Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1841-09-04 · Heft 36 (4.9.1841) · p. Seite 243

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 36 (4.9.1841)
Article
Hannover: Aktenstück der Ständeversammlung
Date
1841-09-04
Page
Seite 243 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360147-2360184-2366268--2002-2366292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gesetzgebung über die Juden wird sich km Allgemeinen zur Aufgabe zu stellen haben: 1) Solche Beschränkungen, welche in den gegenwärtigen Zuständen keinen neueren Grund ferner haben, so weit es ohne nachtheilige Rückwirkung auf Verhältnisse, die sich einmal gebidet haben, geschehen kann, aufzuheben. 2) Diejenigen Juden, welche den sogenannten Nothhandel oder Schacher nicht betreiben, und nach ihren Verhältnissen den Christen der Lhat nach nahe stehen, auch dem Rechte nach näher zu stellen, in allen den Beziehungen, in welchen es ohne Nachtheil für das Ganze geschehen kann. 3) Die Juden im Gegensätze der jetzt bestehenden Gesetze, von dem.Schacher auf jede thunliche Weise zu entfernen, und zur eigentlichen Arbeit anzuleiten, daher auch den Juden, welche diesen Handel treiben, einen beschränkten Nechtkreis anzuweisen. 4) zugleich für sittliche, religiöse und intellektuelle Ausbildung der Juden kräftig zu sorgen. Nach diesen allgemeinen Grundsätzen ist der vorliegende Gesetzentwurf ausgearbeitet. Betrachten wir nun das Ganze mit prüfendem Auge und vorzüglich die durch das den Israeliten zu ertheilende Bürgerrecht entstandene Lücke von 4144 Thlr. 19 Gr. in der General-Kasse von Hannover, ferner den Geist der in der vorliegenden Gesetzsammlung, so dürften die Israeliten daselbst noch lange nicht an einer Erleichterung ihrer herben Beschränkungen denken. Wenn in einem Staate die Menschenrechte so genau bis auf den Groschen abgewogen werden, wie kann sich da je eine Einheit gestalten. Es hat der Jude genugsam gezeigt, daß er .nicht in der Erleuchtung des Tages zurückgeblieben, daß er Bürgerchum und Bürgerpflicht in sich geistig anfgenommen, selbst in dem beengtesten Raume — selbst hinter den Mauern der unfreundlichsten Judeustadt. Man besuche nur die Gefängnisse, und zähle die Gefesselten, kein Verhältniß findet man zwischen Christ und Jude, stets die mindere Zahl bei dem letzteren. — Man schaue sich um in unfern Familienkreisen, wie selten stoßt man da auf Unfrieden und Untreue. Man betrachte unsere Wohlrhatigkeitsanstalten, die isolirt vom Staate, blos von einem Häuflein erhallen, felsenfest dastehen, als leuchtende Liebesferrie. Man blicke sich um in unfern Bethausern und Schulanstatten, und man erstaune über die Fortschritte des Geistes,, der auf Liebe und Freiheit beruhe in der beschränktesten Sphäre. Ueberall wird man sich überzeugen, daß der Israelit wohl auf der Stufe jetzt steht, die ihn würdig macht ein höheres Ziel und einem höheren Berufe näher geführt zu werden!!- || DessÜU, 19. Juli. Indem wir vor einiger Zeit die israelitischen Verhältnisse in Anhalt-Dessau betrachteten, und besonders hervorhoben, daß die dortigen Israeliten in Betreff ihrer geistigen und geistlichen Angelegenheiten hinlänglich gezeigt, daß sie würdig sind dem Staate naher gerückt zu werden im Bürgerthum und Bürgerpflichten; indem wir noch besonders bemerkten, daß in der letzten Zeit die inneren Schulangelegenheiten durch die absurden Lehren eines dortigen Sprachlehrers etwas erschüttert werden, daß auch die Gemeinde selbst bü der Ein- und Absetzung ihrer Seelenhirren manchen Fehler sich zu Schulden kommen ließen, die eine öffentliche Rüge verdienen , zeigten wir zugleich den geistigen Fortschritt so wie die Mangel in demselben; und um in unseren'Forderungen nicht ungerecht zu sein, war es nothwcndig auf beide Seiten hinzuarbeiten, um die Aufgabe einer vollkommene politische Gleichstellung zu gewinnen, desto eher zu rechtfertigen und zu lösen. Es ist die Aufgabe, sagten