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Der Orient · 1843-06-06 · Heft 23 (6.6.1843) · p. Seite 179

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 23 (6.6.1843)
Article
Berlin
Date
1843-06-06
Page
Seite 179 (sequence 2)
Language
German
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179 Gesinnung am Rhein einen Beobachter an der Spree fand, muß ich doch meinem anonymen Antipoden in Deutschland noch lösen, und zwar einfach dadurch, daß Schreiber dieses bekennt, leider nur aus eben jenem hannöver'schen Winkel gebürtig und dort ein Schüler eben jenes Winkelrabbiners gewesen zu sein — man denke sich, aus einem so stumpfen und stumpfsinnigen Winkel, in dem man sich entschließen konnte, einen Ausländer vom Rabbinate nicht auszuschließen, da dies doch bekanntlich, wie unser namcn- und gewissenloser Kosmopolit meint, „in allen Ländern" geschieht. Schließlich wünsche ich zwar allen deutschen Gemeinden in dem tiefgefühlten Bedürfniß einer vollständigen, von einer strengwissenschaftlichen Kritik ausgehenden Reform des Judenthums erleuchtete geistliche Oberhäupter, würdige Repräsentanten unserer Religion, erinnere aber die badischen jungen jüd. Theologen, „die sämmrlich dem Fortschritte huldigen" und bei ihrem ungenannten Gönner als dereinstige „erleuchtete geistliche Hirten" so wohl akkreditirt sind, wie man es anderswo nicht eben dadurch zu sein pflegt, zu ihrer Beruhigung, daß alle die schönen Träume und Hoffnungen auf große Wirksamkeit, geschöpft aus jener vernünftigen, ideellen Wirklichkeit leider noch lange an der herben, gemeinen Wirklichkeit des Lebens, besonders des jüdischen Lebens selbst bei den leisesten Versuchen scheitern werden, daß dieser große Gegensatz unserer Zeit, dieser auch im Iudcnthum noch so grelle Kontrast nicht durch den Fortschritt oder Stillstand eines Einzelnen aufgehoben oder erhalten, sondern erst ausgesöhnt werde durch die Vermittlung von Geschlechtern und Jahrhunderten. % P. Hamburg, 22. Mai. (Wochenbericht D. 14— 21. Mai.) In den letzten Tagen ist von Neuem viel von der Wiederaufnahme der die Juden in der preußischen Monarchie betreffenden Gesetzentwürfe die Rede gewesen. Man erfuhr nämlich: 1) daß die Regierungsbehörden in Schlesien und Posen an sammtliche jüdische Gemeinden beider Provinzen eine Aufforderung erlassen hatten, genaue Angaben über den Zustand ihres Kultus- und Schulwesens einzureichen, namentlich auch die Stärke der dissenrirenden Parteien und Fraktionen mitzutheilen. Das auf Schlesien bezügliche Reskript (d. d. 24. März 1843) war von dem Regierungsrath von Heyden in Breslau unterzeichnet und befindet sich in einer Korrespondenz aus Breslau in der Köln. Zeitung vom 15. Mai in extenso (^gedruckt. An demselben Tage enthielt auch die Deutsche Allg. Zeitung eine längere Mitteilung über die geringe Aussicht, H.rrn Dr. Frankel, der unmittelbar vom Ministerium abhängen wollte, nach Berlin kommen zu sehen, wie über die Berufung des ausgezeichneten Lexikographen Herrn Dr. Leopold Freund aus Breslau in die preußische Hauptstadt. Als Zweck derselben war die Feststellung bestimmter Anordnungen in Bezug auf die Religions- und Schulvechaltnifse (also die nichtpolitischen) der preuß. Juden angegeben. Durch die Köln. Zeit, vom 17. Mai (Schreis ben vom Niederrhein, in einem den Juden sehr günstigen Sinne gehalten) erfährt man indeß, daß auch in Rhein- Preußen ein ähnliches Reskript angekommen sei, das aber leider wieder von „Korporationen" und „Nationalcharakter" spreche. Auch ist es entweder ungeheuer naiv oder höchst bedenklich, daß den Gemeindevorstehern aufgegeben wird, sich darüber zu äußern, ob bei den Altgläubigen oder bei den „Neologen" größere Sittlichkeit vorherrschend sei. Wie nun, wenn die Gemeindevorsteher Einer Partei angehören? Werden sie nicht von ihren Anhängern alles Gute, von den Gegnern alles Böse pradiciren? Oder aber, wenn im Schooße des Vorstandes die Ansichten divergicen, wem soll die Behörde trauen? Oder endlich, wenn beide Parteien einander gegenseitig Ablaß ertheilen, ist. da nicht jeder Verbesserung ein Riegel vorgeschoben? Auch hier werden also die nachtheiligen Folgen schwerlich ausbleiben. Die rheinischen Juden erwarten übrigens so zuversichtlich, daß die jetzt versammelten Stände die Beschränkung der Zulassung zu Kommunalämtern auf christliche Konfessions- Verwandte ablehnen werden, daß sie es nicht einmal für nöthig erachtet haben, deshalb zu petitioniren. Ob sie daran recht gethan, ließe sich noch bezweifeln. Doch ist es ein gutes Zeichen, daß das strengkatholische Köln die Emancipation ins Werk gesetzt zu sehen wünscht. — In Breslau bereitet sich übrigens eine nicht unbedeutende Umgestaltung der bisher bestehenden Verhältnisse der jüd. Kaufleute zu den christlichen vor. — Bis jetzt durften die erstecen nämlich nicht auf der Böse erscheinen; es war also ein absolut christliche Börse, wahrscheinlich mit dem christlichen Staate verwandt. — Jetzt soll nun aber statt des Komitees der (christl.) Kaufmannsältesten in Breslau eine Handelskammer errichtet werden, bei der die jüdischen Kaufleute das Recht zu nprasentiren und repräsentirt zu werden erlangen sollen. So heißt es, und wie es scheint aus ofsicieller Quelle in einer der Berliner Zeitungen. — Außerdem hat die Nachricht von der großartigen Schenkung (100,000 Fr.) des Pariser Banquiers Freih. v. Rothschild für das jüdische Hospital in Jerusalem und Errichtung einer Schule daselbst die Runde durch alle Zeitungen gemacht. — Dazu kommt, daß der Frankfurter Chef desselben Hauses ein Gemeindehaus, eine Schule und eine Synagoge in seiner Vaterstadt erbauen lassen will. Zur Synagoge sollen bereits 200,000 fl. bestimmt sein; doch glaubt man, da das Gebäude außerordentlich prächtig werden und eine Konkurrenz der berühmtesten Architekten zur Einreichung von Plänen und Rissen stattsinden soll, daß Hr. v. Rothschild 350,000 fl. dazu hergeben werde. — Endlich hat derselbe Banquiec neulich 1000 fl. der Stuttgarter israel. Waisenanstalt (der sog. „Wilhelmspflege") geschenkt. — Einer der bekanntesten jüdischen Banquiers in Paris, Herr Gustav Halphen, ist tür- 23 *

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