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Der Orient · 1843-05-02 · Heft 18 (2.5.1843) · p. Seite 143

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 18 (2.5.1843)
Article
Prag : Geburtstag des Kaisers v. Oesterr. [Nachricht]
Date
1843-05-02
Page
Seite 143 (sequence 1)
Language
German
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143 erblüht die Wahrheit/ die befruchtend in die weite Zukunft hinaus Segen spenden kann. — Zur Errichtung einer zeitgemäß organisirten Schule sind bereits bedeutende Schritte gethan wvrdm, und deren Aufbau wird von der Korporation mit einem Eifer betrieben, der in der That löblich ist. Es bleibt nur noch zu wünschen, daß bei Berufung der Lehrer die gehörige Wahl getroffen werden möge; denn die Jugend hatte hier lange genug Ferien, und braucht tüchtig gebildete Individuen, die mit dem Grabscheit der Strenge das Unkraut ausjäten können. Das hier unweit liegende Städtchen Zerkow, wo circa 100 jüd. Familien leben, besitzt bereits seit einer Reihe von Jahren eine gute jüdische Elementarschule, die tüchtige Zöglinge heraufgcbildet hat, und sonach uns vorgerückt ist; auch ist daselbst eine schöne Synagoge. — Wir hoffen, daß das zu errichtende Gymnasium für die Kreise Ploschen, Ostrowa und Krotoschin auch auf die jüdische Jugend seinen segensreichen Einfluß ausüben wird, und sehnsuchtsvoll sehen wir der Zeit entgegen, wo man mit Recht sagen wird, daß wir den Gemeinden Deutschlands gleich sind. Oesterreich. PlMK, 19. April. Das Neueste in unserer Gemeinde ist die solenne Feier des Geburtstages unseres Kaisers Ferdinand I., und wie ich vernehme, so geschieht das in den meisten jüdischen Gemeinden Oesterreichs. Zwar ist die Feier solcher Tage bei Unterthanen gewöhnlich nur eine Konvenienz, aber ich darf es wohl mit Bestimmtheit behaupten, daß bei uns diese Feier von der Hoffnung beseelt ward, daß es unter dem Zepter der österreich. Regierung uns gelingen möge, die Menschenrechte, deren wir noch leider in diesem Lande entbehren, zu erlangen. Am 18. Abends hielt der Prediger Sachs eine schöne und treffliche Rede, die für die Feier paßte. Heute früh versammelten sich die Achtbarsten der Gemeinde in die Altneu-Synagoge zur gleichen Feier, und nachdem der Vorbeter die Psalmen 21. 65. und 72 vorgetragen, hielt der Rabbiner Rapaport eine zwar kurze, aber treffliche Rede. Gern würde ich für die Leser dieses Blattes einen Auszug dieser Rede, die sich, wie der Leser denken kann, über das Gewöhnliche sehr erhob, gegeben haben, wenn nicht die Tendenz dieser Blatter dergleichen Auszüge fern hielte. Pvcrg, 20. April. In dieser Woche hat sich hier ein eigenthümliches Ereigniß zugetragen, das innerhalb unserer Gemeinde ungemeine Sensation erregt. Ein Judenmädchen, welches in dem allgemeinen Krankenhause gestorben, ist, wahrscheinlich weil man ihre Konfession nicht wußte, auf dem christlichen Gottesacker beerdigt worden. Das Oberjuristen-Kollegium hat schon um Erledigung dieser Sache eingeschritten und man erwartet mit Ungeduld den Erfolg ab» Das arme Mädchen könnte am Auferstehungstage, wenn es dann noch Konfessionen giebt, ganz irre werden. — Die Vorträge des Hrn. Sachs über die Psalmen werden Anfangs Mai beginnen. Die Zuhörerschaft der talmudifchen Vorträge des Hrn. Rapaport wird immer bedeutender; es finden sich unter den Hörern manche tüchtige junge Leute, die mit Recht das Rabbinatszeugniß verdienen. - Prag, 1. April. In seiner nordwestlichen Spitze hat das Länder- und Wölkergemisch des österreichischen Kaiserstaates einen weit hinausgeschobenen Vorposten, dem ein Blick in das deutsche Lager vergönnt ist, eine schmale Pforte, durch welche romanisches Leben und germanische Wissenschaft, obwohl nur Atom für Atom, in die weiten Hallen Austria's einziehen und diese Pforte heißt Böhmen. Böhmen ist durch seine geographische Lage schon daraus angewiesen, die Brücke zwischen Deutschland und dem Kaiserstaate zu bilden und die Zeitklänge, die in Teutoniens Gauen ertönen, in ihren Schwingungen fortzupflanzen, damit man auch in Oesterreich ihren Widerhall vernehme. Und nicht nur ihm allein, sondern dem ganzen Slaventhume hat es die Ergebnisse der höhern Kultur zuzuführen, sowohl das edle Gestein, das in den Schachten deutschen Wissens gewonnen, als die Früchte, die an dem Lebensbaume auswärtigen Volksthums gereift. Zwar liegt er noch weit entfernt, der Moment, der diese Hoffnungen verwirklichen, der diese süßen Träume ins Leben rufen soll; geht doch die scientifische Intelligenz, die Germanien ihre Heimath nennt, die Ln den Staaten Preußen und Sachsen, den Halbgürtel Böhmens, ihren Foyer? hat, dennoch nur langsam und allmählig vorwärts, was ist da von der social-politischen zu erwarten, die Deutschland selber erst aus der Fremde überkommen hat? Wie kann es das Buch des Lebens, indem es noch, ein A-W-CSchütze, im Schweiße seines Angesichts buchstabiret, oder wenn es ja einen erkleklichen Satz zu Stande bringt, der Solöcismen und Barbarismen nicht ledig werden kann, wie soll es nun das einen Andern lehren? Der seinsollende Meister vermochte es noch nicht, von den Maulwurfshügeln des Egoismus den Blick zu den Alpen hoher sittlicher Gemeininteressen zu erheben, die Fesseln des Herkommens mit einem Schlag zu zertrümmern, anstatt mit kriechender Trägheit und geduldiger Zähigkeit jeden Ring der Kette, in die der Feudalismus uns geschlagen, Iahrzehende beschaulich zu prüfen, und wohl zu erwägen, ob die Striemen nicht ein historisches Recht an uns haben. Er hat es noch nicht über sich selbst gewinnen können, aus dem dumpfen Keller der Grübelei auf die Wahlstatt des bewegten Lebens sich hinauszuwagen, und zu dem sollte unser armes Land in die Schule gehen, der Schatten eines Schattens werden? Aber die Zeit treibt selbst den Bedächtigen vorwärts, auch die Schnecke kommt endlich ans Ziel, und hat es auch nicht den Anschein, als ob Böhmen bereits seine Mission zu erfüllen, die Aufgabe, die ihm gestellt, zu lösen begonnen; so können wir es doch mit Wahrscheinlichkeit sagen: Die Sonne, die einst über das Kaiserreich ihre Strahlen ansgießen wird, wird

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