Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1843)
- Article
- Boskowitz: Ueber das Landesrabbinat
- Date
- 1843-03-21
- Page
- Seite 92 (sequence 2)
- Language
- German
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92 divergirendesten Ansichten unter ihnen? Zeigte sich dies nicht,, als sie . von der Regierung über die Verbesserungen des Gemeindewesens und über die Requisiten eines Rabbiners befragt wurden? —• Herrscht nicht die größte Willkührlichkeit und Parteilichkeit bei der Vertheiluug dieser Aemter? Sind es nicht Protektionen, welche ein Aspirant einer Kreisrabbinerstelle vor Allem haben muß, wenn er nicht, trotz seinen Fähigkeiten, unberücksichtigt bleiben will? Könnte man nicht mehre Kreisrabbiner in Böhmen namhaft machen, welche einzig und allein einer christlichen Gönnerschaft ihre Stelle zu verdanken haben? Ist etwa der Kampf bei der Wiedereinsetzung der Bunzlauer Stelle etwas anderes als ein Kampf von Protektoren? —. Kann nicht jeder in Böhmen, der zwei Jahre, sage zwei Jahre, Vorlesungen über die Elemente der Philosophie gehört hat, und noch dazu einige unbedeutende kasuistische Fragen zu beantworten im Stande ist, jede vakante Kreisrabbinerstelle beanspruchen? Wissen etwa die Kreisamter, was da nöthig ist, um ein Rabbiner, um ein Führer und- Leiter mehrer Gemeinden sein zu können? Oder wissen es manche Kreiscabbiner? Ist uicht gerade bei der Vertheilung der Kreisrabbinate dem Nepotismus und der Simonie Thür und Thor geöffnet? — Wahrlich, nur Verblendung, nur die Verkennung des Besten, nur der Reiz des Neuen konnten euch zur Abschaffung der Landesrabbinatswürde, zur Nachahmung Böhmens verleiten! Während ihr sonst selbst, durch euern Rabbiner, durch euere Deputirte, denen ihr Vertrauen geschenkt, einen Vertreter des Landes wählen konntet, wollet ihr jetzt für einen Vertreter mehre und die Wahl derselben zum Theil den Kreisämtern überlassen! Wahrend früher die Macht in den Händen eines Einzigen war, der als Einzelner einen Willen und einen Sinn hatte, wünschet ihr nun, daß diese Macht vertheilt werde und mehre'Individuen nach ihren subjektiven Ansichten die verschiedenen Kreise leiten sollen! Während ein Landesrabbiner, der die Fähigkeiten und Erfordernisse eines Rabbiners wohl kennt, für tüchtige und gottesfürchtige Männer sorgen wird, wenn es sich um die Besetzung einer erledigten Rabbinatsstelle handeln sollte, fordert ihr Kreisrabbiner, die euch ein Kreishauptmann und mit ihm irgend ein reicher Jude ectheilen werden! — Ihr klaget über Mißbrauch der Macht, über Partheilichkeit, Nepo-ismus u. s. w.; nun so wählet einen Mann, den ihr kennt, dessen bisherige Amtsführung euch bekannt ist, dessen Ruf sich längst verbreitet hat, der auch Proben seiner Anhänglichkeit an Mähren und seines Strebens für das Gesammtwohl gegeben, und nicht einen Fremden, dem das Wohl Mährens nicht so sehr am Herzen liegt. Denn alle die Klagen, welche ihr vorbringt, beziehen sich nur auf die Verwaltung des vorigen Landesrabbinats, sind nur auf den unseligen Zwiespalt und die unerquicklichen Processe gegründet, welche während der Zeit des sel. Landesrabbiners entstanden sind; dieser aber war ein Fremder, und fühlte daher gewiß nicht so für Mähren als ein Eingeborner; er hatte Finsterlinge zu seiner Umgebung, welche die Urheber all' des Unheils waren, das während seiner Amtsverwaltung gestiftet wurde. — Die zweite Partei verwirft, wie mit Rechts die Wahl der Kceisrabbiner, und wünscht, mit Hinblick auf Prag, ein Triumvirat, ein Kollegium aus drei Rabbinern, dem die Aufsicht des Landes anvertraut sein soll. Allein auch diese Partei hatte sich eben durch Prag eines Bessern belehren können. Herrscht etwa dort Eintracht unter den Männern des Kollegiums? Ist nicht jeder dieser Männer anderer Gesinnung? Würden nicht dieselben Schwierigkeiten in Mähren^auftauchen? Giebt es etwa bei uns drei Rabbiner, welche eine Ansicht haben, eine Meinung theilen?— Wenn es in Prag drei Männer wie Rapapo rt und in Mähren drei ähnliche Männer gäbe, dann müßte allerdings jeder einem solchen Kollegium seinen Beifall schenken, und jeder würde es nur mit Freuden begrüßen. — Allein auch dann würden noch andere Schwierigkeiten der Ausführung dieses Planes in Mähren entgegen treten. Denn wo soll das Kollegium seinen Sitz haben? Oder sotten etwa drei Rabbiner aus drei verschiedenen Gemeinden das Triumvirat 'bilden? Sollen sie etwa jährlich eine Konferenz halten? Wahrlich ein solches Triumvirat könnte höchstens eben so lange als das römische bestehen und gewiß würde es auch nicht an einem Octavian fehlen. -- Nach diesen dargelegten Gründen müsse ich und jeder,-für den diese Gründe überzeugende genug sind, der dritten Partei uns anschließen, die als treue österreichische Unterthanen in jedem Punkte monarchisch gesinnt ist, und einen Landesrabbiner wünscht. Einheit ist ihr Losungswort! PLRg, 20. Febr. Gestern predigte in einer unserer Synagogen der auch den Lesern d. Or. bekannte Hr. D a n i e l E h r m a n n und machte einen günstigen Eindruck auf seine Zuhörer. Ich halte dieses in sofern einer besondern Mittheilung wecth, als sich dabei die Hoffnung aussprechen läßt, daß der größere Theil unserer Gemeinde sich auch nachundnach mit den neuern und schönernFormen des Gottesdienstes befreunden wird, und der Wunsch, daß es den vielen Rabbinatskandidaten,. die hier leben, gestattet werde, ihr Rednertalent in wöchentlichen öffentlichen Vorträgen zu entwickeln und zu üben. Bei den vielen großen und kleinen Synagogen, die es hier giebt, dürfte diese Einrichtung, welche sowohl den Gemeinde- Mitgliedern als den betreffenden Rabbinatskandidaten nützlich und fruchtbringend wäre, mit gar keinen Schwierigkeiten verbunden sein. Einige werden gewiß eine solche Einrichtung mit dem Namen Chukat Ha-Gojim brandmarken wollen; allein warum sollten wir uns schämen, unfern christlichen Mitbrüdern nachzuahmen,