Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 49 (4.12.1841)
- Article
- Zur Beantwortung der Frage in Nr. 6 des Orients
- Date
- 1841-12-04
- Page
- Spalte 765-766 (sequence 2)
- Language
- German
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Änalekten. Die Anwendung der Ironie in den Predigten. 765 766 den, daß Wesen und Form immer von einander geschieden und abgesondert gehalten werden. In der richtigen Auffassung des Wesens liegt das Merkmal der Gemeinschaftlichkeit des einen Gegenstandes mit allen andern ihm ähnlichen zu derselben Gattung gehörenden Dingen, so wie das Kriterium -er Absonderung von andern Gattungsbegriffen; in der Form erkennen wir das Merkmal der Absonderung der Dinge, die zu derselben Gattung gehören. In dem Wesen eines Menschen, z. W. liegt das Absonderangszeichen, das ihn von allen andern Gattungen , Thier, Pflanze rc. unterscheidet; durch die besondere äußere Form unterscheidet sich der einzelne Mensch von den übrigen. Der Begriff des Wesens führt uns auf den des Zweckes, der meistens aus dem Wesen erkannt wird, abgesehen davon in welcher Form sich das Wesen manifestirt. Darum erscheint die Form, wo ihre Darstellung —- wie in den bildenden Künsten, der Malerey und Plastik — nicht selbst Zweck ist, immer Sem Wesen untergeordnet, wie Dienerin zu der Herrin. Die Form muß sich in Allem, was aus dem schaffenden Menschengeiste hervorgchet, nach dem Wesen und Zwecke des Gegenstandes schmiegen und fügen. Und nun nach diesen wenigen einfachen Bemerkungen zur Beantwortung der angeregten Frage. Der Zweck der Predigt ist Belehrung über Gegenstände aus dem Gebiete der Religion oder Moral. In welcher Form diese Belehrung sich geltend mache, kann von vielen äußern Umständen bedingt sein, theils von der Eigenjchümlichkeit des Stoffes, theils von der Begabtheit des Lehrers. und vorzüglich von der Bildungsstufe der Zuhörer. So verschieden, aber die Formen des Vortrags sein möchten: so müssen sie alle als Mäßig erkannt werden, wenn sie nur 1) anständig und würdig «erscheinen, und 2) dem Zwecke der Predigt, der deutlichen und vollständigen Belehrung keinen Abbruch thun. Diese beiden Punkte werden die Angeln sein, um welche sich obige Frage drehet. So sehr nun auch die Ironie dem heiligen Ernste und der Würde, die durchweg in einem religiösen oder moralischen Vortrage herrschen sollen, zuwider zu sein scheint, so finden wir doch schon in den ältesten Zeiten ein Beispiel von ihrer Anwendung, und zwar von dem Propheten Elias. ES handelte sich um die Belehrung und ^Überzeugung, ob Jehova oder der Baal der wahre Gott sei. Da heißt es Kön. 1, 18, 24 „Rufet ihr den Namen eures Gottes an, und ich werde den Namen des Herrn anruftn. Der Gott, der mit Feuer einwirken wird, ist der wahre Gott. Als nun die Baalspriestec von Morgen bis Mittag den Namen Baals riefen,, aber keine Stimme und keine Antwort kam, da spottete ihrer Elias und sprach: rufet mit lauter Stimme,^ es ist ja ein Gott, er ist vielleicht im Gespräche, oder in Geschäften, oder auf der Reise; vielleicht schlaft er und er wacht dadurch auf". Hier haben wir die offenbare Ironie in einer Belehrung über den wichtigsten und heiligsten Gegenstand. Wollten wie auch in unsrer regclfesten Zeit dem Propheten Elia keine ästhetische Theorie zutrauen, so spricht doch dieses Faktum so deutlich für die Zulässigkeit der Ironie, unbeschadet des Ernstes und der Würde des Gegenstandes, daß es hinlänglich scheint, um die Frage bejahend zu beantworteu. Anders gestaltet sich