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Der Orient · 1841-12-18 · Heft 51 (18.12.1841) · p. Seite 324

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 51 (18.12.1841)
Article
Das jüdische Seminar in Berlin
Date
1841-12-18
Page
Seite 324 (sequence 2)
Language
German
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324 einige Aufsätze, die kein Redakteur ihm abnehmen mochte, und er verlangte einen Mann, der eine Zeitschrift redigiren und sie ihm abdrucken lassen sollte. So stritt und debattirte man zehn Jahre um Direcror und Lehrer, bis endlich einige junge Geister in den Vorstand traten, die müden Kämpfer überrumpelten, und diejenigen Männer an's Ruder brachten, die theils ihre Lehrer waren, deren Schriften sie theils verlegten. Die jungen Götter besiegen immer die alten, und so war auch dieser Sieg ein ganz vollständiger. Da wurde keine Rücksicht genommen, ob diese Männer auch practische Schulmänner seien, ob sie die Stimmung des Volkes auch für sich hättenob sie geprüfte Lehrer wären, ob es keine würdigeren gäbe. Alles wurde nicht beachtet. Di-. Zunz wurde znm Director und H. Lebrecht, dem man unter der Versicherung, daß in Preußen kein guter Lehrer für das Seminar aufzusinden wäre, das Bürgerrecht verschaffte, zum ersten Lehrer des Talmud's erwählt, nachdem man ihm einige Monate zur Absolvirung des Examens gestattete. Ersterer ist der Welt zur Genüge bekannt; letzterer lebte 12 Jahre in Berlin, ohne daß man in der Gemeinde von seinem Dasein wußte, denn er war von evangelischer Religion rubricirt; nur der Vorsteher H. Lehmann, kannte ihn; er war Mitarbeiter an ,Literatur des Auslandes." Beide Männer traten nun ihr Amt an: aber der Plan mußte noch ausgearbeitet werden, und Dr. Zunz unterzog sich diesem mühsamen Wecke und brachte es schon zu Stande. Es war für 12 Schüler berechnet, und kostete nicht mehr als 1050 Thlr. Nun der Plan fertig war, konnte der zeitige Director aus allzugroßer Pünktlichkeit auch nicht einmal einen Monat warten, um zur Bestellung des 2ten Lehrers nach Umständen Zeit zu lassen, sondern man bestellt gerade denjenigen, der seine Prüfung als Lehrer zufällig bereits bestanden hatte. Wir haben dieses aus dem Munde eines sehr glaubwürdigen Mannes, dem auf seine Bewerbung, die er gewiß mit Fug und Recht motiviren konnte, dieser Bescheid gegeben wurde. In einigen Klatschzirkeln,wurde indessen von einigen alten Frauen und Mädchen ein anderer Grund dieser sonderbaren Bestallung aufgefunden, der aber nicht vor das Forum der Oeffenttichkeit gehört. Das Seminar wurde feierlich eröffnet, und durch alle Blätter sein Ruhm verkündet, statt bescheiden nach I Keg-, 20, 11 den Erfolg abzuwarten. Die allzugroße Offenheit des Dr. Zunz hat dieses Mal einen großen Sieg über die Menschlichkeit davon getragen. Er stand, wie Sie gewiß gehört haben werden, nicht an, den anwesenden Rabbiner auf die empfindsamste Weise zu kränken, so daß der unglückliche Greis mehrere Mal seine Farbe wechselte. So wie seine gerade Entschiedenheit ihn bestimmte, kalt und herzlos über das Wohl und Weh einer nothleidenden Familie hinwegzuschreiten, das geringe Einkommen, das Hrn. Pleffner als Lehrer aus dem Seminacfond zusloss, und das er wahrlich mit dem besten Recht verdiente, demselben zu nehmen und ihn seiner Stelle zn entsetzen, so war es wiederum seine Offenheit, die ihn jeden Anstand vergessen ließ. Mag sie rühmen, wer da will; sie wird jedes beßere Gefühl verletzen. Doch hier haben wir nur die Folgen aus dem ganzen Benehmen in Betracht zu ziehen. Man führt ja fortwährend das Wort „historische Entwickelung" im Munde, heißt das aber historisch sortentwickelt, wenn sich ein neues Institut in solcher entschiedenen Opposition hinstellt. Glauben Sie nur, Herr Dr., und wenn auch „die Bande des Rabbanismuß gesprengt