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Der Orient · 1841-10-30 · Heft 44 (30.10.1841) · p. Seite 279

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 44 (30.10.1841)
Article
Köln : Freisprechung Henoch's [Nachricht]
Date
1841-10-30
Page
Seite 279 (sequence 2)
Language
German
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279 unter dem stürmischen Beifallgeklatsche der versammelten Menge ans. Möge die allgemeine Theilnahme, welche dieser Ausspruch hier gefunden hat, dem Manne Ersatz und Trost für das Unglück gewahren, was ihm eine Zeit lang verfolgte, und möge diese Procedur dazu beitragen, den Glauben an die Vortrefflichkeit des öffentlichen und mündlichen Strafverfahrens fester zu begründen. Ohne dieses Verfahren 'würde diese an und für sich sehr verwickelte Sache nie so erhellt und dem Beschuldigten nie eine so ehrenvolle glänzende Rechtfertigung gelungen seyn. Rawicz, 15. Oct.*) In dem Centralblatte des Hm Dr. Jost habe lch in No. 40 einen Artikel über das Berliner jüdische Seminarstim gelesen, dessen Inhalt mich zu folgenden Zeilen veranlaßt. Erfüllt von israelitischer Barmherzigkeit und begeistert für die zu erwartenden Leistungen des Seminars fordert nämlich Hr. Dr. Jost angelegentlich die Juden Preußens auf, jenes neue Institut alljährlich mit Geldbeiträgen zu unterstützen, damit den berliner Juden doch die Last der Ausgaben um etwas erleichtert werde. Dabei vergißt der Hr. Dr. nicht, die Juden Posens löblich hervorzuheben und ihnen eine tiefe Verbeugung zu machen für ihre beurkundete Theilnahme an dem Berliner Seminar, dem sie auf fünf Jahre die Summe von 100 Thlr. jährl. Beitrag als Stipendien für Seminaristen zusi'cherten. Wenn ich gegen die Aufforderung des Hcn. Dr. Jost protestire, so muß ich nicht minder die Übereilung der Posener Juden bedauern. Denn wie ich das Seminar kenne, so hat es nur 9 Schüler, von denen sechs aus dem Posenschen, 1 aus Polen und die letzten zwei aus Westpreußen sind. Zu diesen 9 Schülern hat das Seminar, incl. Oirector, fünf Lehrer, deren Unterhalt circa 1200 Thlr. jährlich kostet. Die Schüler erhalten ein monatliches Stipendium von 1 Thlr. und an Feiertagen freien Tisch. Erwägt man dieses Alles genau und bedenkt man, daß in pädagogischer und didaktischer Beziehung das königl. Schullehrer-Seminar Berlins durchaus alle Wünsche befriedigt, so erstaunt man, wie die jüdischen Vorsteher unserer Residenz nur auf den EinfaU kommen konnten, wegen des Hebräisch- und Religionsunterrichts zunächst ihrer Gemeinde eine so große jährliche Ausgabe aufzubürden und sodann noch die armen jüdischen Gemeinden unseres Vaterlandes mit Bettelbriefen zu belästigen. — Wollten übrigens die Berliner Juden etwas für die Ausbildung von Lehrern ihres Glaubens rhun, nun so wäre es doch wahrhaftig gescheidter, wenn sie neun befähigten Zöglingen ein jährliches Stipendium von 100 Thaleru aussetzten und solche aus das königl. Seminar, wenn auch als Hospitanten, schickten, nebenher aber gleichzeitig für die noch übrigen 300 Thlr. für einen guten und gründlichen Hebräisch- und Religionsunterricht sorgten. Ja, es erwüchse hieraus den Berlinern der Vortheil, daß die Seminaristen ihnen nicht zur Last sielen und letztere würden mit mehr Muße ihren Berussstudien leben können. Wie aber die Sachen jetzt stehen , so sind nur einige *) Ueber dieses Thema sind der Redaction mehrere Aufsätze ähnlicher Tendenz aus Posen, Berlin rc. zugekommen, so daß die Aufnahme wenigstens eines derselben nicht