aber die Lösung derselben, wenn rnan die zweite Anforderung ins Auge faßt, daß der deutlichen und vollständigen Belehrung kein Abbruch geschehe. Soll die Ironie den Anforderungen der Kunstform vollkommen entsprechen, so muß sie so verborgen, .so fein und piquant sein, daß "rnan sie beim ersten Anblicke für Ernst und Wahrheit nehmen könnte, und sie der oberflächliche Hörer oder Leser wirklich dafür hält. — Sonst verliert sie ganz und gar ihren Charakter und artet in gemeinen Witz aus — dann aber ist Gefahr vorhanden, daß mancher Zuhörer über die Absicht dos Lehrers und den Sinn seiner Worte zweifelhaft oder ganz irre wird. Denn was ist nicht Alles im Gebiete der Religion, Moral, Philosophie und Politik als baare Absurdität von den Einen verspottet worden, was von Andern als ausgemachte, unbestreitbare Wahrheit angesehen wurde oder wird! Man denke sich z. B. das Thema einer Predigt, über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit der deutschen Muttersprache beim Gebet. Der Lehrer wollte nun die Meinung derer, die das Gebet in deutscher Sprache für rmzulaßig halten, auf ironische Weise bekämpfen und widerlegen, und äußerte nun im Geiste der Gegners: „man darf aber nicht in deutscher Sprache beten, weil die Enget, die Vermittler des Gebets zwischen dem Menschen und Gott, blos die hebräische Sprache verstehen." Wie absurd lautet dieser Satz, und wer möchte zweifeln, daß er blos ironisch gemeint fei, und doch ist er im Talmud Tractat Sabbat toi. 13 ausgesprochen, ist von Bielen buchstäblich gedeutet worden, und wird vielleicht heute noch von Manchem buchstäblich genommen. Ein anderes Beispiel. Wie empörend und abscheulich muß jedem Rechtlichen der Satz erscheinen: dem Genossen eines andern Glaubens darf man nicht Wort halten, und ein Schwur in seinen Angelegenheiten ist nicht als heilig auzuseben, und doch hatte der Spruch „haereticis non est rill ein servanöam“ diesen Grundsatz sanctionirr, und er wird leider heute noch gar häufig in praxi befolgt. Diese wenigen Beispiele mögen hinreichen, um die große Gefahr, die aus der Anwendung der Ironie der Predigt erwachsen könne, zu zeigen, und die Anwendung, daß die Ironie in der Predigt unzuläßig sei, zu begründen. Mag sich auch .mancher Redner darin gefallen, seinen Witz spielen zu lassen, und auf dem Wege der Ironie manche ihm verhaßte Persönlichkeiten geißeln: der von der Wichtigkeit seines Berufs erfüllte Lehrer wird blos den Zweck der Predigt in's Auge fassen und Alles vermeiden, was der Erreichung dieses Zwecks im Wege stehet. Es ließe sich ferner noch gegen die Anwendung der Ironie Vorbringen, daß es in ihrer Natur liegt, zu verletzen und wehe zu thun, besonders auch dadurch, daß sie so leicht in's Persönliche fällt, während es die Aufgabe der Predigt ist, zu belehren, zu erbauen, zu ermuntern, aufzurichren und zu trösten, die Laster zu züchtigen, niemals aber die Personen. Das angeführte Beispiel vom Propheten Elias kann gegen die hier aufzustellende Theorie nichts beweisen, da dort kein Irrthum möglich war. Die Lehre Elias wurde sogleich durch Facta bestätigt. Bon den Baalspriestern beißt es dort: „Der Mittag war vorüber, sie trieben ihre Raserei bis in die Nachmittagsopftrstunden, es wurde aber weder eine Stimme, noch eine Antwort, noch ein Laut vernommen." Das Probemittel des Elia bewährte sich, es kam ein himmlisches Feuer und verzehrte Opfer, Holz rc., worauf cs heißt: als das ganze Volk es sah, siel es auf sein Angesicht und rief: Der Herr ist Gott rc. K G,... d.