Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1843)
- Article
- Prag: Ueber die Prüfung des Brautpaares
- Date
- 1843-02-14
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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54 vor Kurzem eine Aufforderung an sammtliche Kreisämter von Seiten der Regierung ergangen, ein Gutachten über die Juni stolae bei den böhmischen Israeliten zu erstatten; auf welche Weise nämlich die Nebenzuschüsse der Rabbiner zu reguliren waren, für welche Verrichtungen sie eine Gebühr verlangen dürfen, wie hoch sich dieselbe zu belaufen habe und welche Funktionen sie unentgeldlich verrichten sollen- Denn bis jetzt war es der Willkühr des Rabbiners anheimgestellt,-.die Gebühren,für die Ausstellung eines Zeugnisses oder einer andern religiösen Verrichtung zu bestimmen. -Und welche Willkühr herrschte da! Ja, welche Gewissenlosigkeit kann man sagen. Die Rabbiner, welche doch Muster der Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit sein sollen, zeigten bei solchen Gelegenheiten, wo es auf ihren Geldvortheil ankam, gerade das Gegentheil davon, und das, Geld hatte eine solche Attraktionskraft für ihr eisernes Herz, daß weder Talmud noch Bibel, deren Aussprüche sie doch wohl kennen sollten, im Stande waren, sie vom Erwerbe unrechtmäßigen Gutes abzuhalten. Ich meine hier, vorzüglich die Taxen, welche das Brautpaar für die Prüfung dem Rabbinen zu erlegen hat. Da geschah es nicht selten, daß seine Hochwürden der Rabbiner, in persona über den Preis der Prüfung mit der Braut unterhandelte, und nachdem er die verlangte . Summa, wenigstens 5 fl. CM. in seinem Geldkasien hatte, flößte er derselben Muth ein, und gab ihr sein Rabbinerwort, daß sie vor der Prüfung nicht zu fürchten habe, und im Falle'die Braut so gelehrt war, daß sie nicht deutsch lesen konnte, ließen sich seine geistlichen Hochwürden herab, die Fragen und Antworten mit jüd. Lettern auf einen Zettel niederzu- . schreiben, wofür die arme Braut etwa noch 10 3c. bezahlen mußte. Die Talmudisten unter unfern böhmischen Rabbinen werden sich, wahrscheinlich aus.Frömmigkeit und Festhalten an dem Talmud, auf den Ausspruch, desselben: JOn' NfiD’Pö'i berufen; allein die gelehrten Herren sollten doch wissen, daß dieser Ausspruch nicht einen Mißbrauch der Gesetze, ein schändliches Spiel mit denselben gebietet. Denn die Absicht der königlichen Verordnung, daß die Heirathskoncessi'on von einem Zeugnisse bedingt ist, daß das Brautpaar die Pflichten der Humanität und der jüd. Religion kenne, war keineswegs, den Herrn Rabbinern ein Mittel der Gelderpressung in Händen zu geben, sondern, im Sinne einer väterlichen Regierung, daß die Bildung der Juden gefördert werde, daß sie genöthigt sein, von der frühem Ignoranz sich loszumachen. — Ueberhaupt dürfte diese Verordnung, welche wohl'zur Zeit des jüd. Schulraths Herz Homberg, auf dessen Veranlassung sie Erlassen wurde, nothwendig war, bei der gegenwärtigen Bildung und Schuleinrichtung, zurückgenommen werden. Denn, da jedes Kind die deutsche Schule besuchen oder zu Hause Privatunterricht erhalten muß, und beim Austritte aus der Schule, oder beim Privatunterrichte, wenn es Prüfung macht, ein Zeugniß über die für das gewöhnliche Leben nöthigen Kenntnisse und über den genossenen Religionsunterricht erhält, so sieht man nicht ab, wozu noch eine zweite Prüfung vor der Heirath nöthig sei. Die Pflichten der Humanität und der Religion müssen, nachdem sie dem Kinde zum Bewußtsein gebracht worden sind, durch das praktische Leben tiefer in das Herz eingegraben werden; was soll es aber bedeuten und wozu soll es nützen, wenn das Brautpaar gefragt wird: Wie lautet das erste Gebot? Welche Pflichten hat die Frau gegen ihren Mann? und dgl. lächerliche Fragen. Ferner hat man seit jener Verordnung bis. jetzt noch kein einziges Beispiel, daß irgend einem Brautpaare das Zeugniß, wegen Unkenntniß, nicht ertheilt worden wäre: Kann dieß daher nicht als Beweis dienen, daß die Juden wirklich fortgeschritten sind in der Bildung? — Wozu einer armen Braut, die durch Mühe und schwere Arbeit ihr Geld zusarnmenbringt, unnütze Prüfungskosten machen? Ist eine jüd. Heirath bei uns.noch mit zu wenig Auslagen verbunden? — Anders verhielt es sich zu Hombergs Zeit. Da mußten die Juden gezwungen werden ihre Kinder in die Schule zu schicken; da kündigten die -Orthodoxen, welche stets zurückblicken auf das goldene Zeitalter, wo die Juden ihre ganze Gelehrsamkeit aus dem Talmud schöpften, deutscher Bildung und deutscher Sitte den Krieg an, da galt ein deutsches Buch (yulg'o Ä22 *iDD) lefert noch für ein lielietum capitale. Allein jetzt,. wo Alle deutsch sprechen, deutsch lesen, deutsch denken; wo der hebräische Unterricht wegen des deutschen vernachlässigt wird, wo selbst die Orthodoxen es nicht verschmähen sich deutsche Bildung anzueignen, und ihre Kinder mit den .Wissenschaften vertraut zu machen: wozu da noch diesen Zwang, eine Prüfung vor der Hei- 'rath zu machen? — Am Lächerlichsten ist es aber, wenn selbst Philosophen, voelores medicinae, und andere Gelehrte genöthigt sind ein Examen über die Pflichten des Menschen gegen Gott, gegen sich selbst und gegen seinen Nebenmenschen zu bestehen. Heißt das nicht mit andern Worten: Du mußt dem Rabbi Geld geben, solltest Du auch mehr .von dem Prüfungsgegenstande wissen als er, der oft kaum fehlerfrei sprechen kann? — Ich könnte über diesen Punkt noch Vieles sagen, wenn ich nicht das Vertrauen in unsere würdigen Kreisbeamten setzen möchte, daß sie gewiß in dem zuerstattenden Gutachten nicht, unterlassen werden, diesem Uebelstande abzuhelfen, und wenn auch nicht zur gänzlichen Aufhebung der in Rede stehenden Verordnung zu rathen, doch wenigstens diese Prüfung unter diejenigen. Funktionen des Rabbiners setzen werden, welche er unentgeldl ich zu verrichten hat. Umis pro mullis. Von der böhmischen Grenze, 19. Jan. Ein Gerücht verbreitet sich in unserer Gegend, daß derRabb. Hamburger in Leipa zum Nachfolger Frankels in Dresden designirt werden soll. Wir nennen es ein Gerücht;