mehr abgewiesen werden konnte; ich wählte denjenigen, der am Ruhigsten gehalten ist. Red. Seminarlehrer gut bedacht; die Schüler hingegen sind auf leidiges Stundengeben und Monatsgeld-Vettelei angewiesen. — Das geringe Stipendium, was den Schülern aus der Jnstitutskaffe verabreicht wird, darf doch in der That nicht in Anschlag gebracht werden, da hierzu, wie wir wohl gut wissen, ein eigener Fond vorhanden ist. Aber, meint gutmüthig der Hr. Dr. Jost, durch den Geldzuschuß, den das Seminar von allen Städten bekäme, würde es sich zu einer preußischen Anstalt erheben, ein größeres Ansehen gewinnen und sich einen ausgedehntern Wirkungskreis verschaffen. Wir danken schön für diese Ehre, indem dadurch eher ein Schritt rückwärts als vorwärts gethan werden möchte; denn die Absonderungsthcorie käme wieder auf den Thron und triebe ihr Unwesen. — Und aufrichtig gesprochen, wozu soll uns eine solche Anstalt? Die jüdischen Elementarlehrer unserer Provinz sind alle entweder auf dem Seminar zu Posen oder auf dem zu Bromberg gebildet worden, und stehen nicht ihre Schulen höher, als die von dem größten Theile Deutschlands? Ich bin sogar erbötig nachzuweisen , daß manche jüdische Elementarschulen unserer Provinz von christlichen Kindern besucht werden. Herr Doctor Jost kann also hieraus entnehmen, daß man gerade nicht ein Berliner jüdisches Schullehrer-Seminar braucht, um gute Lehrer zu bilden. Doch wie steht es denn mit dem Religionsunterrichte in den jüd. Schulen der Provinz Posen, könnte man entgegnen, liegt der nicht im Argen und wachsen nicht so manche Kinder, trotz ihrer bürgerlichen Bildung, doch ohne alle Religionskenntnifi auf? Allerdings liegt viel Wahrheit in diesem Vorwurf; aber dieser trifft nicht sowohl die Lehrer als vielmehr mehrere alte bedauernswerthe Rabbiner, denen noch immer ein deutscher Religionsunterricht ein Scheusal ist, und es steht sehr zu bezweifeln, ob diese Rabbiner gegen den Religionsunterricht eines auf dem Berlin, jüdischen Schullehrerseminar gebildeten Lehrers kein Mißtrauen hegen würden. — Soll indessen für die Religionskenntniß der jüd. Lehrer gesorgt werden, so ist es bei Weitem rarhsamer, daß die Juden eines jeden Seminardistricts dafür Sorge tragen, in einer jeden Seminarstadt einen tüchtigen jüdischen Religionslehrer anzustellen, wodurch übrigens solchen Städten der Vortheil entstehen wird, daß sie leicht zur Installation eines Predigers kommen werden, da ein solcher jenes Amt mit bekleiden könnte. Wenn daher die Juden Posens so ohne Weiteres dem Berliner jüd. Seminar einen jährlichen Beitrag von 100 Thlrn. zusicherten, so müssen wir dies nur tadeln und ich bin überzeugt: hatten dieselben sich in ihrer Stadt ein wenig sorgfältig umgesehen und den Jammer geschauet, wie eine große Anzahl ihrer ärmeren jüd. Kinder die Missionsschule besuchen, wie eine noch größere Zahl derselben aus Mangel an Schulen und Schulbüchern wie verirrte Schafe umherläuft: wahrlich sie hätten jene 100 Thlr. zu besserm Zwecke verwendet und vielleicht noch bei der Berliner Gemeinde darauf angetragen, daß diese ihnen eine gewisse Summe jäbrlich dafür zahle, daß sie dem Seminare einige Schüler zuschicke. — Die nöthigen Gründe hiefür mögen sich die geneigten Leser selbst hinzudenken und wünsche ich, dieselben mögen meine schlichten, aber wahren Worte wohl erwägen und auch ihr Votum über fraglichen Gegenstand frei und unumwunden in diesen Blättern abgeben. G. Abrahamsohn.

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