Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1841)
- Article
- Das neue Hamburger Gebetbuch des israelitischen Tempels
- Date
- 1841-12-04
- Page
- Seite 308 (sequence 2)
- Language
- German
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308 der Sfaame-beö Unfriedens gestreut wird, und die Religion zu solchem Verfahren dm Vorwand leihen soll. Hamburg, den 21. Oct. 1841. Die Direc tion des neuen rsr. Tempels: I. Werendorff, d. Z. Präses d. D. G. Riesser, Dr. Dr. M. Frankel. E. I. I o n a s. „Herr Bernays entbehrt aller Befug n iß zu einer solchen öffentlichen Verurtheilung." Seit dem Rufhören des westphälischen Consistoriums haben wirkeine legale Kirchenbehörde, nicht einmal eine , welche vom Staate legalisirt und eingesetzt ist, geschweige vom jüdischen Volke; es ist zwar ein allgemeiner Wunsch der Bessern in Israel, daß eine solche Behörde durch Zustimmung der Gemeinden und des Staates erstehen möge, aber bis jetzt sehen die Edleren mit Betrübniß nur Haß und Fanatismus, Zerfallen und Streit und keine Einigung unter irgend eine Intelligenz. Wir wissen nicht, ob eine solche Behörde den großen Riß, der die Familim Israels in zwei Hälften theilet, heilen würde; ob wir nicht mit Jesajas werden ausrufen (Zes. 5, 7): „Ruf richtige Wage, und siehe da nur immer Klage'."; jedoch so viel wenigstens wissen wir, daß eine jüdische Religionsbehörde wenigstens die freche Anmaßung eines Rubinen-Individuums zurückweisen oder unmöglich machen würde. Nimmer aber dürste im Judenthume eine Religionsbehörde es wagen, wenn sie auch von allen Gemeinden Israels und von allen Staaten Europa's eingesetzt wäre, einen Bann und ein Interdict auszusprechen, und thate sie es, so würde sie selbst die Sünden der Hölle in sich tragen und den Ungehorsam zur Lugend machen. Eine religiöse Behörde im Judenthume, welche die Gewissen richtet, ist: nach den Grundlehren des Judenthums nur Gott, und wenn alle Propheten aufstanden und den kleinsten Satz unserer Heiligen Bücher, als da ist (1 S. 16, 7) Gott allein kennt das Herz, der Mensch aber sieht nur den Schein, wegläugnen, wir würden sie verachten wie die Lüge und die Sünde. Die in dem Interdict der Tempeldirektion vorgeworfene Absichtlichkeit und Muthwilligkeit, Frivolität und Rufgeben des Iudenthums durfte keine wirkliche Religionsbehörde, kein Consistorium, kein Sanhedrin, ja nicht einmal ein Prophet sagen, weil kein Mensch sich zum Richter über die Gewissen aufwersen darf, und der Prophet Jesajas wurde bestraft, weil er gesagt: „unter einem Volke unreiner Lippen wohne ich" (Jes. 6, 5). Herr Bernays aber ist nicht einmal ein Jesajas, er ist kein Consistorium, kein Sanhedrin, keine Religioiröbehorde, ja nicht einmal ein Rabbiner, sondern so ein Individuum, das sich Chachem schreibt, weil es Chachem genug ist, die Schaake Gottes zu weiden. Rls solches Individuum hat er zwar die Besugniß zu Predigen, wo man barschen, und zu barschen wo man predigen soll, müßig zu gehen, wo man Lhätigkeit erwartet und thätig zu sein wo man seinen Müssiggang wünscht; er hat die Befugniß, sich reichlich für müssige Stunden belohnen zu lassen, als Sieg aufzuweisen, daß er seit 22. Jahren nichts veranstaltet, nichts gefördert, nichts gelernt, nichts verlernt, nichts gebessert, nichts verschlimmert, aber er ist kein um zu bannen, er hat so wenig als der Großmusti ein Recht zu verurtheilen, und vollends gar das Gebetbuch