sind", so viel Gewalt besitzt er nocb, daß er das Seminar sammt seinen 12 Aposteln, wenn dasselbe je einmal bis zu dieser Schülerzahl sich ergänzen sollte, erdrücke , und ihr Streben und Wirken ausserhalb des Judenthums verlegen könnte. Ich glaube, Sie haben das schon zum Theil erfahren; Sie sehen wie elend das Seminar hin siecht. Die Provinzen erkennen schon jetzt die Erfolglosigkeit dieses Instituts, und es dürften etwa nur Posener oder geistes - und wahlverwandte Gemeinden auf Erfolg rechnen und zu einem Beitrag sich verstehen. Das ersehen Sie zur Genüge ans dem Benehmen aller Gemeinden und, an ihrer Gleichgültigkeit, wie die allgemeine Stimmung darüber in Berlin ist. Das wissen Sie selbst recht gut. Auch nicht einer verspricht sich Heil davon, und die Schüler werden ewig Söldlinge bleiben müssen. — Es kann auch nicht anders sein. Das Seminar hat nicht pracrisch bewährte Schulmänner zu Lehrern; seine Leistungen sind nicht erprobt, und werden nie und nimmer den Leistungen des königlichen Seminars gleichkommen, das Pädagogen der Zeit zu Lehrern hat. Es kann also nur auf das confeffionelle Interesse Rücksicht nehmen, darauf einen besondern Werth legen, und auf Nachsicht Anspruch machen. Aber in dieser Beziehung hat es bei den vorherrschenden Verhältnissen im Judenthume alles Zutrauen verscherzt. Es hat bei der Begründung sich in entschiedene Opposition gesetzt gegen alles positiv Bestehende, und zeigt durch seinen Ton, daß es in derselben beharren wolle. Die Lehrer an demselben sind der Traditionellen Religion fremd, entfernen sich von der jüdischen Sitte und dem jüdischen Leven und zahlen sich noch zu den Maratistcn in Glaubenssachen. Hat man ja jeden Lehrer, der sich zur Orthodoxie hinneigte, abzusetzen für gut befunden, und ein neues Personal geschaffen. Wird der Talmud doch nur in einer Stunde wöchentlich gelehrt. Da ist es leicht vorauszusehen , daß in Betreff der Tüchtigkeit die Gemeinden immer einen auf dem k. Seminar gebildeten Lehrer vorziehen, und die Rabbiner, nach ihren Grundsätzen, lieber einen christlichen Lehrer bestellen werden, als einen unter solcher Anleitung herangebildeten. Und sicher, es giebt noch einige Gemeinden, in denen das Wort des Rabbiners von Bedeutung ist. Der Erfolg wird es lehren, daß diese Ansichten über das Seminar leider in Erfüllung gehen werden, und auch dieses Institut wird ein Ende nehmen, wie olle Institute, die man in Berlin einzurichten unternimmt. Kosten scheue man hier nicht, aber zur Sache kommt man nie. — Es mag vielleicht dem einen oder andern beikoinmen, eines oder das andere in meinem Berichte als Verläumdung zu erklären, ich habe dagegen keine factischen Beweise; der Berliner Vorstand pflegt weder Rechnung abzulegen noch öffentlich bekannt zu machen, was die Oeffentlichkeit betrifft. Aber darum kann ich dennoch treu versichern, daß alles lautere Wahrheit ist, was hier berichtet wurde, unverfälschte Wahrheit. Eben daher erwarte ich auch von Ihrer Unpartheilichkeit, daß Sie diese Zeilen unverändert abdrucken lassen werden. Sie haben es öffentlich ausgesprochen, jedem ruhig besprochenen Gegenstände einen Platz in Ihrer Zeitschrift zu gönnen , ich hoffe, dass Sie zu Gunsten reicher und angesehener Männer davon keine Ausnahme machen werden. Es sollen auch ihre Fehler gerügt werden, auch über sie soll die Welt nach Recht und Billigkeit urtheilen. Ein unpartheisches Organ ' muß jedes würdig besprochene Urtheil aufnehmen, und darf es nicht unterdrücken: zumal da hier zur Aufklärung über einen Theil unserer Gemeindeverhältniffe, so wie zur Berichtigung der Ansichten über ein verfehltes Institut beigerragen wird. — Berlin im Oct. 1841. Kleefeld, Dr. unus pro uiultis. Verlag von C. L. Fritzfche» Druck von I. H. Nagel.

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