Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1843)
- Article
- Prag: Intoleranz der christlichen Einwohner
- Date
- 1843-05-02
- Page
- Seite 144 (sequence 2)
- Language
- German
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144 im Czechenlande aufgehen, und wenn die moderne Weltbildung mit der Zeit ihre Reise auch durch Oesterreichs Staaten macht, wird Böhmen den Ausgangspunkt bilden. Eben darum aber muß es bedeutsam und von besonderm Interesse für uns sein, die Fruchtkapseln zu beobachten, aus denen der Same einst Hervorbrechen soll, die Stagnation scharf ins Auge zu fassen, um auch die Gährung, die sich ihr künftig entwinden muß, zu verstehen, wir müssen selbst den Stillstand erforschen, um den Fortschritt, die apathische Gegenwart, um die ihrem Schooße entkeimende rege Zukunft begreifen zu können. Eben darum ist es von hoher Wichtigkeit die hiesigen Verhältnisse jener Elemente kennen zu lernen, die anderswo zu Zeitfragen geworden, bei uns nochZeitrathsel sind. Ein Solches nun auch ist die Lage der jüdischen Glaubensbekenner hier zu Lande, in socialer eben sowohl als in politischer Beziehung. Denn nicht berücksichtigend die Anforderungen der Zeit, aus den Gräbern der Geschichte die Blumen der Liebe und Eintracht, die Palme der Wahrheit und des Rechts emporsprießen zu lassen, ist es hier noch der verweste Leichnam eines längst gestorbenen Religioseifers, der mit seinem Modergerüche jede Frühlingsblüthe eines bessern bürgerlichen Zustandes im Keime tobtet. Der Vulkan des Glaubenshasses ist längst ausgebrannt, sein Nachen speiet keine Flammen mehr, aber Rauchuud Lavasäulen steigen noch aus seinem Krater, verdunkeln die schöne Landschaft rings umher und umdüstern den Blick, daß Brüder sich verkennen, Freunde sich mistrauen. Es schmerzt uns, es schneidet uns Juden tief in die Seele, in den socialen Verhältnissen zu unfern christlichen Brüdern den gehörigen Einklang und die Harmonie noch immer zu vermissen, die Kälte und Entfremdung zwischen Bewohnern eines Ortes.walten, den konfessionellen Unterschied noch immer störend in das bürgerliche und reinmenschliche Einvernehmen zwischen Kindern eines Vaterlandes eingreifen zu sehen. Es schmerzt uns eben so tief als die Entziehung theuerer Rechte und die Beschränkung unserer politischen Existenz von Seiten des Gesetzes. Greifet dieses unser materielles Leben in seinen Fundamenten an, so kränker jenes unsere Ehre, unsere höhern geistigen Empfindungen. Das süße Gefühl, in sympathetischem Rapport mit der Gesammtheit zu stehen, auf der Basis allgemeiner Würdignng und Zuneignung unser Privathäuschen auszuführen, ist uns leider nicht gegönnt. Nicht als ob wir es verkennen, daß eine bedeutende Anzahl psychischer Fäden bereits Juden- und Christenheit verknüpfen, daß man in individuellen Angelegenheiten zunächst das Glaubensbekenntniß vergißt und blos den Menschen sieht: nein! der Wahrheit die Ehret Unser socialer Zustand ist noch am Meisten fortgerückt, die Nacht ist geschwunden, aber der Tag noch nicht angebrochen, es schwimmt noch Alles in grauer Dämmerung, die dunklen Schatten des Mittelalters wagen nicht vor die Oeffentlichkeit zu treten, aber sie haben in den Ritzen und Spalten des Volkslebens sich eingenistet und huschen noch oft gespensterartig an uns vorüber. . Und das ist es aber, was ihre.Ausrottung erschwert, was sie stich- und kugelfest macht, .daß es nicht reelle Wesen, wirkliche Gestalten sind, gegen die man kämpfen, die man besiegen könnte, sondern hohle Schatten eines nicht wehr exlstlrenden Fanatismus, bleiche Schemen einer längst entschwundenen Zeit, die unsere Streiche nicht verwunden, unser Schwert nicht treffen kann. Es ist ein bewußtloses, traditionelles Miswollen, ein zähes Festhalten an den gewohnten Schlendrian, es ist die Klebrigkeit des eingesogenen Vorurthells. Wir wollen für den Augenblick nicht in Anschlag bringen, die obwohl bedeutenden Ingredienzien des Krämerneides, der persönlichen Feindschaft, des engherzigen Selbstinteresses, der stupiden Schadenfreude und rohen Bosheitslust, aus denen wohl zum größten Theil jene giftige Komposition der „Judenantipathie" zusammengebrauet ist; wir lassen für jetzt beiseite die Antihumanität und den verknöcherten Egoismus, die die Glaubensverschiedenheit als einen bequemen Vorwand ' betrachten, der ihre Herzensverderbtheit entschuldigen, wo nicht gar rechtfertigen könne, als die alte Maske, die die unsittlichsten Triebfedern birgt, als die Erbdecke, unter der die schimpflichsten Beweggründe von jeher heimlich ihr tückisches Spiel trieben. Von diesen Allen sehen wir ab, denn wir wollen hier nicht anklagen, nicht von den Ruchlosen reden, denen freilich da Alles zu Statten kommt, die da ein freies Feld finden, auf dem sie sich ohne Scheu und ungehindert herumtummeln können. Diese Hefe des Volks, dieser Bodensatz, wenn er auch zuweilen auf der Oberfläche schwimmt, kann wohl zurückgedrängt, aber nicht purisicirt, kann wohl gewaltsam niedergehalten, aber nie geklärt werden. Wir haben es nur mit den edlern Theilen der Bevölkerung zu thun, die in Jrrthümern und rm Wahne befangen, sich und uns schaden. Suchen wir daher endlich den Acker des gesellschaftlichen Lebens zu umbrechen, und das Unkraut, das auch' hier wuchert und das Gedeihen der rFriedenspflanze hindert, kennen zu lernen und es auszujäten. S. Koch. SSteteffaftett. Hrn. Dr. B—n in B. ersuche ich um Berücksichtigung meines Briefes v. 3. v. Monats. —- Hrn. Formst.: Um die versprochene Recension bitte ich ergebenst. Eine Recension über R. d. G. wird als 2. Art. folgen von mir. — Hrn. Dav. C. in Glogau: Den Brief habe ich erhalten und ich werde mich nicht ausschließen. — An Hrn. Dr. Scheper': Das Gewünschte habe ich durch die Andrea'sche Bucht), regelmäßig besorgt. — An meine Freunde in Amsterdam: Die Zuschriften erhalte ich regelmäßig und werde zur Zeit stets bereit sein davon Gebrauch zu machen. — Hrn. Dr. S. Preiswerk in Basel meinen Gruß; das Zugeschickte habe ich mit Dank erhalten. Der Tausch kann durch die Buchh. bewirkt werden. — Hrn. S. C. in Berlin bitte ich wegen der Verzögerung um Entschuldigung, es wird nicht mehr verschoben. Verlag von 6. L. Fritzsche. Druck von I. H. N agel.