Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1843)
- Article
- Stettin : Trauerrede des Dr. Meisel [Nachricht]
- Date
- 1843-05-02
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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142 sondern stets die rechte Mitte zu halten und sich des Friedens zu befleißigen. Sondershausen, 23. April. Ohne der Bescheidenheit zu nahe zu treten, glaube wir wohl einen abermaligen edlen Zug unseres geliebten Vorstehers, des Herrn Hofagenten M. Czernikow, hier erwähnen zu dürfen. Derselbe verehrte vor einiger Zeit der hiesigen Gemeinde, ganz aus eigenen Mitteln, einen sehr zweckmäßig gebauten Leichenwagen, der bei der entfernten Lage unseres Friedhofs längst nöthig war. Bei dem nächsten Sterbefalle wurde ec dann im Beisein einer unabsehbaren Menge von Zuhörern aller Stande, durch einige geeignete Worte, zu seiner traurigen Bestimmung geweiht. Dank dem edlen Menschenfreunde! ION ab&cb rraso uw edn hw ion wn dtidd Dy. Berlin, 24. April. Höchst interessant ist es, daß gerade beim Landtage des Gcoßherzogthums Posen der Antrag gestellt wurde, „den Juden die bürgerlichen Rechte im vollen Sinne des Worts zu gewahren", und daß, wie die amtliche Mittheilung meldet, derselbe der Berathung des künftigen Landtags Vorbehalten bleiben sollte. „Oer Gegenstand (heißt es im Bericht) ist sehr wichtig, und die Zeit reicht nicht hin, ihn gründlich zu erörtern, da alle Berathungen geschlossen werden sollen." Diese, so zu sagen, Jnbetrachtnahme eines solchen Antrags möchte doch von dem Willen zeigen, etwas zu thun, denn sonst würde ohne weiteres die Tagesordnung angenommen worden sein. Dieses Verfahren des pofenschen Landtags ist um so mehr der Erwähnung werth, als der preußische Landtag vor zwei Jahren die jüdischen Stadtverordneten nicht einmal bei der Wahl der städtischen Landtagsabgeordneten zulassen wollte. D.A.Z. DeHltN, 27. April. Hr. Dr.u. Rabb. Sam. H icsch, der bald nach Luxemburg abgeht, giebt in den ersten zwei Anmerkungen zu seiner neuesten Schrift: „Das Juden-, thum, der christliche Staat und die moderne Kritik. Briefe zur Beleuchtung der Judenfrage von Bruno Bauer" eine Schilderung von der Betriebsamkeit der jüdischen und der Toleranz 'der christlichen Bewohner seiner Heimath, die ich zur Widerlegung mancher ungerechten Klagen, welche über die vorherrschende Neigung der Juden zum Kleinhandel und über den Partikularismus derselben allenthalben erhoben werden, mit unbedeutenden Veränderungen hier mittheile." Meine Heimat!) ist ein Dorf (Thalfangen, im Kreise Bernkastel) von ungefähr 80 Häusern, worunter ungefähr 18 jüdische Familen. In Rheinpreußen gelegen, stehet der Jude dort seit den französischen Zeiten dem Christen in bürgerlicher Beziehung völlig gleich. Der Kleinhandel, den die Juden daselbst treiben, hat in Niemands Augen etwas Zurücksetzendes. Und doch giebt es unter diesen 2 jüdische Gerber, einen jüdischen Blaufärber, einen Seiler, einen Buchbinder, und es widmen sich immer mehr junge Leute dem Handwerk, und das aus völlig freiem Antriebe. Außerdem betreiben sie alle etwas Ackerbau, d. h. sie graben und düngen das Feld mit eigenen Händen, Tagelöhnern u.' f. w. — Oer Pfarrer hat schon in der Synagoge und auf dem jüdischen Gottesacker gepredigt und Niemand fand es anstößig. Der christlichen Leichenbegängnissen werden die Juden mitgeladen; wahrend nun die Leiche über die Straßen zur Gruft getragen wird, folgt ihr Alles, Kirchenlieder singend, entblößten Hauptes; nur die Juden bilden eine Ausnahme, sie folgen mit bedecktem Haupte und auch dieses findet Niemand anstößig." Ein Dorf, das gewiß viele große Städte beschämen kann! Pieschen (im Großherzogthum Posen), Ende März. Die kräftigschlagenden Lebenspulse des jüdischen Geistes, dessen Macht sich auch über unsere Provinz ausbreitet und selbst den kleinsten Gemeinden eine erleuchtete, moderne Gesinnung einflößt, hat auch in uns den Wunsch geweckt, zeitgemäßere Anstalten in Bezug auf Kultus nud Schulwesen zu treffen. Es sind bereits einige Jahre verflossen, seitdem wir verwaist, ohne religiöses Oberhaupt dastehen, da unser Rabbiner ' nach Grätz berufen worden. Wir hätten nun schon längst einen würdigen Vertreter gewählt, wenn nicht hier, wie in manchen jüdischen Gemeinden, der Zankapfel eitler Pacteisucht, so zerstörend emporgeschossen, daß er jeden Schritt nach Vorwärts verhindert. Der einsichtsvollere, bessere Theil der Gemeinde verlangte einen wissenschaftlich gebildeten, einen mit der Zeit innig vertrauten Rabbinen; der andere, vom alten Schlag und von scholastischem Mysticismus umdüstert, wünscht wieder aufs Neue einen von altem Korn. So wird der Sieg der Wahrheit nicht errungen, wo blinde Parteilichkeit ihre Kräfte entfaltet! — Die Menge von Rabbinats-Kandidaten, die in abgebrochenen Zeiträumen sich hier einst'nden und auch mitunter den Beifall für ihre Predigten davon tragen, werden stets mit der Weisung beschieden, es werde auf sie bei einer nähern Uebereinstimmung reflektirt werden; aber leider ist es bis jetzt zu Nichts gekommen, und wir sehen vorläufig einer besseren Zukunft entgegen. Die würdigen Prototype einzelner Gemeinden unserer Provinz, die in ihrer Mitte redliche Verkünder der Wahrheit haben, werden mit der Zeit die Gesinnungen säubern und kräftigen, so daß der alte Schlendrian, die Knechtschaft des Wortes und des Ceremoniells aufhören wird. Ein flimmerndes Heraufdämmern einer der Zeit angemessenen Denkungsart ist zwar bis in die niedrigsten Familienkreise nicht zu verkennen. Alles sucht vertraut zu werden mit den Bestrebungen unserer Zeit; es ist aber kein ernstes Erfassen der Erfcheinungen, kein inneres Verlangen nach einer fegensreichen Gestaltung eines Bessern. Auf den Trümmern der jetzt öde stehenden Bote-Midraschim, die seit einigen Decenmen immer mehr ihre Kräfte verloren,