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Der Orient · 1843-01-17 · 3 (17.1.1843) · p. Spalte 41-42

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Journal
Der Orient
Volume
1843
Issue
3 (17.1.1843)
Article
Nekrolog
Date
1843-01-17
Page
Spalte 41-42 (sequence 2)
Language
German
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41 42 Nekrolog» Salomon Hirsche!. Literatur 'kennt, wohl einräumen müssen, daß die Beschäftigung mit derselben die beste Gymnastik für die Entfaltung der intellektuellen Anlagen der Juden war. Die Abneigung und Verachtung gegen andere Wissenschaften, so wie die Selbstgenügsamkeit, welche eine gewöhnliche Folge der ausschließlichen Beschäftigung mit dem Talmud sind, waren 9t. Sal. fremd; ja, er strebte vielmehr das früher Versäumte selbst im spaten Alter nachzuhoten. So soll die Mathematik, die wegen ihrer innern Evidenz dem Audidaklen am leichtesten zu erlernen ist, zu einem Hauptgegenstand seiner spatern Studien gebildet haben. Schon daß er einen correcten, fließenden und reinen hebräischen Styl hatte, unterscheidet ihn von den Rabbinern seiner Zeit, welche das Studium der Grammatik vernachlässigten. — Nach damaliger Sitte heirathete er frühzeitig, und zwar in seinem 17- Jahre. Der gute Ruf, dessen er sich erfreuet?, verschaffte ihm bald die Rabblnatsstelle zu Prenzlau in Preußen. Geliebt und geehrt von seiner Gemeinde verlebte er dort 9 Jahre, bis er in einem Alter von 40 Jahren nach London als Oberrabbiner berufen wurde. Wit dieser Stelle begann eine neue Periode seines Lebens. Die Festigkeit seines Charakters und seine allgemein anerkannte Klugheit verschafften ihm einen bedeutenden Einfluß. Die Periode seiner Amtsverwattung wird immer merkwürdig für die Geschichte der englischen Juden bleiben. Denn von dieser Zeit datirt die Bedeutung der deutschen Gemeinde in London und die Wegraumung der Schranken, welche die deutschen von den portugiesischen Juden trenncm. Während dieser Periode wurden wohlthatige Anstalten, zu denen auch das jüd. Hospital pna gehört, gestiftet, und in diese -Periode fallt auch die geschichtlich merkwürdige Mission in den Orient. — Er lebte ferner ganz seinen Berufsgeschäften, und nahm an den Bewegungen der Rabbiner des Continents wenigen oder gar feinen Antheil. Hingegen reagirte, ec mit der größten Energie gegen die Bestrebungen der Bekehrer, die auf jede Weise und durch die schändlichsten Betrügereien die Armen und Unwissenden seiner Gemeinde zu verführen suchten. — So verlebte er mehr als 30 Jahre, bis eine neuere Generation mit neuen Lebensansichten herangewachsen war, mit welchen er sich nicht befreunden konnte. Dazu kam, daß sein männlicher Muth und seine Geisteskräfte zu schwinden anflngen, und er schon dem Rande des Grabes nahe war. Zwiespalt und Uneinigkeiten, vorzüglich in Bezug aus Liturgie, brachen in der' Gemeinde ans, welche der alte und schwache Mann nicht verhindern konnte. Denn gewiß, harte sich der Streit einige Jahre früher ereignet, so würde ihm der fromme, kluge und energische Mann eine ganz andere Wendung gegeben haben, als jener in der That genommen. — Der Bruch eines Schenkels erschütterte vollends seine schwache Gesundheit, und wies ihn auf sein Zimmer, das er nur selten, nie aber ohne Beihilfe verlassen konnte. Obwohl er immer schwächer und schwächer wurde, konnte man ihn dennoch nicht vom Fasten und andern Entbehrungen, die er sich auferlegt hatte, gänzlich abhalten. Es gab eine Zeit, wo er nur am Sabbat Fleisch aß; eine andere, wo er durchs ganze Jahr Montag und Donnerstag fastete, und nur das ausdrückliche Verbot der Aerzte hielt ihn vom Fasten in den letzten Momenten seines Daseins ab. —- Gegen zwei Monate darauf siel er zum zweitenmal, und brach das Schlüsselbein, was nun seinen Tod schnell herbeisührte. So gab er am 31. Octbr. 1842 (5603) seinen Geist auf. Aus seiner Heirath gingen 4 Söhne und 4 Töchter hervor;' zwei von diesen und jenen sind jetzt todt, und blos ein Sohn hinterließ keine Kinder. Von den noch lebenden wohnt ein Sohn in Jerusalem; eine Tochter ist in der Fremde verheirathet, und die andere war bei ihrem Vater in seinen letzten Lebensstunden. Die Nachkommen desselben bestehen aus 28 Enkeln und 24 Urenkeln. Um für seine Kinder, die nicht in den besten Umständen sind und großentheils von ihm abgehangen haben, auch nach seinem Tode gesorgt zu haben, sparte er ein Vermögen von 13 bis 14 Tausend Pfd. zusammen, von welchem die sieben Familien blos die Interessen ziehen sotten; und zwar die männlichen Nachkommen stets das Doppelte. -- Für die Great Synagogue hinterließ er 50 4., und für eine jede der drei übrigen Stadcsynagogen 10 -f. Seinem treuen Diener vermachte er ein Legat votl 50 und jedem der drei Dajanim 10 /. — Außer 4 Gesetzrolleu, welche den männlichen Erben zukommen, sollen seine Habseligkeiten verkauft werden. — Die Person des R. Sal. hatte zu jeder Zeit ein gebietendes und höchst charakteristisches Ansehen; seine Statur überstieg die gewöhnliche Höhe, seine Stirn war sehr hoch, sein Auge durchdringend, und der Blick verriet!) Geist uud Güre. — Sein Erscheinen im polnischen Cosiüme flößte selbst dem rohesten Menschen Ehrfurcht ein, und wenn er durch die Straßen ging, so grüßte ihn Jedermann, und - machte „dem Hohepriester der Juden", wie man -ihn gewöhnlich nannte, Platz. — Seine Lebensweise war sehr regelmäßig: er stand sehr zeitig zum Gebete auf, und ging keine Nacht, wenn er gesund war, vor Mitternacht schlafen. Die Zeit füllte er mit theolog. Studien aus; doch wurde er oft durch Besuche gestört. Er besaß große Menschenkenntniß, und hatte einen schnellen Witz, von dem mehre beliebte zurückblieben. Im Ganzen war er ein ausgezeichneter Mann. n?D 'WDJ non TOD TOilN Mn? ' Y, 0. J.

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