Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1843)
- Article
- Prag: Die Erbsen- und Reisfrage
- Date
- 1843-04-25
- Page
- Seite 135 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2360092-2360256-2360274-2369096--3306-2369134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
135 H. Landau selbst, als voriges Jahr einer der Appellanten em separates Votum dafür abgab, verboten wurde. Bei dem Allem, gab man vor, sei blos das polizeiliche Element vorwaltend, und es unterliege daher nur dem weltlichen Gerichte. Das konnte man nun freilich in der Hülsenfrüchtefrage nicht sagen, diese, sah jeder ein, sei rein religiöser Natur, und es käme nur-den Appellanten zu, darüber zu entscheiden. Aber auch da sollte ein moralischer Zwang auf sie ausgeübt Werder, ihre Kasuistik sollte in Konflikt gebracht werden mit dem armen Theil der Gemeinde, mit der öffentlichen Meinung, ja mit ihrem eigenen Herzen, dem doch die Linderung der Noth bei den mittellosen Klaffen nicht gleichgültig sein ^ann und darf. Bei der heurigen Mißärndte, wo die Erdapfel, die gewöhnliche Pesachspeise des armen Mannes, nicht gediehen und hoch im Preise stehen, auch die übrigen Lebensmittel sehr vertheuert sind, den Armen noch den Genuß der Hülsenfrüchte zu'versagen, schien allerdings eine bedenkliche Sache. Und diese Kalamität betrachteten die Ummodler als eine zu günstige Gelegenheit für ihre Pläne, um sie nicht auszubeuten. Fronte capillata est, a tergo occasio calva. Einer unserer Reichen ließ nun noch an das Religionstriumvirat eine Botschaft.des Inhalts ergehen, daß er diesen Pesach 60 Zentner Reis unter den hiesigen jüdischen Armen zu vertheilen gesonnen sei, so solcher ihnen zu offen erlaubt würde. Dieses- Anerbieten setzte unfern Oberjuristen (Apellanten) nicht wenig in Verlegenheit, und sie traten zu einer Konferenz deshalb zusammen. Nach mehren Debatten, in denen merkwürdig genug gerade H. Freund sich zu Koncessionen, obwohl unter schwierigen Bedingniffen und unzähligen Verklausulirungen, herbei lassen wollte, H. Leweles hingegen aufs Entschiedenste protestirte und H. Rapaport, der Anfangs zu schwanken schien, aber von den Orthodoxen bearbeitet, sich zuletzt der Negation zuneigte, ging endlich das Ergebniß hervor, daß die Reisbill verworfen wurde. Die Anti-legumeslaw-league ließ noch ihren letzten Schreckschuß abftuern. Das Appellanten-Kollegium, mit Ausnahme des unverbesserlichen Leweles, ward vom Vorsteher Landau, im Beisein jenes Reform-Almoseniers vor sein Forum geladen. Als beide Rabbiner aber auf ihrer Weigerung beharrten, sah die Opposition nach einem kurzen Wort-Kleingewehrfeuer sich bemüssigt, wieder unverrichteter Sache abzuziehen. Eine scharfe Ladung der beißendsten Satyren und ätzendsten Sarkasmen sandte H. Dr. Sachs in seiner Predigt mD der Liga noch nach. So endete der zweite Versuch eines Reis-Effendi, sich in unsere innern Angelegenheiten, zu mischen. Die öffentliche Meinung hat dem Ausgange der Sache ihren Beifall gegeben, es freuet sie schon darum, daß das Bet-din wieder einmal charakterfest und konsequent ausgetreten, und die Anmaßung der Plutokratie, sich auf dem religiösen Gebiete geltend zu machen, gebührend zurückgewiesen hat. Eine Episode, die sich aber in diesem Reis-Drama zugetragen hat, ist zu interessant, um ganz übergangen zu werden. Der Bott nämlich, der die Aufhebung des Hülsenfrüchte- Verbots bei den Appellanten beantragen oder erwirken -sollte, gehört zu den Oiis minorum gentium, es ist einer von den subalternen Rabbinen, die zufolge einer frommen Stiftung, für das Seelenheil des Legators täglich eine Stunde Lalmud lernen. Als nun dieser Gesellschaft das Betragen ihres Kollegen zu Ohren kam, wurden alle über seine Willfährigkeit, solchen Zwecken zu dienen, so entrüstet, daß sie ihn in den heftigsten Ausdrücken mit Vorwürfen überhäuften, mit Scheltworten um sich warfen und, hovribile dictu, sogar exkommunieirten. Worin bestand aber diese Exkommunikation, höre ich fragen,, da der alte Bannstrahl seiner Zündkraft nun beraubt ist? Ja! der Fanatismus ist erfinderisch, er kenntdie schwache Seite der Menschen, er weiß, wo ihnen am Leichtesten beizukommen ist. Die Mitglieder jenes Stiftungsfondes sammeln wöchentlich unter sich kleine Beiträge, um nach Beendigung eines Lalmudtraktats, sich für ihre Mühe und Arbeit mit einem Schlußgastmahl, dem soi-disant ©tum,' zu regaliren. Von diesem Abendmahle wurde der Ketzer mm ausgeschlossen und ihm seine zu diesem Behuf geleisteten Beiträge zurückgestellt. Die Seligkeit des Siumschmauses wurde ihm abgesprochen, er sollte keinen Antheil haben weder an der süßen Torte noch an dem gesalzenen Braten, ihm sollte die würzige Suppe nicht duften, seine Sehnsucht nach säuern Fischen sollte unbefriedigt bleiben, alle Tantalusqualen sollte erfühlen, bis sein lechzender Gaumen in Reue zerknirscht, bis sein entbehrender Magen in Demuth ergeben, Buße thun und wehmüthig emgestehen sollte, „die Reisfrage sei ein von Satan heraufbeschworenes Ungethürn Dieser gräßliche Bannfluch, ein solches fürchterliches Anathema konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Bald kehrte das verirrte Schaaf zur Heerde zurück, gestand seinen Mißgriff, und seine innige Reue, der Bann wurde gelöst, und der in den Bund neu ausgenommene Büßende hatte wieder Anspruch auf die leckern Lafelfreuden. Dies konnte jedoch nicht verhindern, daß sich der Volkswitz seiner bemächtigte, und ihn mit einem kaustischen Sobriquet beehrte» ' ^/tj^ouqizos» Bibliographie von M. Slder in Berlin. C. P. Caspari, d. Prophet Obadja ausgelegt von, Leipz. Bayer, 1842. 8. (Vlll. it. 145 S.) sals 1. Lheil des exeg. Handb. von Delitzsch u. dem Verf.^ Drei Psalmen, erkl. v. I o h. B u g e n h a g e n, verdeutscht durch Martin Buear 1525, wieder herausg. mit Luthers Vorrede von Gust. Ritter, Nördlingen, Beck, 1842. 8. Umbreit. Prakt. Comment. üb. d. Proph. rc. 2. Bd. Jeremia. Hamb. Prothes, 1842. 8. (XXXV1IL u. 296 S.) Danz, Universal-Wörterb. der theol. u. religionsgesch. Lit. Leipz. Fest. 1842. gr. 4.