Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1843)
- Article
- Das Haus Rothschild und die Juden in Deutschland
- Date
- 1843-06-13
- Page
- Seite 192 (sequence 2)
- Language
- German
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192 - i aufzwingt und ihren Kindern nicht gestattet, als Handwerker eine andere Zunft zu suchen! Oeffnet ihnen diese Zukunft, helft ihnen, daß sie auswandern können. Begründet eine Kolonie, wo alle die Unglücklichen Arbeit und Freiheit finden, denen das Vaterland solche verweigerte. Auch diesem leistet ihrdadurch einen wichtigen Dienst, den es zwar in diesem Specialfalle freilich nicht verdient, der aber eine wohlthätige Rückwirkung haben muß. Indem man dem ärmsten, gedrücktesten Lheil der deutschen Juden die Mittel zur Auswanderung verschafft, erleichtert und verbessert man nicht allein' ihr Loos, sondern auch das ihrer zurückbleibenden Konfessionsgenossen. Jene deutschen Staaten, die aus Ungeschicklichkeit, Liebe zum Schlendrian oder gar aus Vorurtheil die die Juden betreffenden Gesetze in ihrem traurigen, mittelalterlichen Geiste ließen, brauchten als Vorwand gegen eine Reformation dieser Gesetze den Mangel an Reife und Bildung in den untern Schichten der mosaischen Religionsbekenner, die allerdings durch Armuth (zu welcher sie jene Gesetzgebung eben verdammte) verhindert waren, sich.die Kultur eines Gentleman zu verschaffen, obgleich es schwer zu begreifen ist, um wie viel mehr Bildung z. B. ein bairischer Bauer als ein bairischer Jude besitzt. Indessen würde die Auswanderung natürlich gerade diejenige Klaffe der Juden, welche als Vorwand gegen die Emancipation aller übrigen dienen muß, decimiren und letztere beschleunigen. Andererseits würden die Kolonisten in ihrer neuen Heimath durch Fleiß und Gedeihen den schlagendsten Beweis liefern können, wie durch ein billiges Maaß von Freiheit diejenigen, die man in .dem^ Mutterlande so verschrieen hatte, in thätige und nützliche Bürger umgewandelt würden, und dieser Beweis müßte dann abermals eine wohlthätige Rückwirkung auf die deutsche Gesetzgebung ausüben. Andrerseits würde die erleichterte Fakultät zum Auswandern gewiß viele Juden, selbst unter der wohlhabenden Mittelklasse, zur Auswanderung verleiten. Der Staat, der auf biese Weise viele dem Lande nützliche Kräfte davonziehen sehen möchte, müßte dann um dieses zu verhüten, von selbst auf präventive Maaßregeln sinnen, und wo wird er sie leichter finden, als in einer vollständigen Emancipation, die allen Druck und folglich auch die Grundursache zum Auswandern aufhebt. Wir können auf die praktischen Details, wie dieser Plan ^ins Werk zu setzen wäre, hier allerdings nicht eirrgehen. Dieses müßte natürlich einem. ordnenden KomitT Vorbehalten, werden, welches Mittel und Wege gehörig abwiegen kann. Aber gewiß ist es, daß kaum eine andere Kolonisationsgesellschaft so rasch und so sicher ihre Operationen beginnen könnte als die, welche wir hier in Vorschlag bringen. Einmal Rothschild an der Spitze stehend, dann würden die Subskriprionen der reichem Israeliten aus allen Enden — und nicht nur aus Deutschland allein — eintreffen, und binnen kurzer Zeit würde ein Kapital beisammen sein, wie vielleicht in England selbst nur wenige Unternehmungen dieser Art ein Gleiches ausweisen können. Da die Entreprise nicht wie andere ähnlicher Gattung nicht blos eine kommerzielle Spekulation sein würde (obgleich wir wiederholt behaupten, daß sie selbst als solche eines glücklichen Resultats sicher wäre), da vielmehr politische, religiöse und Humanitätsmotive die Haupthebel derselben bildeten, so würde ihr vieles erleichtert, was anderswo große Schwierigkeiten und Kosten verursacht. So z. B. die Agentschaften, die bei ähnlichen Unternehmungen mit schwerem Gelbe bezahlt wird und nicht selten unsichern Händen anvertraut werden müssen, würden hier an den verschiedensten Punkten von den Geistlichen und sonstigen Vorständen der jüdischen Gemeinden nicht nur freiwillig, sondern mit ganz anderem Eifer, als ein bezahlter Agent haben kann, betrieben werden. Diese Gemeindebehörden könnten zugleich die nöthige Polizei' über die Auswandecungslustigen ihrer Kreise ausüben, indem sie über ihre Moralität und dergleichen an das Central-Komitv, welches in Frankfurt oder wohl auch einer Hafenstadt seinen Sitz haben müßte, berichteten. Andererseits würden die weitreichenden Handelsverbindungen der großen jüdischen Banquierhäuser gleich von vornherein den Ankauf des Lerritoriums und die nothigen Rapporte über irgend einen zu diesem Zwecke vorgeschlagenen Landstrich, sei es in Süd- oder Nordamerika erleichtern, wobei überdies der politische Einfluß der Herrn von Rothschild manches applaniren könnte, was einer andern PrivaLunternehmung vielleicht, ein unüberstergliches Hinderniß wäre. — M?sWSo,^weit, haben wir diesen Plan vom Partikulerstandpnnkte des Iudenthüms aus betrachtet. Aber nehmen.wir an, daß die vorgeschlagene Kolonisationsgesellschaft wirklich ins Leben tritt, so wird dadurch ein Beispiel in ganz Deutschland gegeben, dessen Folgen unberechenbar sind. Die Juden haben sicherlich nicht den Ruf, unpraktische Menschen zu sein. Das zähe Mistrauen, welches die Vorschläge zu einer großen überseeischen Kolonisation bisher in Deutschland gefunden, vor Allem aber die unverzeihliche, herzlose Indifferenz mit welcher man Hunderttausende von deutschen Auswanderern ihrem Schicksal überläßt, würde dadurch sicherlich eine Grenze finden. Die Erfahrungen, welche die Ro thschild'sche Kolowsationsgesellschaft (wir wollen ihr in guter Hoffnung im Voraus emen Namen geben) machen würde, würden d-er ganzen deutschen Nation zu Gute kommen. Mag es nun sein, daß diese Gesellschaft sich dann zu einer allgemein Deutschen sich ausbildete, oder daß einzelne Kompagnien sich ihr nachbilden, oder daß die Staaten ihre Pflicht endlich begreifen lernen und die Auswanderer oder gar die Kolonien unter ihren Schutz bringen und organisiren würden z genug die Anregung wäre da, und die Herren von Rothschild würden nicht nur bei ihren Religionsgenossen, sondern bei der ganzen deutschen Nation ein schönes Monument sich gesetzt haben. Brüssel, im Mai. I. Kuranda. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nag el.