eines Vereins zu verurtheilen, das ihn nicht kennt, dessen Gcneral-Müssiggänger er gar nicht ist. „Es ist eine unziemliche Anmaßung". Anmaßung ist die stete Begleiterin der Unwissenheit, aus welchem Pfuhl auch der Fanatismus und der Aberglauben entsteht; wo Erkenntniß den Verstand erleuchtet, da wird das Gemüth zwar von dem Feuer der Religion erwärmt, aber nicht von verzehrenden Flammen des Fanatismus zu einem Krater ausgebrannt; wo Helle Erkenntniß Wurzel geschlagen, ja wo auch nur ein eifriges Streben nach Erkenntniß die Herzen erregt, da findet der Hochmuth, der Dünkel, die Anmaßung keinen heimischen Boden. Hätte Hr. B. dem Gegenstände seiner Verdammung wahrheitsliebend seine Studien zugewendet, was freilich mit dem Müßiggänge nicht zu vereinbaren ist, so würde er selbst eine solche Anmaßung verdammen; er würde das Lächerliche der Phrasen „Zerstörung des Gebetgeistes", „Abweichung von der jüdischen Wetweise" eingesehen haben. Welcher Gebetgeist haust denn in den Gebetbüchern seiner Synagoge? Ist es ein Nachtgeist oder ein Geist der Verirrung, ein Geist des Glaubens oder ein Geist der Rache, ein Geist der Menschenliebe oder des Christenhasses, und welcher Gebetgeist wohnt denn in den stillen Räumen des Tempels? Herr B. hätte auf eine Auseinandersetzung dieses Gebetgeistcs emgehen und denselben citt'ren müssen, wenn er diesnrcrl nicht blos eine hohle Phrase hinzustcllen beabsichtigt; er hatte gründlich Nachweisen müssen, was die Phrase „unsere religiöse Zukunft als Erlösung (n^NJl), Messias und Auferstehung" sagen will, welche religiöse Zukunft der Tempelverein aus den Gebeten verwischt haben soll. Der Glaube an nWDH i)NO und an die damit verbundene gehören nicht zu den Glaubensartikeln unserer religiösen Zukunft nach den Grundsätzen des Iudenthums, denn nur das Chcistenthum sieht in nViW und fWD nur eine religiöse Moment-Befreiung von der Sünde —; und wenn r-yAO uns nichts mehr sein soll, als was Hr. Bernays meint, nämlich das was Jesus den Christen geworden, eine religiöse nblNJI, so haben wir mit ihm, der sich auf dem Punkte des christlichen Dogmatismus befindet, nicht mehr zu rechten. Uebrigens komme ict) auf dieses Thema noch zurück, um zu zeigen, wohin die Consequenzen eines Glaubensartikels nach seiner christlichen Auffassung führen, (Fortsetzung folgt.) Personalchronik und Miscellen. Dr. Hirsch, ehemaliger Rabbiner in Oldenburg, wurden den 22. October zum Landrabbiner in Emden angestellt und er hat seine Amtsführung bereits übernommen. Emden war drei Jahre ohne einen Rabbinen. — Der als Orientalist bekannte Dr. Löwe aus London besucht so eben seine Vaterstadt Zulz in Schlesien rmd er ge»ruh ete (wie die Attg. Z. d. I. berichtet) die Einladung zu einem Vortrage anzunehmen. — Den 31. Octoder wurde das 25jahrige Bestehen der israelitischen Freifchule in Hamburg im Apollosaale gefeiert. Bei dieser Gelegenheit soll eine geschichtliche Darstellung der israelitischen Freifchule in Hamburg von Dr. Kley erschienen sein, über welches wir, so bald wir cs erhalten haben, berichten wollen. — Den 3. Nov. wurde in München die erste Ehescheidung vorgenommen, nachdem lange über die Schreibung des Stadt- und Flußnamens debattirt wurde. Es wäre aber auch interessant gewesen, wenn das Resultat, d. h. wie München und Isar nun geschrieben werden, mitgetheilt worden wäre. Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von I. H. Nagel.