wir, eine allgemeine norhwendige, daß die Vertreter der Gemeinde, wenn sie ihr wichtiges Amt begreifen, vor Allem Sorge tragen, jene innere und äußere Emancipatiow nach Kräften zu befördern, und vor allen Dingen auf die Jugend zu wirken, auf Unterricht und Bildung derselben sorgfältig zu sehen auf diesem jungen, frischen Boden Liebe zu säen, und den Segen der Religion zu erndten; nur dann würde einst ein günstiges Resultat auch in äußerer Beziehung zu erwarten sein, da die Zeit doch allen Rechten genügt. — Zu dieser Einwirkung von Seiten des Vorstandes gehört also erstlich die Schule, die zwar durch den Dr. D. Frankel gehörig repräsentier wird, aber dennoch eines Beistandes von seiner Seite bedarf. Dieser Beistand soll aber nicht etwa in der Beaufsichtigung der inneren Schulangelegenheiten bestehen, dies gehört dem pädagogischen Fache an, und dürfte von ihnen nicht verlangt werden. Die Herren mögen, aber nicht kalt dabei stchen, wenn es sich um das Wohl der Schule handelt, wenn ihre materiellen wie ihr.e geistigen Interessen besprochen werden. Sie mögen ferner darauf sehen, daß jeder Lehrer nur in seinem Fache arbeite das ihm anvertrauet, daß keiner dem andern hinderlich fei, durch ein ironisches Lächeln wenn es sich um. einen anderen Unterrichtsgegenstand handelt, als das Französische. Ich kann nur mit Entrüstung daran denken, wie ein Lehrer Alles belächelt und bekritelt, was nicht aus der Offenbarung eines S cribe und Victor Hugo geschöpft. Diese Theatres frangais modernes haben die früher so schöner! geistigen Bewegungen der Pädagogik in dieser Schule fast ganz in Stocken gebracht und so unangenehm es mir ist, auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, so müssen wir doch bemerken, daß es äußerst nörhig wäre, vorzüglich daraufzu achten, daß solche Aeußeruirgen keinen Eingang finde bei den Gutgesinnten, und daß vorzüglich der Religionsunterricht nicht gehemmt werde, der hier modern aufgefaßt, die erste Periode bildet. — Würden also die Vorsteher mit dem Direktor Hand in Hand gehen, so laßt sich mit Bestimmtheit das gewünschte Resultat baldigst erwarten. — 0 Hildesh eim, 19. Juli. (Verspätet.) Vor einigen Tagen wurde von der hiesigen Polizei die Synagoge wegen Baufälligkeit geschloffen, und die hiesige Gemeinde wird nun gewaltsam indirekt aufgeßordert, den lang gehegten Wunsch einen neuen Tempel zu haben zur Ausführung zu bringen. Der Gottesdienst wird einstweilen in einem Zimmer des Landrabbiners Bodenheimer abgehalten. Vergangenen Samstag hielt derselbe eine Trauerrede auf die verstorbene Königin von Hannover, die nächstens im Druck erscheint. Berlin, 23. Aug. Durch eine an die Ministerien der Justiz und des Innern gerichtete Cabinetsordre vom 29. April 183b ist das Amt des Schiedsmannes als ein richterliches desinirt, und demgemäß die Ausschließung der Juden von der Verwaltung desselben angeordnet worden. In Beziehung hierauf haben bei den verschiedenen Schiedsmcmnswcchlen Hierselbst mehre zu diesem Amte Heils vorgeschlagene, Heils gewählte Candidaten jüdischen Glaubens auf die Bemerkimg des Wahldeputirten, daß die Bestätigung dieser Wahl versagt werden würde, zur freiwilligen Entsagung sich bewogen gefunden; und da dieses Verfahren, nicht nur für die Entscheidung einer, gegenwärtig höherer Prüfung unterliegenden Angelegenheit nachtheilig, ja um so nachtherliger werden kann, wenn cs auch anderswo Nachahmer findet, sondern auch auf einer falschen Auslegung jener Cabinetsordr« zu beruhen scheint, so dürste eine nähere Beleuchtung dieser Thatsache von allgemeinem Interesse sein. Bei oberflächlicher Betrachtung freilich laßt sich die Auge Bemerkung des Wahldepntirten, daß durch die angeführte Cabinetsordre die auf einen Juden fallende Wahl zum Schiedsmann als eine zu kekncnv Resultate führende zu betrachten sei, allerdings rechtfertigen; ob aber die zur Bestätigung vor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.