Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-03-07 · 10 (7.3.1843) · p. Spalte 157-158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
10 (7.3.1843)
Article
Politische Literatur [Rezension]
Date
1843-03-07
Page
Spalte 157-158 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8555529-9897774-9897794-2368632--2600-2368668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

157 Die Juden in Lesterreich, Preußen rc. Bon Schirnding. Leipziger Literaten-Verein. '158 selbst weg. Umgekehrt können wir aber nicht fragen, warum sich der Jude nicht den christlichen Beschäftigungen zuwendet, indem -die Antwort darauf zu einfach ist, nämlich, weil er nicht zugelaffen wird. Noch eine Frage habe ich zu stellen, hat Christus je gesagt, ihr sollt körperlich nicht arbeiten, sondern auf euern Grafenritel pochend, Pflaster treten, Brochüren gegen die Juden schreiben und Schulden machen und sie nicht bezahlen? Ich bitte den Hrn. Sch. nicht böse über meine Wahrheitsliebe zu sein, ich berichte nichts, was ich nicht mit Beweisen belegen könnte, das Letzte mag eine Aufforderung in der Prager Zeitung an Ferd. Graf Schirnding zur endlichen Bezahlung seiner Schulden darthun. Dies für seine Verläumdungen. Was sein ewiges Wiederkäuen, sein unaufhörliches Wiederholen von körperlicher Arbeit anbetrifft, so hat schon der weise Salomo gesagt: Wie der Hund zu seinem Auswurf zurückkehrt, so wiederholt der Thor seine Narrheit. Der Staat bedarf der geistigen Arbeit eben sowohl, als der körperlichen. Er hat auch kein Gesetz angeordnet, welches körperliche Arbeit befiehlt, sondern überläßt es Jedem seiner Neigung, seinen Talenten und seinen Verhältnissen gemäß sich den Berus zu wählen, der diesen am besten entspricht. Das richtige Zahlenverhältniß stellt sich von selbst her, da die Ueberha'uftmg eines Nahrungszweiges dessen Vortheile verringert, und die Coucurrenz sich immer den weniger verbreiteten Erwerbszweigen zuwendet, bis eine allgemeine Ausgleichung erfolgt. Das ist der natürliche Gang der Sache, der keiner gewaltsamen Eingriffe bedarf, um in das rechte Geleis zu kommen. Wenden sich die Christen nun weniger den geistigen Arbeiten zu, so wäre es ein Zeichen, daß sie entweder minder Lust oder minder Fähigkeiten dazu haben, die Juden haben nie den Handel ausschließlich für sich verlangt und die Befugniß dazu ist den Christen doch nicht versagt. Wollen diese nun keinen Gebrauch von dieser Befugniß machen, so sollten wir Juden nicht dafür bestraft werden. Wir leben unter keinem Kastensysteme, wo jedem sein Berus vorgezeichnet ist; möge jeder nur dem Ganzen in solcher-Weise dienen, als er es nach seinen Eigenthümlichkeiten angemessen hält. Der Zweck muß derselbe sein, die Mittel kann sich jeder nach Gutachten wühlen, ein und dasselbe Ziel habe Jeder von uns vor Augen, der Weg dahin soll sogar verschieden sein. Mit Böhmen wären wir nun zu Ende. Wir wollen noch blos einige Streifzüge in das ausländische Gebiet des Grafen machen, in die kahlen Gebirge, die gar zu' grell hervorstechen, um nicht unsere Blicke auf sich zu ziehen. Wiederholt erfrecht sich der Graf zu sagen, daß der neue preußische Gesetzentwurf, den die Juden fürchten, eine Folge der Ueberzeugung, die die Regierung gewonnen, sei, daß der Jude sich nur als eine dem übrigen Staatsverbande widerstrebende Verbindung gezeigt habe. Ich habe schon oben den Hrn. Sch. ersucht, diese Aussage nachzuweisen, sonst ich solcher das Prädikat einer unverschämten Lüge aufdrücken muß. Das hier beigefügte Schreiben des preußi- ,schen Staatsministers Rochow, worin er als Grund des neuen Gesetzes, die Aufhebung der den Juden bisher.ciuferlegtcnBeschränkungen, und die Sicherung ihrer Interessen angiebt, zeugt aber deutlich und klar das Gegentheil von dem, was der Hr. Sch. den Juden aufzubürden