Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1843)
- Article
- Karlsbad: Verdienste der Juden um d. Unterstützung der Erzgebirger
- Date
- 1843-05-23
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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166 - aber in Europa, in Deutschland, ein Jude Tausende der Christen vom Hungertode und anderen Lebensgefahren rettet und unterstützet, so gewiß rettet und unterstützet, daß es selbst der ärgste Judenfeind nicht in Abrede stellen kann; da wird entweder nur höchst selten in irgend einem entlegenen Winket, im Vorbeigehen, davon gesprochen, oder es wird ganz mit Stillschweigen übergangen. Von der schrecklichen Noch, die in der verflossenen Winterszeit unter den Bewohnern des böhmischen Erzgebirges ausgebrochen, wurde in den in- und ausländischen Zeitungsblättern und mit Recht ein Breites und Langes berichtet; aber nirgend erwähnt, daß die kräftige Unterstützung, die den Nochleidenden geworden, nur von Seite des Juden angeregt und veranlaßt worden ist. Allein wenn Alles schweigt, so soll und darf doch jenes Organ nicht schweigen, das sich die physische und geistische Erhebung Israels zur Aufgabe gemacht, das seit Jahren die Sache der Israeliten so kräftig vertritt und keine an ihnen verübte Injurie ohne die gebührende, würdige Zurückweisung vorübergehen läßt. Daher unternimmt es Referent, Ihnen Hochgeehrter Herr Redakteur! den ganzen Gegenstand, von dem man genaue Erkundigung ekngeholt, wie er sich zugetragen, zu berichten, damit Sie die gefällige Anwendung hiervon machen wollen. —Die Bewohner des böhmischen Erzgebirges über 40,000 an der Zahl, leben schon durch mehre Jahre, seit dem ihr Hauptnahrungszweig, der in der Verfertigung von Spitzen bestand, gebrochen und gesunken ist, in der größten Armuth und Dürftigkeit. Doch als im vorigen Jahre wegen der trockenen Jahreszeit, auch ihr Hauptlebensmittel, die Erdäpfel, ihnen fehlschlugen , stieg diese Noth aufs Aeßerste und zwar so weit, daß Mehre die aus Mangel an Bekleidung nicht hinauskonnten, um das Bcod sich zu erbetteln, auf ihrem Strohlager todt gefunden worden sein sollen. Als nun von. diesem Elende, der jüdische Kattunfabrikant, Hr. Leop. Löwenfeld, der am Fuße des Erzgebirges seine Fabrik hat, und über 500 christliche Arbeiter, unter ihnen auch viele aus der Gebirgsgegend beschäftigt, die Nachricht erhielt, suchte er sogleich die Nächstliegenden Ortschaften mit dem Nothwendigsten zu versehen, und schickte einige Mal aus Eigenem 40 bis 50 Brode an dieselben. Doch bald überzeugte er sich, daß die vereinzelte Hilfe in dieser ungeheuren Noch ganz unfühlbar bleibe, und daß überhaupt aus einheimischen Quellen, diesem allgemeinen Hunger nicht Befriedigung werde verschafft werden können. Daher unternahm er eine Reise nach Prag, um bei seinen Handlungsfreunden die nochwendige, einstweilige Hilfe zu suchen / und so weit als möglich das im Gebirge grassirende Nebel bekannt zu machen. Hier gesellte sich noch sein daselbst wohnender Bruder H. W. Löwenfeld zu ihm, und ihre gemeinschaftliche Schilderung von dem Zustande der armen Erzgebirgsbewohner und kräftige Verwendung bei vielen reichen, jüdischen und christlichen Handlungshäusern in Prag, hatte den erfreulichen Erfolg, daß sogleich ihnen die vermittelst einer Kollekte gesammelte Summe von 1002 fl. zur schnellen Abhilfe verabreicht, und für die Zukunft die Kreirung eines Vereins zur Unterstützung dieser Nothleidenden beschlossen wurde. Wirklich trat auch sogleich dieser Verein ins Leben, der nicht nur bis heute noch durch Lebensmittel, Kleidungsstücke-und baares Geld den Armen kräftig unter die Arme greift, sondern der durch seinen Eifer, seine Aufgebote, noch andere wohlthätige Vereine, in andern Ländern und Ortschaften hervorrief. So ist bis heute im Baaren ohne Kleidungsstücke und Lebensmittel mehr als 100,000 fl. CM. zum Besten obbenannter Armen zugeflossen. Und zu diesem ganzen Riesenwerke, gab ein Jude den Impuls, ein Jude das bekennen selbst die Magistrate und Stadtgerichte der Gebirgsplätze, indem sie ihm mündlich und schriftlich das Zeugniß gegeben, daß er ihr Lebenserretter sei. Ja, sogar der Magistrat und die Bürger der Stadt Joachimsthal, einer Stadt, in der, als einer Bergstadt, nach den bestehenden österreichischen Gesetzen kein Jude sich sehen lassen darf, haben es offen und frei bekannt, daß wenn kein Jude in diesem Winter hingekommen wäre, die Hälfte ihrer Bewohner vom Hunger aufgerieben worden wären! — Indem wir nun eine solche That veröffentlichst wissen wollen, ist es keineswegs Ruhmsucht und Prahlerei, wie unsere Feinde gern der Welt glauben machen wollten; sondern es ist dies ein Beweis unseres Zusichkommens, unseres Bewußtwerdens des innern Werthes. Es ist das Appelliren an die Gerechtigkeit, an die Humanität, an die vielfach gepriesene und alles beglückende Liebe der Christenwelt. Es ist dies endlich das Streben, die Vorstellungen jener Uebelwollenden, durch ein lebendiges Gegenbild zu verscheuchen, die dem Juden mit dem Vorbehalt des äußern, auch das innere Gut entreißen wollen, die nicht nur das physische, sondern auch das geistige Bürgerrecht, nur für sich allein usurpicen möchten, die sich nicht entblöden laut zu äußern, daß der Jude in keiner Beziehung ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft werden könne. Prttg, 1. Mai. Hc. L. Epstein hat, da die Minister der himmlischen äußerlichen Angelegenheiten in der „Reis-Frage" das Prohibitionssystem beibehielten, anstatt der versprochnen 60 Ctr. Reis 200 Pfd. Fleisch unter die hiesigen Armen vertheilt. Bemerkenswerth ist es, das gerade diejenigen Reichen unserer Gemeinde, welche weder durch Frequentation der Synagoge — das signum sanctitatis in unserer Gemeinde — sich auszeichnen, noch überhaupt auf die Ausübung der Observanzen und Ceremonien' einen besondern Werth legen, die Wohlthätigsten und Freigebigsten sind. Woher das kommen mag?