Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1843)
- Article
- London: Leichenbegängnis beim verstorb. Oberrabbiner S. Hirschel
- Date
- 1843-01-17
- Page
- Seite 19 (sequence 2)
- Language
- German
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19 zahl Wachskerzen erleucht-ete das Innere des Gebäudes. Der Vorhang (rtnD) der heiligen Bundeslade, sowie die Teppiche des Almemer waren ebenfalls schwarz. Auch der Sitz des Tobten wurde .auf gleiche Weise zugenchtet, indem die Kissen und der Betstuhl mit schwarzem Sammt ausgeschlagen waren und oberhalb desselben eine Gedachtniß-Lampe brannte» Vor 10 Uhr war das Bethaus von Menschen überfüllt, da Leute von allen Ständen und vom Lande herbeigeeilt waren, um dieser Feierlichkeit beizuwohnen. Ja Diejenigen, welche vor Schwache nicht gehen konnten, ließen sich hinfahren. Alles schien in tiefster Trauer gehüllt, da die Meisten einen Flor trugen. — Pracise 10 Uhr wurde der Sarg von den Dajanim und der Testamentsexekutoren — unter welchen auch Montefiore war — nach der Synagoge getragen, wahrend der Vorbeter: *rb nMN nt D tiO oyr^ ausrief. Bevor der Sarg zum andern Ende der Synagoge kam, wurde der 15. ip. gesungen. Dann wurde er der Bundeslade gegenüber niedergestellt, und der 17. 23. 42. 49. 84 op wurde im Chor abgesungen. Hierauf wurde die Leiche . aufgehoben und die Verse: Num. 10, 35, 91, 10 —12 u. m. a. wurden recitirt. — Als die Träger zur Thüre kamen, sagte der Vorbeter 3, 7—8, worauf die Gemeinde mit Di 'n u. m. a. Versen antwortete. Das Ganze war so rührend und herzergreifend, daß Viele laut schluchzten, und der Vorbeter selbst mußte oft innehalten. — Nachdem man die Synagoge verlassen hatte, wurde der Sarg in Begleitung einer feierlichen Processson, die aus Knaben verschiedener milden Anstalten und aus 80 bis 90 Wagen bestand, in einem Leichenwagen fortgeführt. Eine große Anzahl Leute folgte zu Fuß nach. Auch die Christen zeigten sich nicht gleichgilcig. Denn Viele schlossen ihre Laden auf der Straße, und die Glocken einer jeden Kirche, vor welcher der Zug vorbeiging, wurden angeschlagen. — Gegen 1 Uhr erreichte man den Begräbnißplatz, welcher zur Great Synagogue gehört. Als die Leiche auf die Bahre gelegt wurde, recitirte R. Aaron D'DD man, und 6 Knaben aus der Taimud-Tora-Schule mit Wachskerzen in der Hand hatten den Sarg umgeben. Nachdem noch 7 Kreise um die Bahre gebildet wurden und bei jedem Kreise der 91. rp. gesagt worden war, trug man den Todten zum Grabe. Unter den Trägern waren nebst Andern: Montefiore und Baron von Rothschild. Als nun der Sarg endlich ins Grab^) gesenkt wurde, und ein dum¬ *) Nicht selten machen sich die deutschen Lagesblätter lächerlich, wenn sie von jüdischen Ceremonien sprechen. So hat ein deutsches Journal in einem Berühre über den Lod des Londoner Oberrabbinen. zugleich mitgetheilt, der verstorbene Rabbiner hätte hinterlassen, daß man.ihm eine Gesetzrolle und mehre andere Schriften mit ins 'Grab gebe, was durchaus falsch ist. Denn die 4 Gesetzrollen und einige Gebetbücher, welche wirklich ins Grab gelegt wurden, waren pfer Ton zurückhallte, wurde das Gemüth eines jeglichen Zuschauers heftig erschüttert und mächtig ergriffen. — V.ofJ., Deutschland. £jp (tntBuvg, 3. Januar. (Wochenbericht über jüdische Verhältnisse. 20. Decbr. 1842 — 1. Jan. 1843). Die Bestrebungen für die Civilisirung der russischen Juden und für die Förderung ihrer Intelligenz durch eine dem Geiste unserer Zeit und dm nationalen (d. h. russischen) Ideen entsprechende Schulbildung nehmen gegenwärtig die allgemeinste Aufmerksamkeit ihrer deutschen Glaubensgenossen in Anspruch. Dennoch ist seit einigen Wochen weit weniger von jenen Bemühungen, als von den neuesten in Betreff der Dienstpflichtigkeit, der Hinweisung auf den Ackerbau und des Zurückdrangens in die früher bewohnten Quartiere erlassenen Verordnungen, welche bei den polnischen Juden theils irr Anwendung kommen sollen, theils schon ausgeführt worden sind, die Rede. — Furchtsame Gemüther geben bereits der Besorgniß Raum, daß durch den Widerstand gegen die neuesten Ukase die Neigung des Kaisers zur Verbesserung des sittlichen und geistigen Zustandes seiner jüdischen Untecthanm wieder beeinträchtigt werden könnte. Seitdem nämlich das Gesetz über die Dienstpsiichtigkeit der polnischen Juden, welches mit dem 13. Dec. 1842 in Kraft treten sollte (zuerst durch die Leipz. Allg. Zeit., die überhaupt als dir genaueste, ja oft als die einzige Quelle für alle Vorgänge in Polen und Rußland gelten darf) zur öffentlichen Kunde (anfangs freilich nur gerüchtweise) gelangte, wurden viele Kinder jüdischer Eltern aus Polen heimlich nach dem Großherzogthume Posen hinübergebracht, wo sie namentlich in der Stadt Posen selbst einstweilen aus Kosten der dortigen Korporation und Gemeinde untergebracht und ernährt zu werden scheinen. — Daß Eltern ihre Kinder nicht gern einem auch nur 10jährigen russischen Militärdespotismus überantwortet sehen, wird hoffentlich Niemand gerade den Juden zum Verbrechen deuten, da Desertionen und freiwilliges Entweichen aus Polen und Rußland von Seiten christlicher Bewohner schon seit länger als einem halben Jahre fortdcruern. Andrerseits wird es auch wohl keinem Nachdenkenden einfallen, aus dec Theilnahme der Juden an diesem epidemisch gewordenen sauTe cpii peul auf eine vorzugsweise bei den Juden vorhandene Scheu vor dem Kriegsdienste zu schließen. Nichts ist vielmehr natürlicher, als daß in Preußen, wo der Soldatenstand eine gute Behandlung und persönliche Ehre genießt, sich kein edler Jude vom blos alt und unbrauchbar D’HDD, und die, da bei den Juden jedes Buch, worin der Name Gottes geschrieben ist, nicht zerstört wird, für solche Gelegegenheiten gewöhnlich aufbehalten sind. Red. 3