Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1843)
- Article
- Hildburghausen : Die Protestation der Juden ... [Nachricht]
- Date
- 1843-01-17
- Page
- Seite 21 (sequence 2)
- Language
- German
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21 wird — so glauben wir es doch -er Wahrheit schuldig zu sein, öffentlich unsere feste Überzeugung, die gewiß von allen israelitischen Gemeinden im Lande getheilt wird, auszusprechen, daß das Herzog!. Consistorium bei der fraglichen Verordnung nicht im. entferntesten eine Intoleranz, eine Unduldsamkeit gegen die Bekenner der mosaischen Religion beabsichtigte. Das Herzog!. Consistorium ist gerade die Behörde, die sich stets sehr tolerant gegen uns gezeigt hat. Es hat sich des israelitischen Schulwesens im Lande zu einer Zeit, wo wir noch keinen Landrabbiner (?) hatten und wo es noch durch keine gesetzliche Verordnung dazu verpflichtet war, eifrig und kräftig angenommen, sodaß, als der Landrabbiner (?) angestellt wurde, das Schulwesen längst geordnet war; es hat zu allem Bessern und Heilsamen in Israel immer gern die Hand geboten und jedes Werk des Fortschritts und der Bildung kräftig geschützt und unterstützt; es hat in allen Fällen, wo es in unfern Angelegenheiten zu entscheiden oder höhern Orts seine Meinung abzugeben hatte, in humanem Sinne, nicht aber in dem beliebten Sinne der Ausschließung entschieden und berichtet, wovon wir viele Beispiele anführen könnten. Und. es war gewiß auch bei dem Berichte, welcher die fragliche Verordnurg hervorgerufen hat, weit davon entfernt, Intoleranz, Unduldsamkeit üben''zu wollen, sondern hatte vielmehr, wie wir wissen, einzig und allein die gute Absicht dabei, durch Entfernung alles Dessen, wodurch in den Schulen der confessionelle Unterschied hervortritt, die israelitischen Zöglinge christlicher Lehranstalten vor Neckereien und dergleichen Unannehmlichkeiten zu bewahren. Dabei hielt man die Sache in religiöser Beziehung für irrelevant. Ebenso kann in Bezug auf unfern durchlauchtigsten Herzog, der, humanen Sinnes, nur das Gute will und weit davon entfernt ist, die Gewissen irgend einer Confesston beunruhigen'zu wollen, von einer Intoleranz nicht die Rede sein. Der Wahrheit die Ehre!" Altona, 4. Jan. (Eingesandt). So viele Schriften, Aufsätze und Correspondenzen schon über den verbesserten Cultus im israelitischen Tempel zu Hamburg in die Welt gesandt worden sein mögen, so viel der Kampf dieses modernen Kultus mit dem alten seit Jahrhunderten bestehenden schon angeregt nnd aufgeregt haben mag, so wird es den Lesern des Orients doch vielleicht nicht ohne Interesse sein, wenn die Epigonen des merkwürdigen Kampfes, die als Spätfrucht erschienenen „Theologischen Gutachten," einer Beleuchtung von demjenigen sich erfreuen, d.er den Tempel seit seinem Entstehen beobachtet, und wenn auch aus dieser Beleuchtung eine Würdigung wird, so hätten doch die Leser dieses Blattes um so mehr darauf einen Anspruch, als bis jetzt nur eine mehr inhaltliche Anzeige von Hrn. Dr. Herxheimer darin Platz gefunden. In der Geschichte unsres ereignißreichen Jahrhunderts, wo Reibung der Ideen im allgemeinen Streben nach dem Bessern sich im politischen wie im religiösen Leben überall kund giebt, dürfte auch die Reform des jüdischen Kultus mit dem darüber entstandenen Konflikt ein lesenswerthes Blatt füllen. Denkenden Theologen, so wie überhaupt jedem gründlichen Geschichtsforscher, muß