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Der Orient · 1843-04-18 · Heft 16 (18.4.1843) · p. Seite 123

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 16 (18.4.1843)
Article
Berlin : Einweihung der Nauen'schen Erziehungsanstalt ... [Nachricht]
Date
1843-04-18
Page
Seite 123 (sequence 2)
Language
German
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123 Ansprache des Oberbürgermeisters, Niemand glauben konnte, sich in der Hauptstadt der Intelligenz zu befinden. Merkwürdig genug fehlt es dabei hier gar nicht an talentvollen und gebildeten Männern, nur daß diese sich mit der Bescheidenheit, welche der wahren Bildung nie mangelt, selbst in den Hintergrund stellen, wahrend die Häupter der hier geltenden Pluto-Aristokratie mit unerhörter Selbstverblendung sich zu Rednern berufen glauben. — Dieser Zustand der Dinge wird und kann sich nur ändern, wenn ein befähigter Geistlicher an der Spitze unsrer Gemeinde stehen und ex officio zur Vertretung derselben bei feierlichen Gelegenheiten berufen sein wird. Die Aussicht auf Realisirung dieser Hoffnungen durch die Besetzung des erledigten Rablünats scheint jetzt mehr in die Ferne gerückt als je, da aller Wahrscheinlichkeit nach der Dr. Frankel seine gegenwärtige Stellung beibehalten wird. Einer neuen Wahl werden von den im Dunkeln schleichenden Pattheien Schwierigkeiten in Unzahl entgegengesetzt werden; man scheint auch Seitens des Vorstandes fürs Erste keine weitere entscheidende Schritte thun zu wollen, da, wie man allgemein hört, die Dotation der gegenwärtigen geistlichen Gemeindebeamten um ein Bedeutendes erhöht worden , und somit zu vermuthen steht, daß der gegenwärtige interimistische Zustand noch langer beibehalten werden solle. In administrativer Beziehung hat, der Gemeinde- Vorstand eine zeitgemäße.und vielfach begehrte Aenderung eintreten lassen, indem er das Monopol des Fleischverkaufes und somit eine größtenLheils von den Unbegü(erte.n gezahlten Zwangssteuer aufgehoben hat. Gleiches wird wahrscheinlich bei dem bis jetzt von der Gemeinde ebenfalls als Alleinberechtigung usurpicten Verkaufe der Mazot eintreten. Die Rabbinatsbeamten sind dadurch der Verlegenheit enthoben, im Aufträge des Vorstandes fernerhin unnütze Verbote ergehen zu lassen, die nur dazu dienen konnten, die Religion herabzuwürdigen, indem man sie zum Deckmantel materieller Interessen benutzte. Der berühmte Vorchardt spukt noch immerinden Zeitungeu umher. Neuerlichst hat ec sich zum Oberrabbmer des Kreises Lübben, der etwa von fünf Israeliten bewohnt ist, von denen drei Vorsteher, erwählen lassen, und scheint dieses Rabbinat als Staffel zu der ambicten Londoner Stelle benutzen zu wollen. Berlin, 2. April. Zwei Zeitungen berichteten kürzlich über die jüdische Acmenbekleidungsanstalt hier. Wir geben diesen Bericht hier im Auszuge wieder. — Die Ausgaben in den Jahren 1840, 41 und 42 betrug 3241 Thlr. 25 Sgr., die Einnahme 3632 Thlr. 6 Sgr. 6 Pf.; am 16. Januar 1843 betrug der Fonds 4075 Thlr. Die Anstalt wurde 1827 rekonstitmrt. — Auf den verstorbenen wackern Vorsteher Herrn Ull m a nn folgte der jetzt fungirende Vorsteher, Herr Jakob Goldschmidt, dem man allgemein Lob und Dank spendet. — Unter den Geschenken, welche die Anstalt im Lause der letzten 3 Jahre erhalten, wird ein Legat von 3000 Thlr. namhaft gemacht, welches ihr Mad. Jonas geb. von Halle hinterlassen hat. Dieselbe Wohlthäterin hatte noch 5 andern Wohlthätigkeitsanstalten bedeutende Summen vermacht. Altona, 31. März. Im Jtzeh. Wochenbl. vom 24. März giebt ein „Christ, aber keiner von den sog. Aufgeklärten", dd. Friedrichstadt 12. März 1843, eine detaillirte Schilderung des gegenwärtigen Zustandes der jüdischen Gemeinde in Fciedrichstadt.;— Die Juden das selbst haben keinen Rabbiner, aber einen Vorsänger und Schächter; bei rituellen Fragen nehmen sie zur Entscheidung des Oberrabbinats in Altona, meist schriftlich, ihre Zuflucht. — Zum Baue ihrer Schule hatte ihnen die Regierung 800 Reichsbankthaler aus dem Carstmsschen Legate, und für die drei ersten Jahre, seit der Begründung der Schule, eine Unterstützung von 100 Thalern Courant jährlich bewilligt, die nunmehr aber bald erlischt, jedoch hoffentlich erneuert werden wird. —- Das Schulgebäude enthalt 3 Schulzimmer, ferner unten und oben die Wohnung des Direktors und des ersten Hilfslehrers. Der zweite Hilfslehrer hat keine freie Wohnung.- — Gegenwärtig besuchen 98 Knaben und Mädchen die aus 3 Klassen bestehende Schule. Die (hier sehr gelobte) Leitung des Ganzen sowohl als der ersten Klasse insbesondere hat der Direktor. — In Friedrichstadt wohnen 80 jüd. Familien (in Rendsburg nur 40). — E i n Jude in Friedrichstadt hat eine Spritfabrik; ein anderer wird eine, jetzt außer Gang befindliche Oetmühle wieder in größerem Maaßstabe eröffnen; ein dritter beschäftigt sich mit Amidom- (Kleister-) Fabrikation; auch eine Gerberei ist im Besitze eines Juden. Dazu kommen 1 Posamentkrer, 1 Schwammdosenarbeiter und Gürtler, 1 Goldarbeiter, 3 Optiker, 8—10 Schlächter. Hamburg, 1. April. (WB. v. 19. Marz bis 1. April.) , Unsere Blicke lenken sich diesmal zunächst auf die neuesten Vorgänge in der Breslauer jüdischen Gemeinde*). Aus zuverlässiger Quelle erfährt man nämlich, daß die Regierung vor. Kurzem in der Streitsache zwischen dem Obervorsteherkollegium und dem orthodoxen Theile der Gemeinde dahin entschieden habe, daß die über den Rabbiner H. Salomon Tiktin ver, hangte Suspension unzulässig, demnach wieder aufzuheben und derselbe in seine Funktionen zu restituiren sei, wahrend Hr» Dr. Abrah. Geiger nur als Prediger zu *) Ich lasse diese Mittheilung abdrucken, obgleich die Breslauer Gemeinde durch das neue Ereigniß (Tod des Hrn.Liktin) einen ganz andern Standpunkt des Streites hat. Red. 16 *

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