Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1841)
- Article
- Anhalt: die langsamen Fortschritte der Emancipation daselbst
- Date
- 1841-10-16
- Page
- Seite 270 (sequence 2)
- Language
- German
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270 viel weniger von dem des Rechts gebilligt werden kann. Die wohlhabenden Israeliten freilich, und die besonders, denen nichts rheuer ist als die Interessen ihrer Kapitalien, fühlen das weniger, denn wunderbar genug, die Anhalt-Dessauischen Schutzjuden haben dennoch in diesen Schranken viel Begünstigungen. Die Aermeren aber, die da ringen müssen mit aller Kraft .um das tägliche Brod, sie empfinden doppelt, obschon materiell, die .herbe Schmach, die sie allenthalben trifft. — Der Name Schutzjude hat mich immer tief empört, noch mehr aber, wenn die sogenannten humanen, etwas Humanität hineinlegcn wollten, und sich des Wortes Schutzgenosse bedienten. Mankann den Juden hier nicht vorwerfen, daß sie noch den Schacher über Alles lieben, wir finden Töpfer, Tischler, Klempner, Schneider, Goldarbeiter, Buchbinder, Gürtler, Schriftsetzer, Drucker, Böttcher hier, selbst um Tagelohn arbeiten Einige; aber leider diese entbehren als Schutzjuden des Rechtes Schutz, und als sogenannte Freimeister steht es ihnen nicht frei Gesellen und Lehrlinge zu halten. Neulich hielt ein Kaufmann bei der Herzog!. Wohllöbl. Kammer darum an, das Materialgeschäft seines verstorbenen Vaters fortführen zu dürfen, aber der Herr Kammerdirektor, zuckte höchst bedenklich die Achsel, und erwiederte höchst human; daß die Concession hierüber aussterben müsse! Ich könnte mehrere solche Geschichten erzählen, aber wir wollen uns in keine Geschichten einlassen, um unser eigentliches Thema nicht zu verlieren. — Da nun die hiesige Gemeinde jetzt Männer an der Spitze hat, wie Hr. Salomo» Daniel, Wolf Iacoby und Eduard Alexander, die kerne Mühe scheuen für Recht und Wahrheit zu arbeiten, so freut es mich anzeigen zu können, daß dieselben auch schon überemgekomm.cn sind, mit allen Kräften an das Werk des Rechtes zu gehen.. Sie erkennen die Wichtigkeit ihrer Aufgabe und mit dieser.Erkenntniß wird es ihnen leicht, Kämpfe zu bestehen, die das Gute immer zu bestehen hat, und der Herr wird ihnen Kraft geben, und ihre Rede vor den Großen des Staates führen, damit auch in rmserm Laude, den Juden und dem Judent.hume Recht werde, wie überall! Ungar n. Groß-Kanischa/ 14. Septbr. Wenn es bei der schwantendm Meinung der wankelmüthigen Welt, und dem unrichtigen Uriheilen des wandelbaren Laien über den Charakter und die Fähigkeiten irgend eines Individuums überhaupt, schon höchst unrathsam ist, sich darnach zu richten, wie der oder Jener renommirt und berüchtigt sein mag; so ist dies um so gefährlicher, und auf jeden Fall ein höchst gewagtes Spiel, jemanden eine stabile oder gar eine wichtige Stellung im bürgerlichen Leben amveisen zu wollen, blos darum, weil man so und nicht anders von ihm spricht. Das Sprüchwort vox populi vox dei ist heutzutage wirklich etwas behutsamer und nur mir Beschränkung zu gebrauchen, weil die Verhältnisse und Kabalen allzumal die Hebel aller Protectionen sind. Dies ist ein gar zu gangbarer Gemeinplatz, und bedarf keines Beweises, da man doch allenthalben sich bei der Besetzung eines Amtes bei tüchtigen Gewährsmännern Raths zu erholen' sucht; um sich nicht von der blinden Fama -gängeln zu lassen. Da jedoch ein solcher Gewährsmann offenbar nur der sein sollte, welcher kundig der zu verwaltenden Sache wie. des zu beamtenden Mannes, vertraut mit den Schwierigkeiten des Amtes wie mit den Fähigkeiten des Bewerbers, ohne Partheisucht, -Eigennutz und Interesse, die gehörige