen sich aber die finstern Geister eines freilich abgeschwächten Fanatismus und die niedrigen Leidenschaften des Zunft-, Brod- und Gewerbneides. Bei reiferer Ueberlegung stürzt das Kartenhaus jüd. Nationalität zusammen, und der gesunde Menschenverstand erkennt dann, wie thöricht und widersinnig es sei, den eingewanderten Engländer oder Franzosen in den vollen Besitz dessen zu setzen, was man dem eingeborenen Juden versagt. Dieses, schon in seiner neuesten Broschüre über das preuß. Judengesetzprojekt ausführlich entwickelte Thema hat Riessec jüngst wiederum in dem vierten Kapitel seines Aufsatzes in den Neuen Hamburger Blätt. (vom 7. Juni) mit treffenden Beispielen erläutert. Wer sich freilich durch Beispiele und Thatsachen belehren lassen wollte, würde schon längst über die Wahrheit im Reinen sein, ec dürfte r;uc nach unserem Nachbarvolke, den 26 *