Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1843)
- Article
- Koslof : Karaiten [Nachricht]
- Date
- 1843-04-18
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
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126 Schmutzgassen hat Koslof mit vielen Städten der Türkei gemein, aber es fehlt ihr selbst das Straßengewühl, welches bei der dichten Bevölkerung vieler anacolischen Städte dem Reisenden oft manche merkwürdige Scene zeigt, wenn sonst auch alle, Merkwürdigkeiten fehlten. Vor Zeiten war Koslof eine der bevölkertsten Städte der Krim, jetzt zählt dieselbe kaum 8000 Bewohner, worunter 1200 Kacaiten, die übrigen Tataren sind. Koslof hat nur zwei sehenswerthe Gebäude: die Moschee Dschumcttschai und eine sehr reich ausgestattete Karaitensynagoge, die der reiche Karaite Lobowitsch gewöhnlich den fremden Besuchern öffnet *). Oesterreich. Prag, 17. Marz. Die in meinem Berichte vom 19. Febr. ausgesprochene Hoffnung, daß außer den Anhängern des sogenannten Tempels, welche bereits cm der allenthalben im Judenthum vorgenommenen Reform des Gottesdienstes, die eine Folge des erwachten Bewußtseins ist, daß wir nicht mehr einer todten Vergangenheit sondern der lebendigen Gegenwart angehören, einen thatigen Antheil genommen, auch die übrigen Mitglieder unserer Gemeinde nach und nach zur Einsicht gelangen werden, daß der Geist das Bleibende im Wechsel, die Form hingegen, die Art und Weise seiner Manifestation das Wechselnde im Bleiben ist, und sich daher mit den neuen Formen des Gottesdienstes, als den der gegenwärtigen Bildungsstufe der Juden angemeffenern, befreunden wird, scheint durch das Vorhaben des hiesigen Nachstenlieb - Vereins, einen geregelten Kultus einzuführen, um einen Schritt wenigstens sich ihrer Erfüllung genähert zu haben. Ich sage um einen Schritt; weil die Verbesserung m der Anordnung des Gottesdienstes, welchen dieser Verein beabsichtigt, dem Vernehmen nach, sich blos auf die Abschaffung der Pijutim und eine der Andacht geziemenden Ordnung, welche man in den meisten hiesigen Synagogen vermißt — beschränken wird; Chorgesang und Predigt aber ausgeschloffen sein sollen. — Wenn man nun auch einerseits leicht zugeben wird, daß der Gesang kein Hauptmoment des Gottesdienstes ausmacht, und es wohl gleichgültig sein kann, ob wir nach Viertel- und Achtel-Noten oder in schlichter, einfacher Redeweise die'Ergüsse unseres Herzens vortragen, so ist man andernseits schon längst darin übereingekommen, daß Predigten unumgänglich rwthwendig sind zur Belehrung und Erbauung der Betenden, daß die Vorträge eines wahrhaft gebildeten Redners das geeigneteste Mittel ist, um die zerstörende und nie- *) Bei dm hebräisch - schreibenden Karäern heißt die Stadt Seit länger als einem halben Jahrhundert haben die Karäer daselbst eine hebräische Buchdruckereiz 1806 und 1836 druckten sie da in -4 Bden. ihr Seder Tesilott derceißende Tendenz unserer Zeit mit der Stabilität einer geoffenbarten Religion auszuföhnen und auszugleichen. Fühlen nun die Männer dieses Vereins wirklich das Bedürfnis einer Umgestaltung des Synagogenwesens, beseelt sie wirklich der Drang, denjenigen Männern unserer Gemeinde, welche ihnen im Fortschritte vorgeeilt sind, nachzuahmen, und ist es nicht blos ein leeres Nachäffen dessen, wovon man irgendwo gelesen und gehört hat: so muß man sich mit Recht wundern, warum sie gerade den Kulminationspunkt des Fortschrittes, die Einführung deutscher Predigten, nicht anerkennen und in ihre Verbesserungen nicht aufnehmen wollen. Dazu kommt noch, daß bei jeder Verbesserung, so man redlich zu Werke geht, zwei Zwecke erreicht werden müssen: die Befriedigung des selbstgefühlten Bedürfnisses und die Aufmunterung derjenigen, welche die Nothwendigkeit einer Verbesserung noch nicht einsehen, diese Verbesserung zu benutzen und auch für sich anzubringen. Diesen letzten Zweck nun wird der Verein gewiß nicht erreichen, wenn er nicht für wöchentliche Vorträge in deutscher Sprache Sorge trägt. Denn es genügt blos in Erwägung zu ziehen, daß der Beifall, den auch diejenigen der Einrichtung des Tempels schenken, welche bis jetzt noch nicht zudessen Mitgliedern gehören, nur durch die musterhaften Predigten des Hrm Dr. Sachs, der in seiner geistreichen, beredten Sprache feinen Zuhörern den Geist des heil. Gesetzes und der jüd. Geschichte vorführt und sich nicht, wie Viele unserer Prediger, mit leeren, nichtssagenden Phrasen auf Gemeinplätzen herumtummelt, hervorgerufen wurde, und daß die sonst übergefüllttn Raume des Tempels fast leer sind, wenn dieser Redner seine tiefeindringenden Worte nicht ertönen laßt. Freilich wird es dem Vereine unmöglich sein, sich einen so beredten und zugleich gelehrten Prediger zu verschaffen, als Hr. Dc. Sachs es ist; allein das Unmögliche nicht erlangen können, schließt noch nicht das Streben nach dem Möglichen aus, und es ist kein Entschuldigungsgrund, das sich leicht Darbietende-zu verschmähen, wenn es auch einiger Maaßen dem Ziele uns naher bringt, weil wir das Unerreichbare anstreben. — Sollte der Verein diese gm gemeinten Worte beherzigen, so möchte ich ihn auf einen Punkt aufmerksam machen, worin ihm die Einrichtung des Tempels nicht zum Muster dienen sott. Ich meine hier die lächerliche und in den Augen unserer christlichen Mitbrüder uns erniedrigende Einrichtung, eme Schildwache vor dem Eingänge des Gotteshauses zu postiren, um Vielen, welche keinen Sitz gemiethet haben, den Eingang zu verwehren, was vorzüglich an Festtagen geschieht. Diese Einrichtung, welche mehr für ein Theater als für ein Gotteshaus, das seine Thore Jedem öffnen muß, paßt, zeigt das Nachtheilige, welches m ihrem Gefolge ist, vorzüglich dann, wenn eine Predigt gehalten wird, wo gewöhnlich vielen Rabbinatskandidaten, die aus jedes Wort des Redners lauschen und an den Vortra-