Entscheidung geben kann und will; dies aber selbst vom Zufallo abhangt, ob sich ein solcher Mann werde aufsinden lassen: hat man mit Recht es zu dm wichtigsten Angelegenheiten des Staates gemacht, öffentliche Anstalten zu errichten für die Erziehung der Bewerber des einen oder andern Amtes; damit die Vorsteher dieses Instituts bei jedem.fraglichen Punkte über einen Pflegling ihrer Obhut den richtigen Bescheid geben könnten. Wozu dies alles, wird man fragen. Garz recht! Es soll uns zu einem Schluffe vom Allgemeinen aufs Besondere verhelfen. Es soll uns aufmerksam machen, auch im Judenthume eine Anstalt zu errichten, in welcher Männer erzogen werden, die das heiligste und wichtigste Amt, dasjenige das uns am meisten am Herzen liegen soll und muß, zu verwalten vermögen: nämlich das religiöse Bedürfniß zu befriedigen, und Männer Gottes, Anwälte des Herrn zu erziehen, wenn man nicht in den heiligsten Angelegenheiten gezwungen sein will, in ein Lotto-Spiel zu fetzen, wo man 1000 gegen 1 verlieren kann. Mir einem Worte, es ist an der Zeit ein jud. theolog. Seminarium zu errichten. Um so dringender ccher empfiehlt uns die Zeit ans Werk zu schreiten, als auch jene ersten Mittel sich in fraglichen Fällen an Männer des Faches zu wenden, leider wie alte Münzen abgebraucht und abgenützt sind. Denn wer sollten denn diese Männer sein? Natürlich Männer des Faches d. h. Rabbiner. Welche denn? Etwa die alten Ueberreste und Mumien des Mittelalters? Die, sagt man, sind aus der Mode, die kennen den Zeitgeist nicht, sie wegen eines Neuen befragen, hieße die Todten um die Schicksale der Lebendigen zu beschwören “ijn D'HDn Vn D”nn, wie der Prophet sagt. Also die neuen Kolossen unserer Zeit! Sehet einmal auf diese Männer an Euerer Spitze. Mag sein, daß sie gute Kritiker, Antiquaren, Historiographen find, welche die fahlen Steine entwichener Jahrtausende ausgrabcn und die verblichenen Schriften entziffern, welche die Aurhenticitat eines alten Schriftstellers nach den besten Regeln der Hermkneutik und Kritik Nachweisen. Glaubt Ihr aber, ein solcher werde viel Federlesens machen, wenn ihr ihn über seine Zeitgenossen befragt? O nein! Entweder denkt er, hier ist das bischen Historie nicht an den Mann zu bringen, und nicht viel Ruhm rinzuärnten, oder er verfährt dabei wie mit einem alten Klassiker d. h. er sieht wie die gleichzeitige Welt, etwa der oder jener Rabb. die oder jene Zeitschrift rc. über ihn urtheilt und spricht dann sein kritisches judico aus. Ja wie aber wenn es Varianten giebt, wenn eine Zeitschrift lobt und die andere tadelt. Da sorgt er für die beste — Ausgaben?• — ach nein l Einnahmen, wo sich mehr — prositiren läßt. Nun aber äfft diesem Kolos ein Heros und diesem Heros ein anderer Mann, und diesem Manne ein Männchen, und diesem Männchen ein jedes Kind nach, und Ihr meine Freunde seid um kein Quentchen klüger geworden. Immer heißt es pur Nenomme und wieder Renomee, und Niemand kann Euch mit gutem Gewissen sagen: Ich kenne den Mann persönlich. Und ist hier und da Einer der ihn kennen mag; so wird entweder nicht um seine Meinung befrag^ oder er findet seine Rechnung dabei — das Echo des großen Kolosses zu sein. Ihr aber habt dann einen Geistlichen pur Nenomme, da ihr euere Geldwechsel weit sicherer unterzubringen sucht. Und dieser Fall ist nicht eine speculative Möglichkeit, keine theoretische Casuistik, die nur exempli gratia ausgedichtet ist. Darum mag man diese meine Worte für aufgewärmt und aufgefrischt, eine alte Leier und verwitterte Historie oder wie immer nennen; die Wahrheit ist alt und wird oft ausgefrischt und immer wieder vergessen: Laßt Euch nicht vom Z u f a l l e g a n g l e n. I. £>.