beliebt hat. Ist ein solcher literarischer Gaunerstreich je gehört worden? Ein Monarch giebt .als Grund seines Gesetzes die Förderung der jüdischen Wohlfahrt an, und ein Taugenichts von Skribler wagt in seinem verblendeten Haffe, die alles und jedes Grundes entbehrende Vermuthung aufzustellen, es müssen wahrscheinlich die traurigen Erfahrungen gewesen sein, die den König von Preußen dazu bewogen haben. Ja es kann nicht anders sein, sagt Sch., denn Theodor Brand sagt es ja auch, der muß doch wohl die Veranlassung eines Gesetzes besser kennen, als der Staatsminister von Rochow. Doch betrachten wir ihn genauer diesen Theodor Brand, der in den jüdischen Verhältnissen sehr bewandert sein und sich 25 Jahre hindurch damit beschäftigt haben muß, da er's selber sagt, wir haben es aus seiner Brochüre zwar nicht ersehen, da er es aber es selber sagt, wer kann noch daran zweifeln? Er fragt die Juden nämlich: habt ihr die Erde gepflügt, geegget und besäet, das Getreide gemähet, das Holz gehackt, das Getreide gemessen, die Körner gemahlen, das Mehl geknetet, den Flachs gehächelt, das Vieh gezogen, die Milch gemolken, die Fäden gewoben, die Wolle gesponnen re. Nun wer die Geduld hat, diese Arbeiten-Nomenklatur durchzulesen, dem muß der HH. Br. u. Sch.Kenntmß jüdischer Verhältnisse noloil.8 volens einleuchten. Jetzt werde ich Hrn. Th. Brand und Ferdinand Gras Schirnding wieder meinerseits fragen: Habt ihr für ein Paar Groschen schwere Lasten auf euern Rückenden ganzen lieben Tag getragen um euer armseliges Leben zu fristen? Seid ihr mit einem Sack über der Schulter, der Verachtung der Hohen und der Mißhandlung des christlichen Pöbels in Frost u. Hitze ausgesetzt, von einemHause zum andern gewandert, um ihnen für unbrauchbare Fetzen und Lumpen, die sie nicht zu verwerthcn wissen, euern Sparpfennig hinzugeben? Habt ihr es versucht, auf dem Lande euer Bündel von Dorf zu Dorf herumzuschleppen, und unter der Gefahr Ausbbrüchen der Rohheit und Brutalität zu begegnen, den ärmlichen Kram feilzubieten? Die Enthebung der Militärpflicht in Preußen, gegen die die Juden sich so sehr sträuben, rechtfertigt der Hr. Vf. auch. Ware der Fall umgekehrt, wollte die Negierung die Juden zur Militärpflicht anhalten, und die Juden widerstrebten, so würde der edle Sch. Zeter schreien, die Juden wollen ein Vaterland, aber es zu vertheidigen, das mögen sie nicht, sie entzögen sich der heiligsten Pflicht rc.; nun da das'Gegentheil stattsindet, sagt er, „der gemeine Jude habe keinen Beruf und keine Neigung zum Soldatenstande, diese Erfahrung sei zu allen Zeiten bestätigt worden." (Beschluß folgt.) Leipziger Literaten-Berein. In der letzten Versammlung des Literatenvereins wurde auf einen Artikel in der Magdeburger Zeitung aufmerksam gemacht, der auch in der Spenerschen und in der Voßischen Zeitung übergegangen sei. In diesem Artikel wurde gemeldet, daß in Leipzig eine Unzahl junger Schriftsteller lebe, die meist wegen abweichender politischer oder religiöser Meinung, Preußen, Oesterreich, Baden, Baiern, Hessen, Hannover, Würtemberg, freiwillig aufgegeben haben, oder ausgewiesen worden sind. Mau würde diesen Artikel nicht einmal der Besprechung werth gehalten haben, wenn nicht eine Stelle desselben auf den Literaten-Verein selbst bezogen werden könnte. Es heißt nämlich darin: die Leipziger Schriftsteller versuchten auch auf die Mitglieder der Ständcversammlung einzuwirken, und dies hat der Literaten-Verein allerdings gethan, freilich auf eine den Gesetzen vollkommen entsprechende Weise, durch Petitionen. — Der Aufenthalt' der zahlreichen Schriftsteller in Leipzig erklärt sich ganz einfach dadurch, daß diese Sradt der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels ist und die Schrift-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.