Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1841)
- Article
- Von der böhmischen Grenze: Die Gemeinde zu Böhmisch-Leipa ...
- Date
- 1841-12-11
- Page
- Seite 315 (sequence 2)
- Language
- German
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315 sagen, durch welche eine wahrhaft segenreiche Anstalt gleich in ihrem Entstehen, wo sie gerade der zarten Pflege und Teilnahme so sehr bedarf, angefeindet und sogar bei den Behörden verdächtigt wird? Wie soll man über Lehrer urtheilen, die ihren heiligen Beruf so sehr verkennen, daß sie sich nicht erblöden, zu gemeinen Angebereien ihre Zuflucht zu nehmen und mit lügenhaften Berichten die Behörden zu behelligen? Mit welchem Vertrauen kann eine Gemeinde die religiös-sittliche Bildung ihrer Jugend Individuen anvertraum, in denen das nationale Interesse so erstorben ist, daß sie eine Anstalt, welche die festeste Grundlage des jüdisch-gottesdienstlichen Lebens ist, kleinlichen Privatrücksichten zum Opfer bringen können? Wir hoffen, daß der in den Gemeinden erwachte, kräftige und gesunde Sinn für alles Gute, auch hier um die Mittel nicht verlegen sein wird, um jenes Lügencomplotr zu vereiteln, und daß die Vertreter der böhmisch-leipec Gemeinde durch das kecke Entgegentreten solcher zünftiger Gesellen sich nur zu einem desto größern Eifer und angestrengterer Thatigkeit veranlaßt fühlen dürfen. Sicherm Vernehmen zufolge sott auch der hochwürdigste Herr Dechant und Distrikts- Schulaufseher Krombholz in Böhmisch-Leipa, der. mit rastlosem Eifer die Emporbringung des Schulwesens sich angelegen sein laßt, und seine Sorge und thätige Theilnahme mit seltner Humanität auch den jüdischen Schulen in gleichem Grade, wie den christlichen zuwendet, über die Eingabe jener Lehrer-Quadrupelallianz mit Indignation sich geäußert haben» Pvttg, 1. Dec. Wie in Hamburg und in manchen andern Städten, so hat auch hier der berühmte Violin-Virtuose H. W. Ernst zum Vesten der christlichen und jüdischen Armen ein Concert gegeben, durch welches ein nahmhaster Betrag den Armenanstalten beider Confesswnen zugeflossen ist. — Wir würden diesen wohttharigm Akt des großen Künstlers nicht zur Publizität bringen, wenn wir nicht daran die weitere Mitcheilung knüpfen wollten, daß Emst, der wenn nicht der größte, so gewiß doch einer der größten jetzt lebenden Künstler ist- und der, wie in vielen andern Städten, auch hier einen Enthusiasmus erregte, wie man ihn seit Paganini nicht erlebt hat, ein Jude ist. — Der Künstler ist zwar als solcher ein Cosmopolit, und gehört, wie das Genie überhaupt, der Menschheit, und nicht einer besondern Nationalität und Confession an. Aber daß in der Universalität des Genres die nationette und confessionelle Besonderheit nicht untergegangen, ist etwas, was um so mehr hervorgehoben zu werden verdient, weil es ein Zeichen ist des durch die im Judenthum rastlos fortschreitende wahre Bildung und Gesittung erstarkten Nationalismus. Wie immerhin unsre frommen Prediger und aufgeklärten Rabbiner über zunehmende Jrreligiösitat und Jndifferentismus klagen mögen, so glaube ich doch, daß das Judenthum der Gegenwart, was religiöse Innigkeit und nationales Selbstbewußtem betrifft, dem Judenthum der unmittelbar nach Mendelssohn folgenden Zeit weit vorstehe. Hierin liegt der Fortschritt unsrer Zeit vor jener, daß, während noch vor drei Dezennien das reformatorische Streben auf eine gewisse allgemeine Religiösttat gerichtet war, in dec jede nationale Besonderheit untergehen sollte, es die Tendenz unsrer Zeit ist, gerade das nationale Bewußtsein im Judenthum zu wecken, und sowohl durch die Bekanntschaft mit dem reichen Schatz der historischen Denkmäler seiner Vergangenheit, als auch durch die Hinweisung auf die, unter den Juden in neuerer Zeit in Kunst und Wissenschaft sich entwickelnde enorme Thatigkeit zu stärken und zu erheben. So lange aber dieses im Judenthum lebt, ist für den überlieferten Glauben unsrer Väter nichts zu fürchten, wie sehr auch dec Einzelne der jüdisch-religiösen Praxis entfremdet ist. Der Jndifferentismus unsers heutigen Judenthums, wo solcher vorhanden ist, ist eben nur eine Folge einer frühem Zeit, die in einer übelberechneten Losreißung des allgemein-sittlichen Elements von dem uationalposmven die schönste Frucht der Aufklärung erblickte, und in der Verwischung jeder nationalen Reminiscenz den verdienstlichsten Akt erkannte. Dieser Jndifferentismus aber wird ganz gewiß immer mehr und mehr schwinden, und dem Juden seine Geschichte, so wie seine eigenthümlichen Institute, lieb und theuer werden, wenn in der Jugend schon frühzeitig ein kräftiger Nationalsinn geweckt, und sie zum Bewußtsein dessen, was das Judenthum war und ist, was es von jeher geleistet hat, und noch leistet, gebracht werden. Personalchronik und Miseellen. Musik. Anden Fortschritten der Zeit gehört offenbar die Ausbildung derKu nst, namentlich der Musik bei den Juden zu profanen und reliögisen Zwecken. Darum haben wir folgende, aus einem Privatschreiben gezogene Notizen der Veröffentlichung werth erachtet. — Der bekannte Violinist Ernst aus Brünn hatte bereits zur Zeit seiner ersten Ausbildung am wiener Conservatoriurn (um 1827) die Aufmerksamkeit der Welt, vorzüglich seiner Landsleute und Glaubensgenossen auf sich gezogen, so daß einige jüdische Familienväter zu Proßnitz in der ersten Freude, über eine den Juden gewissermaßen neueröffnete Laufbahn, ihren Söhnen, nach der zum Eintritte in jene Anstalt nöthigen Vorbildung durch häuslichen, theils gemeinschaftlichen Unterricht in Proßnitz selbst, auch die tonkünstlerische Ausbildung in Wim mit nicht unbedeutenden Opfern, verschafften. Gleichzeitig bildete sich ein musikalischer Dilettantismus von ungewöhnlicher Höhe und merkwürdigem Erfolge bei beiden Geschlechtern aus (vgl. Jeled Sekum'm Vorw.; dessen Verf. vor 10 Jahren in Proßnitz lebte), so daß diese Gr-