Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1843)
- Article
- Ostrowo: Schulwesen
- Date
- 1843-06-20
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 anruft und ermahntso gelangt auch dahin der Ruf der Begeisterung, wo über dem zündenden Funken des Fortschritts ein düsterer Flor gezogen scheint. Za, jenes HinauSströmen aller Herzen, dies Wollen und Begehren nach der lichten.Sonnenhöhe des Lebens, wo die duftenden Blumen und die süßen Früchte der Erkenntniß blühen und reifen, dies eint auch unsere Gefühle in jene brüderliche Harmonie, die thatendurstig der Zeitgeist um alles Strebsame schlingt. So wie sich in den vorzüglichsten Gemeinden der Provinz Posen derGährungsstoff des Fortschritts immer schärfer, kräftiger entwickelte, wurde auch in uns das Bedürfniß rege, den Jugendunterricht aus dem verpesteten Schulstaube der Vergangenheit in verjüngter Gestalt herzustellen. Wollen wir die Riesenschritte, die unsere Schule seit einigen Jahren gethan, mit lebhaftem Interesse verfolgen, so müssen wir zuvörderst auf die frühere Beschaffenheit derselben zurück-, gehen. Wehmuth umschleicht unser Herz, wenn wir an jene Epoche des Unterrichts zucückdenken. Ungefähr vor sechs Jahren wurde die Schule von einem Lehrer dirigirt, der mehr mit dem Handelswesen als mir dem Schulfache vertraut war; er besaß einen Materialien- Kram, und wenn ein Zögling der Schute nicht von ihm Papier, Dinte, Bleistift oder sonstige Realien gekauft, so wurde er gestäupt und das Papier oder der betreffende Gegenstand als unbrauchbar erklärt. Er schlich in der Schute herumwie ein Schattengeist, den die Zöglinge seines rohen, barschen Wesens wegen fürchteten; die Jugend gleitete; hin, gleich den Irrlichtern auf Sümpfen, und die Keime der Ausbildung, die sie in sich trugen, nicht befördernd. Es konnte aber nicht lange so bleiben; es wußte endlich das Dornengestrüpp der Brutalität und Unwissenheit weggeschafft werden. Da gefiel es denn einer wohlwollenden Regierung, die jüdischen Schulen der Provinz Posen in Augenschein zu nehmen, und so kam auch an uns die Reihe; man fand es trüb und ö.de. Es sah sich daher der damalige Schulvorstand sofort gmöthigt, einen tüchtigen Lehrer für die Schule zu berufen. Und so gelang es dem Schulvorstande einen allseitig gebildeten, geistvollen Mann für die Schule zu gewinnen, der durch Besonnenheit und Energie die Zügel des Unterrichts dahin geführt, daß ein thätigec und regsamer Geist in den Zöglingen auflebte. Dies, hatten wir in der Person deS seligen Herrn Oberlehrer Bloch. Leider ist er uns vor einigen Monaten entrissen worden; aber in unserem Herzen hat er sich ein Denkmal gesetzt, das nicht aus Stein und nicht aus Erz, sondern aus inniger Verehrung und Bewunderung seines Strebens besteht. Einem dem Verklärten würdigen, ebenbürtigen Geistesgenossen, ebenfalls mit tüchtigen Kenntnissen ausgerüstet, nämlich Hrn. Oberlehrer Piorkoski aus Kreutzburg in Oberschlesten, wurde diese erledigte Stelle eingeräumt, der in demselben Sinne und mit demselben Eifer fortfährt, für die Schule seine Geisteskräfte zu entfalten. Unser hochwürdiger Rabbiner, Hr. M. Aue rbach strebt für Aufrechthaltung des religiösen Sinnes in unsrer Gemeinde; denn die divergirenden Meinungen von Außen, die die Gemeinden zu Irreligiosität führen und die Gemüther zersplittern können, werden auch bei uns fühlbar. Es suchte derselbe aber einen geregelten Religionsunterricht einzuführen, dessen. Mangel schon längst gefühlt war; auch verdient dessen Sorgsamkeit für Arme eine ehrenvolle Erwähnung. An dem jetzigen Schulvorstand, der gebildete und einsichtsvolle Männer, als die Herren Holzmann und Hetlinger in sich faßt, habe ich noch einem Wunsch zu richten. Wiewohl es für gewiß sein sollte, daß das Gymnasium für die Kreise Osteowo, Pleschen, Krotoschin in letzterer Stadt errichtet werden soll, so gelang es doch durch die Fürsprache des wohlwollenden Fürsten R ad zivil ein hohes, .Ministerium zu bewegen, das Gymnasium hierorts zu verlegen, und es werden schon die Materialien zum Aufbau desselben herbeigeführt. Es wäre daher sehr zweckmäßig und fördernd für unsere jüdische Jugend, wenn die Schule in ihre Lehrgegenstände auch die Vorbereitungsrealien für Aufnahme in einer Mittlern Klasse des Gymnasiums mit aufnähme, damit die jüdischen Elementarschüler keinen Durchzug durch alle Klassen des Gymnasiums zu machen nöthig haben. Es., ist dies um so eher möglich, weil unser Oberlehrer, Hr. Piorkoski auch klassisch gebildet ist. Nöthig wäre nur dann ein mit methodischen Kenntnissen, ausgerüsteter zweiter Lehrer, der auch in den untersten Klassen die Anlagen der Zöglinge zur Entfaltung zu bringen verstände. Denn leider ist noch in so manchen Schulen unserer Provinz die Unsitte herrschend, in den untersten Klassen Leute anzustellen, die von herkömmlicher Unwissenheit genährt — denn gewöhnlich sind es herabgekommene Kaufleute — nicht den mindesten Lehrberuf haben. — W. Na sei. Hamburg, 4.Juni. (Zur Entgegnung auf eine in Nr. 19 d. Jahrg.d.Or. enthaltene, von Hrn. Dr. M. Heß in Stadt-Lengs feld herrührende Berichtigung.) Um sowenig leidenschaftlich wie möglich auf des Hrn. Rabbiner Dr. H eß Einwurfe gegen mein, in Nr. 13 des diesjährigen „Orient^ in Betreff der Wirksamkeit seiner Zeitschrift („der Israelit des 19, Jahrh.") ausgesprochenes Bedenken zu antworten, habe ich einige Wochen verstreichen lassen und werde auch jetzt die Persönlichkeit des Hrn. Dr. Heß so wenig wie möglich in die Principienfrage hinübecziehen. — Was nun zuvörderst meine frühere Behauptung, daß der „Israelit des 19. Jahrh." kein größeres, sondern eher ein weit geringeres Recht habe zu bestehen, gelesen und beachtet zu werden, als seine literar. Kollegen, und daß endlich sein Einfluß auf die Fortentwickelung der im Schooße des Judenthums gahrenden Ideen ein ungleich geringerer sei, als der seiner umfangreicheren Rivalen, — was