Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1843)
- Article
- Proßnitz: Fortschritt zum Bessern
- Date
- 1843-01-24
- Page
- Seite 31 (sequence 2)
- Language
- German
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31 Das Schulwesen, welches izi Mähren leider noch im Argen liegt, hat bei uns zuerst eine erfreuliche Gestalt angenommen; und so besteht seit Jahren, außer einer wohleingerichteten deutschen Normalschule, eine Lehranstalt für den hebräischen Unterricht, in welcher nicht nur Bibel und hebräische Grammatik, sondern auch Talmud vorgetragen wird. Für die Wirksamkeit und den Erfolg dieser Schule bürgen sowohl die Aufsicht unseres Rabbinen, als die Namen der an derselben früher fungirenden Lehrer, wie: L. L öw, gegenwärtig Rabbiner in jGroß-Kanischa, der Dichter Baruch-Schönfeld. und Joseph Weiße. — Das größte Verdienst aber. hat Hr. Fasset unstreitig um die Verbesserung und Anordnung des Cultus; denn bei der kleinsten Abweichung vom Herkommen, bei der unbedeutendsten Veränderung des Hergebrachten und blos durch die Zeit Sanctionirten, ergriff der Octhodoxismus seine Lieblingswaffen der Verläumdung und gerichtlicher Hinterbringung, und stempelte jede noch so schöne, und dem Entwicketungsprincipe gemäße Einrichtung mit einem aus seiner reichhaltigen Terminologie entnommenen Ausdrucke. Allein so wie die gute Sache sich überall Bahn bricht, alle Schwierigkeiten und alle Hemmnisse aus dem Wege räumt, so trug auch hier in diesem Fortschreilungskampfe der, Fortschritt den Sieg davon. So ist es Hrn. Fasset durch seine rastlose Thatigkeit und seine eindringenden deutschen Predigten, von denen schon einige im Druck erschienen sind, doch gelungen, nicht nur mehre Mißbrauche, als die Mizwot-Auction, das Herausgehen aus der Synagoge während Haskarot Neschamot, welches den Gottesdienst stört und gar zu oft Unruhen verursacht, und m. dergl. abzuschassen, sondern auch den ersten Chorgesang einzusühren und den ersten ^Tempel in Mahren zu errichten. Bei dieser Gelegenheit war die Wuth der Orthodoxen aufs Höchste gestiegen, und alle Mittel wurden angewandt, das Unternehmen zu stören. Es war nämlich bei uns ein altes baufälliges Bet ha-Midrasch, welches, als es neu erbaut werden sollte, auf die Vorstellungen unseres Rabbinen zu einem sogenannten Tempel bestimmt wurde. Die Gegenpartei erhob ein Zetergeschrei ob eines solchen Frevels, bediente sich verschiedener Ranke und Machinationen,, die Bestimmung des Gebäudes zu diesem Zwecke als widerrechtlich höhern Orts erscheinen zu lassen; allein ihre Mühe blieb ohne Erfolg, und aus dem Bet ha-Midrasch, das sonst den ganzen Tag gesperrt war, wurde ein Gotteshaus, worin ein geregelter Gottesdienst mit Chorgesang an Sabbat- und Festtagen abgehalten wird. .Da aber auch in der Synagoge nach gewöhnlichem Ritus tz-ebelet wird, so kann Hr. Fasset von dem D^Dyon w by riDD nicht frei bleiben; indem er zuerst dem geregelten Gottesdienste, /an dem auch die . Mädchen theilnehmen, beiwohnt und gewöhnlich eine kleine populäre Rede hält, dann auch dem Gottesdienste nach altem Brauche. Diese Spaltung innerhalb unserer Gemeinde wurde sehr nachdrücklich gerügt von dem Rabbinatskandidaten, dem Mitherausgeber des D^n py*) Hrn. M. Steinschneide r, in einer Predigt, welche er vor einigen Monaten in einer zahlreichen Versammlung von Juden und Christen mit dem größten Bestalle vorgetragen hatte, und wie es scheint, wird seine Beredsamkeit ihren Zweck nicht verfehlen. — Die Leser dieses Blattes werden vielleicht lächeln, daß am Eingänge des Berichtes soviel von Aufklärung, vom Fortschritte und vom Zeitgeiste gesprochen wurde, und am Ende als Ergebniß des Fortschrittes sich blos gezeigt hat, was in andern jüdischen Gemeinden schon längst und in einer weit vollendeteren Form besteht; allein darauf bitte ich sie nun in Betracht zu ziehen, daß ein Lichtstrahl in dunkler Nacht mit größerer Freude von uns begrüßt wird, als die vielen Sonnenstrahlen am Tage, und daß die Kraft des Geistes sich da am deutlichsten kund giebt, wo er die Gegenwirkungen und Anstrengungen des Obskurantismus zu Nichte macht. — n — Personalchronik und Miseellen. In Hamburg ist gegen Ende Der. 1842 ein junger jüdischer Arzt, Dr» Wi'lh. August Friedländer vom großen Collegium des Werk- und Armenhauses zum Arzte und Wundärzte cm demselben (auf der Uhlenhorst, ä Stunde von Hamburg) mit freier Station und einem mäßigen Gehalteerwählt worden. - , * * Der Grenzboten, red. v. Kuranda (Brüssel, seit Mitte 1842 Leipz. b. Hcrbig) enthielten unter Anderm zwei Aufsätze über jüdische Verhältnisse: „Preußen tu die Juden" und „die Cöln. Zeitung und die Juden." Im Rhcin-Westph. Anzeiger („Sprecher"), Weset 1842, stand c. Aufsatz von „ M o m m a über die Emancipation der Juden." Der Schluß des ersten Artikels über Toleranz und die Juden v. Dr. G. Riefser war in den N. Hamb. Bl. vom 20. Dec. enthalten. (Dr. Steinheim hatte früher ein ahnt. -Thema im Freihafen behandelt.) , Berichtigung. In Bezug auf eine Ihrer Notizen im letzten Orient bemerke ich, daß wir nicht m drei, sondern in vier WelttheilenOrgane haben —- nämlich außer den von Ihnen vorausgesetzten, auch in New South Wales *) Hr. M. H e ß, hat in seiner Anzeige dieses-Werkes die mühevollen und das Studium des Neuhebraismus so sehr fördernden Arbeiten des Hrn. Steinschneider mit Stillschweigen übergangen. Der Grund dieses Vec.fahrenä ist mir unbekannt, doch dies kann man mit dem größten Rechte behaup-- ten, daß ein solches Stillschweigen jedenfalls sehr unverdient erscheint. . ■ Eins.