Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-02-07 · Heft 6 (7.2.1843) · p. Seite 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 6 (7.2.1843)
Article
Hamburg : Einführung einer neuen Eidesformel für die im Staatsdienst tretenden Juden in Rußland [Nachricht]
Date
1843-02-07
Page
Seite 43 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360263--2945-2368392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

48 erfreulich halten, ist Vas völlige Absehen vom christlichen Staate im russischen Reiche, die Auslassungjedes krankenden Zusatzes in Bezug auf Hoch und Niedrig, aus die Begriffe: Obrigkeit und Subalterne, auf Herrschende und Beherrschte. Doppelt aber würde es uns befriedig gen, wenn diesmal im Ukas selbst die „Hebräer", den „mosaischen Glaubensgenossen" ihren Platz eingeräumt hätten. Die Bezeichnung Hebräer erscheint uns nämlich unter allen üblichen (Juden, Israeliten, mosi Glaubensgenossen, Mosaiken) als die bei weitem unpassendste. Wir zweifeln übrigens nicht, daran, daß die Juden im russ. Kaiserreiche, wenn man nur die rechten Mittel * dazu-- ergreift, zur' Creation eines thäcigen, friedlichen, tüchtigen Bücgerstandes durch ihre Zahl und Qualüat viel beitragen konnten. — Ja, ein solcher Fortschritt in der Ausfüllung einer noch sehr fühlbaren Lücke würde nicht blos Rußland neue, gesunde Kräfte zur intellektuel- Len, moralischen und industriellen Verbesserung des öffentlichen Zustandes zuführen, sondern auch auf die sehr traurigen Verhältnisse der Juden in Gallizien, Posen Böhmen, Mahren und Ungarn wirken können. Denn auch hier, bedarf die Masse noch eine sorgfältige Berücksichtigung, wenn man nicht die Kluft zwischen den privilegirten Reichen und den geknechteten Armen v noch vergrößern will. — Hoffen wir von der Thatigkeit des nächsten ungarischen Reichstages auch hierfür das Beste. Wenn sich nur beide Tafeln nicht irre machen lassen, so wird die österreichische Negierung bald selbst einfthen, daß sie auch in ihren deutschen Erbländern die Juden ohne Gefahr emancipiren könne und daß aller unmenschliche Steuerdruck den Seckel des Staates bei weitem weniger füllt, als es die Abgaben von redlich, mit Eifer und zum allgemeinen Vortheile betriebenen Erwerbszweigen thun würden. Wir meinen nicht, daß Oesterreich überhaupt und zumal um der Juden willen, eine vollständige Gewerbefceiheit proklamire, aber es dünkt uns veernünstig, human und sogar politisch, daß sie den Juden den Zutritt zu jeder Art mechanischer und technischer Thatigkeit eröffne. TL Berlin, 24. Jan. Die, wenigstens äußere Stille in unsren Gemeindeverhältniffen dauert noch fort, mannigfaltige politische Ereignisse haben die' allgemeine Theilnahme fast absorbirt und von der Beschäftigung mit den uns specieller interessi'renden Fragen abgslenkt. Man weiß, daß die Annahme des Rabbinats durch Dr. Frankel definitiv erfolgt ist und wartet nun mit Ruhe ab, was die Zeit bringen und nehmen wird. Die Umtriebe einer trotz ihrer dunkeln Farbe leicht kenntlichen Partei, die immer noch nicht an ihrem endlichen Siege zu hoffen verlernt, werden von den Bessergesinnten, und davon ist Gottlob die Mehrzahl, belächelt. Bezahlte Zeitungsartikel sind die einzige Waffe, mit weicher jene Männer, die von der Zukunft die Vergangenheit hoffen, ihren Don Quixotte-Kampf führen, und da keine einzige geistige Potenz in ihren Reihen ist, müssen sie einen Menschen zu ihrem Organe machen, die durch Gemeinheit und Gehässigkeit das zu ersetzen sucht, was ihm an Kraft und Kenntniß abgehc. Der Gemeindevorstand, der wohl eher schon die Kunst des Schweigens bis zur Vollendung erlernt hat, setzt -diese siegreich genug allen jenen Provocationen entgegen. In der Vossischen Zeitung vom 22. d. M. war ein aus London (?) eingesandter Artikel enthalten, der uns mittheilte, daß Dr. Hirschfeld in Wollstein und ein. Dr. (??) Isaak Borchardt hier, sich um das Londoner Rabbinat beworben hatten» Dr. H. stützte sich auf eine Empfehlung seines Schwiegervaters und seine Tr. Makot, beide aber waren nicht hinlänglich, chm die Zustimmung des Wahlcomites zu gewinnen. Der Hr. Borchardt, ein Mann, dessen Existenz man hier wenig kennt, und von dem man nur weiß, daß er ein Permanenter Bewerber um alle erledigten Rabbinate ist, sandte mehrere sehr curiose Manuskripte ein, die den Berichterstatter, einenDr. Baretti(?) veranlaßten, den armen B. in einen so gewaltigen, ironischen Lobisalm einzuhüllen, -daß ich fürchten muß, der Beweihrauchte mißversteht den Scherz und hält sich nun allen Errnstes für den zweiten Maimonides. Komisch genug war übrigens die allgemeine Nachfrage nach dem so großen Manne, der, ein ungekauntes Licht, in unsrer Mitte gebrannt haben sollte, denn die Meisten hatten den Artikel ]>ona fide gelesen und für baare Münze genommen. *) Leipzig, 1. Febr. Der Hamburger Corr^spondent vom 3. Jan. bringt eine Bitte der Wessely'- schen Erben in Hamburg (3. Marktstr. Nr. 17), in Betreff des schriftlichen Nachlasses dieses hochberühmten Zeitgenossen Mendelssohns, dem das Judenthum fast noch mehr verdankt als dem Philosophen. Ich stelle die Bitte hierher, vielleicht findet sich der eine oder der andere reiche Glaubensgenosse dadurch veranlaßt, diesen Nachlaß, der einen Commentar über die Genesis enthält, auf eigene »Kosten drucken zu lassen und den Erlös den armen Nachkommen dieses unvergeßlichen Mannes zuzuwenden. Prahlen doch., so viele goldene *) Dem Red. ist aus Berlin, unter einem ihm unbekannten Namen, dieselbe Correspondenz zum Abdruck zugekommen, und da er über einen Rabbinatskandidaten Borchardt in Berlin, der einmal eine Predigt in Franks, a. d. £x gehalten, ein Erkenntniß des Gerichts gelesen, daß er mit einer Christin 12 Jahre im Concubinat gelebt, früher Trödler gewesen, sich auch oft polizeiliche Strafen für nicht ehrenwerthe Handlungen zugezogen u. si w., so nahm er Anstand, diese Correspondenz aufzunehmen, da er nicht die Gewißheit sich verschaffen konnte, das^der zweite Maimonides von jenem unmoralischen Subjekte, welches die Behörde nach den Polizei- Akten bestätigte, verschieden sei. Ich würde aber noch nachträglich in der nächsten Nummer Mittheilungen geben, wenn auch die Nichtidentität der Person mir nicht bekannt werden sollte. Red. 6 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.