diepragmatischejEntwicklung einer Reform von hohem Interesse sein, die, trotz den vielen Obstakeln von Innen und Außen, sich geltend zu machen, und selbst in dem' kältesten Indifferentismus eine Gluth der Teilnahme anzufachen wußte. Der seit 22 Jahren in ruhiger Stille wirkende neue kisraelitische Tempel in Hamburg fängt nun seit einem Jahre an, durch einen gewissen Impuls geweckt, sich bemerkbar zu machen und weithin in das religiöse Leben einzugreifen. Verschiedene Schriften sind bereits für und wider über denselben erschienen, unter welchen sich die . jüngst veröffentlichte Broschüre: Theologische Gutachten u."s. w. besonders beachtungswerth herausstellt, und eine nähere Beleuchtung verdient, dw der Correspondmt (ein Nichtmitglied des Tempels), mittelst einer partheilosen Darstellung jener Reformgeschichte, hier versuchen will. Wie alles, was durch Menschenwerk entstand, mag es auch noch so sehr das Gepräge der Unzerstörbarkeit an seiner Stirn tragen, dem nagenden Zahn der Zeit nicht entgeht, so auch die durch ein Jahrtausend allen Stürmen trotzende Form der Synagoge. Das Gebäude des Rabbünsmus, das sich allzulange nur durch hartnäckiges Abwehren der leisesten Antastung hat erhalten können, daß es nicht bei dem Mangel eines innern Gehalts zusammenstürzte, dieses ewig wankende Gebäude wird jetzt von einer Seite bedrohet, wogegen es die unbiegsame Stabilität kaum zu schützen vermag. Der synagogale Cultus mit seiner Liturgie, seinen Gebräuchen und allen seinen Formalitäten ist zu sehr auf talmudischen Satzungen basirt und im Geiste des rabbinischen Mysticismus gegründet, hat zu wenig ursprüngliche Quelle in den alten Büchern des Canons (so sehr ihn auch der Talmud hinein zu zwängen sucht), ist zu exclusiv nur auf das orientalische Klima und Gemüth, nur auf Lebensverhältnisse längst verschollener Zeiten berechnet, seine Gebetsformetn endlich sind zu sehr mit Wünschen überladen, die bas Herz des Andächtigsten nicht hegt, als daß er dem denkenden Israeliten der neuen erleuchteten Zeit genügen könnte. Es haben sich daher, abgesehen von den vielen Mißbrauchen, die sich seit einigen Jahrhunderten in die Synagoge eingeschlichen, die gebildetsten Mitglieder derselben, ob sie sich gleich noch immer an die Hauptprinzipien des mosaischen Glaubens festhielten, schon in der vorigen Generation gänzlich isolirt. Sie theilten zwar mit ihren Glaubensbrüdern Druck, und Beschränkungen aller Art, trugen gemeinschaftlich mit ihnen die Regierungs¬ und Gemeindelasten, entfernten sich aber von dem Bethause, und bekümmerten sich nicht im Geringsten um die kirchlichen Einrichtungen desselben. Ja sie versuchten es nicht einmal, Verbesserungen vorzuschlagen, well sie, größtenthells mit der rabbinischen Literatur vertrauet, die Unfügsamkeit einer Reform oder Ausgleichung mit der starren Stabilität einsahen, die an den Chaos talmudischer Paradoxien sich lehnend, aus dem sich alles verwirren, alles bestreiten und alles verfechten' laßt, jede Abänderung der bedeutungslosesten Ceremonie als Ketzerei verwirft. — Etwa vor 40 Jahren, als das Studium des Talmuds unter den deutschen Juden beträchtlich abgenommen hatte, und die Mehrzahl des jüngern Geschlechts 'die in der Sache selbst liegende Schwierigkeit nicht kannte, da tauchte die Idee einer ausgleichenden Reform des jüdischen Cultus auf, indem man das Bedürfniß einer religiösen Erbauung zu fühlen ansing. Der wohlbekannte Israel Ja-