Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1841
- Issue
- 42 (16.10.1841)
- Article
- Erklärungen einiger talmudischen Stellen
- Date
- 1841-10-16
- Page
- Spalte 645-646 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/8555529-9897381-9897500-2366542--1765-2366566- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
645 Erklärungen einiger talmudischen Stellen v. S. HainsfurLH. Welt u. Zeit. 646 noch durchstudiren werde, umso weniger werde ich chremUrth eile bestimmen. — Er. Wie ist dies möglich? — Ich. Weil mir bei jedermaligen Durchlesung manche mir früher unverständliche und dunkle Stelle verständlicher, klarer und einleuchtender wird. — Er. So? Nun wie verständlich und einleuchtend ist ihnen denn jene Stelle, wo der Talmud behauptet, daß einst die Semmel und Kleider, wie etwa jetzt das Getreide, auf den Feldern wachsen werden? -—Ich. Dieses behauptet der Talmud? wüßte ich nicht wo. — Er. Wo er es behauptet, weiß ich zwar nicht mehr, daß er es aber zu behaupten beliebt, ist gewiß. — Ich. Auf einer solchen Behauptung des Talmuds kann ich mich wahrlich nicht entsinnenz wenn sie aber jene Stelle in Anschlag bringen wollen: bwbßl p~l STP TD'pn iniN rby && dp ba nrpD pwäw nuta pTnj? mi: rvö nriN paj, wmn nnn tcnn ho pN naj« nSo 'bx niNpoi^j "n rrrnj; tP’Ytpi m avr pnoa rrP vnx psj i'a: idni Tübn ihk rtj? aW? Nip aa n“oj Niaa n^a tow nntasi Sabat 3v, i> 3. so sind sie durch eine fehlerhafte Belehrung irre geleitet worden. — Er. Wie denn so? — Ich. Wie Sie wohl wissen, hat die hebräische Sprache wenige Konjunktive, ihn muß 1) das Wesen der Sache selbst, 2) der gesunde Menschenverstand und 3) die Beisetzung einiger Sylben, wozu unstreitig auch das vor dem Zeitworte gehört, angeben. Nun finden wir bes den Zeitwörten hier das welches den Konjunktiv anzeiget, vorgesetzt. Lassen sie uns also in diesem Sinne diese Stelle durchgehen, und sie lautet: Raban Gamliel trug vor, daß einst die Baume täglich Früchte hervorbrkngen könnten; dem Schüler, dem es unglaublich schien, weil, wie er sagte: Es heißt, es gebe nichts Neues unter der Sonne, zeigte ec den 4 und als der Rabbi ferner vortrug: daß einst Brote und Kleiderstoffe Hervorbringen könnte, zeigte er dem ungläubigen Schüler nmüDl pHDD5 6 und -,2 Sie sehen also, daß dieser Gelehrte, der gewiß von jedem Aberglauben frei war, denn es war Raban Gamliel, nur von der Möglichkeit spricht, keinesweges aber behauptet, noch zu behaupten trachtet, daß Semmel und Kleider wachsen müssen, 3) Es war die Stelle, die er aufs Forum bringen wollte, u. die den Juden schon lange als Aberglaube angeheftet wurde. 4) Es fehlt mir an jeder Art Lexicon, um den wahren Begriff dieser Wörter angeben zu können. Vielleicht sind es die pflanzenartigen Polypen, der Federbusch und der hornartige Arm-Polype. Der Comentator Raschi gibt an, es wäre ein Baum, der Blüthe, unreife und reife Früchte zu gleicher Zeit hatte und derlei Arten Baume und Gesträuche mehrere wirklich gibt. 5) Vielleicht die Gold-, Silberu. Braunbrätlmge, die roh genossen werden können, und unmittelbar aus der Erde wachsen. 6) Vielleicht der Helleborus niger, die schwarze Nieß, wurz, welche unmittelbar aus der Wurzel röthlich gefleckte Plattstiele hervortreibt, auf deren jede 6 — 9 dicke lederartige und lanzenförmige Blätter erscheinen, die am Räude gezackt ftnh — Vielleicht aber ist es die Feuerschwamme, welche nach einer kleinen Vorbereitung lederartig wird, und woraus auch Mützen verfertiget werden. und weil in der Natur wider diese Möglichkeit keinen Widerspruch findet, wie es der Rabbi seinem Schüler bewies, so finde ich eben so wenig einen Aberglauben darin, als wenn ein Astronom, bei der Erscheinung eines Kometen behauptet, wenn er sich der Erde nähert, er dieselbe zertrümmern werde. — Er. Freilich wenn sich die Sache so verhielte, und in das Reich der Möglichkeit zu versetzen wäre, könnten sie wohl recht haben. Aber-hier traten meine Schüler ein und das Gespräch wurde diesmal unterbrochen. Sim. HainsfurLH, Localrabbiner zu Steingrub. (Fortsetzung folgt.) IL Welt und Zeit.' Nach Bediraschü Die schmale Brücke. Em wildbrandendes M e er ist die Welt, weitreichend und grundlos, Eine Brücke die Zeit, schwebend darüber gebaut. Morsch ist die Brück' und wankend, und vorn an Stricken befestigt, Die schon vor dem Entsteh'n waren bestimmt zum Vergehen. Aber sie führet dahin, wo das unvergängliche Glück wohnt, Führet zum Anschau'n hin Dessen, der thronet im Licht. Armbreit ist sie, die Brücke, von keinem Geländer umgeben, llnd du, Sterblicher, du, Sohn des vergänglichen Staubs, Ach, von dem Tag an, da du geworden ein Pilger der Erde, Mußt auf der Brücke du dich treiben, der schmalen, umher. Siehe den Steg, wie so eng er ist! zur Rechten kein Ausweg, Keiner zur Linken — und noch pochst du auf Namen und Macht? Sieh, wie zur Rechten und Linken Vernichtung und Tod sich, wie Mauern, Drohend erheben — und noch hast du ein Herz in der Brust? Noch ist dem Arm nicht die Kraft entsunken, dem Busen der Muth nicht? Oder die Güter des Glücks, trotzest Du etwa auf sie? Sie, die mit emsigem Arm du in Haufen zusammengerafft hast? Die dir dein Bogen erkämpft, die dir gefangen dein Netz? Willst du sie des gewaltigen Meers wildzürnender Woge Stellen entgegen als Damm, wenn sie sich himmelan thürmt, Vom Wind Gottes gepeitscht? Sag an! wenn sie donnernd daher braust, Wie willst, Armer, du Lann retten dein Hüttchen vor ihr? Kannst du bestehen den Kampf mit den streitenden Schaaren des Weltmeers, Welches dich einschließt? kannst du ihm entreißen den Sieg? O! trink' du ihn nur aus, den schäumenden Becher des Hochmuchs , Laß dich berauschen vom Wein deiner Erhabenheit nur; Ach! ein Betrunkener, wirst du taumeln zur Rechten, zur Linken Auf dem gefährlichen Pfad, welchen zu wandeln du hast, *) Proben, einer metrischen Uebersetzung des Bechinat O l a m. 42*