Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1841)
- Article
- Mainz : in den Kreis jüd. Reformbewegungen gezogen [Nachricht]
- Date
- 1841-08-28
- Page
- Seite 239 (sequence 2)
- Language
- German
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239 her berufen sein, sich durch großes Wissen im Gebiete der Theologie und Philosophie, sowie durch ein ungemeines Predigertalent auszeichnen und, eine Hauptsache, er soll ein Mann sein, der das positive Element der jüdischen Religion zu retten und mit den Fortschritten des Zeitgeistes zu versöhnen weiß. Sein Name ist Dr. Frenzdorf. Ein solcher Mann chat hier Noth, sehr Noth, und glücklich die Gemeinde, wenn der neue Seelenhirt dieser Schilderung entspricht. Nun wird auch der intelligente Theil der Gemeinde endlich einmal eine Nahrung für das Herz in seinem Gotteshause finden, die jüdische Zugend wird nicht mehr durch die alten Formen erschreckt und abgestoßen werden, sie wird endlich die humanen Grundsätze ihres Glaubens, dessen göttliche Kraft schon in dem vieltausendjährigen Alter zu erkennen ist, in den wohlthuenden Lautender Muttersprache verkünden hören. Dank dem Vorstande, daß er dieser gebieterischen Forderung der Zeit endlich ein Ohr geliehen, Dank der Negierung, die so bereitwillig diesem Bedürfnisse abzuhelfen die Hand bot. Wie jedoch alles Gute in der Welt seinen Widerspruch findet, so hat sich auch gegen diese wohtthärige Maßregel des Vorstandes in der Mitte der Gemeinde eine Oppositionspartei erhoben, nicht gegen die Sache, sondern gegen die Person des neuen Seelenhirten; man nimmt nämlich an, daß ein Prediger, von diesem Vorstände berufen, unmöglich den Grundsätzen des Fortschrittes huldigen könne; man fürchtet, Dc. Frenzdorf werde die alte Orthodoxie in einem neuen Gewände bringen. Diese Ansicht aber ist unhaltbar; denn einmal ist von einem Manne mit dieser ausgezeichneten Bildung so etwas nicht zu erwarten, und dann würde der neue Prediger selbst seine Stellung untergraben, wenn er nicht-zu gemäßigten Reformen die Hand böte. Also keine Parteiungen, nie und nimmer! Wenn nur Alle das Gute ernstlich wollen, ich bin überzeugt, der neue Prediger wirb der Letzte sein, der sich dem Guten entgegenstellt. (L.A. Z.) Wollstein, 2. Attg. Die Zerwürfnisse in Cultusangelegenheiten, welche jetzt das ganze Iudenthum bewegen, berührten auch unsere Gemeinde und zeigten sich besonders während der ganzen Vakanz der hiesigen Rabbinatsstelle verderblich, indem sie die Wahl lange zwischen den Rabbinen aus der alten und denen aus der neuen Schule schwankend machten/und großen Zwiespalt hervorriefen. Endlich entschied man sich fast einstimmig für Hrn. Dr. Hirsch selb, da man in demselben echte Frömmigkeit, talmudische Gelehrsamkeit der Alten mit vielseitiger Bildung der Neuen harmonisch vereint fand. — Die Folge zeigt immer mehr, daß die Wahl nicht glücklicher ausfallen konnte. Schon beim ersten Auftreten sprach es unser würdiger Rabbiner aus, er sei gekommen, den Fri-eden und die Eintracht herzustellen, zu erhalten und zu erweitern. Man denke sich die verschiedenartigen, oft entgegengesetzten Fordecungen und Ansprüche, welche an den jetzigen Rabbiner gestellt werden, die mannigfaltigen Wünsche und Hoffnungen, welche sich im Herzen der einzelnen Gemeindeglieder regen; die Besorgniß der Verständigen, wie kann, wie wird der Neuerwählte all diesen Erwartungen genügen? Dann begreift man, welchen beruhigenden und trostreichen Eindruck die Antrittsrede unseres Rabbiners auf alle Zuhörer gemacht hat. Mag diese Rede, vom gelehrten Standpunkte aus, wie jedes Geistesprodukt, noch so verschiedenartig beurtheilt werdm, die Ueberzeugung kann man uns nicht rauben, daß sie ihren Zweck, die Herzen dem geistlichen Redner zu gewinnen und die GemGher der Menschen einander näher zu bringen, nicht verfehlte.. — Daß aber der Frieden und die Eintracht in der Funktion des Rabbiners kein eitles Traumbild, kein zu hochgestelltes, unerreichbares Ideal sei, beweist Hr. Dr. H. tatsächlich, da Lerselbe in der kurzen Zeit seiner Amtsführung schon so viel gute und heilsame Anordnungen zu Stande brachte, ohne den geringsten Widerstand erfahren zu haben. Diese Erscheinung ist eine Folge der für denselben allgemein gehegten Achtung und Liebe, der klaren Besonnenheit, mit welcher derselbe jedes Gute einführt, und der gehaltreichen Reden, welche nicht so sehr momentane, schnellvorübergehende Gefühlserregung, als Belehrung über echte Frömmigkeit und wahres Judenthum bezwecken. Als Belege hierzu wollen wir nur einige der Anordnungen unseres Rabbiners anführen. — So ordnete derselbe mir allgemeinem Beifall an, daß die Trauungen immer in der Synagoge stattslnden sollen, nachdem vorher das Mincha-Gebet verrichtet und eine angemessene Rede über die Wichtigkeit und Heiligkeit des Aktes gehalten werde. — Eben so veranlage es allgemeine Freude, daß unser Rabbiner mit allen dreizehnjährigen Kindern beiderlei Geschlechts einen Kursus des Religionsunterrichts begann, um selbige am nächsten Schebuot-Feste in der Synagoge zu consirmiren. Ferner hat derselbe den hebräischen Unterricht, bestehend in Pentateuch, Propheten, Gebeteübersetznng, Grammatik, Mischna und Schulchan Aruch mit der bis jetzt bestandenen Elementarschule verbunden, und noch eine dritte Klasse für Kinder von 4—6 Jahren, als Vorschule für den hebräischen und deutschen Leseunterricht, geschaffen. Bei der gestern öffentlich stattgefundenen Quartalprüfung stellte sich das Ergebniß dieser neuen Pflanzung zur vollkommenen Zufriedenheit heraus. Besonders fielen die Leistungen des ersten Lehrers, Hrn. Groß, sehr glänzend aus, und bewährten dessen Tüchtigkeit in allen Fächern des Unterrichts und in Amtstreue. Neben der Wirksamkeit des Hrn. Rabbiners, hat sich dessen Schwester, Demoiselle D. Hirsch selb, große Verdienste um die weibliche Jugend erworben; indem dieselbe eine Industrie-Schule für Mädchen von 6—14 Jahren organistrte, in welcher, nebst der besoldeten Lehrerin, sie selbst in allen Zweigen weiblicher Handarbeit täglich 2 Stunden freiwilligen Unterricht ertheilt. Die Geduld, mit welcher Fräulein H. ihr Lehramt übt, haben ihr schnell die Herzen der jungen Zöglinge gewonnen und das Band wechselseitiger Liebe ^und Anhänglichkeit gewoben. Erfreuend ist es wahrzunehmen, welche Ruhe und Ordnung in dieser Schule walten, und wie die zarten Kleinen ihr aus inniger Liebe besser gehorchen und mehr leisten, als anderswo durch Drohungen und Iwangsmaßregeln. — Jemehr diese Wohlthäterin mit echt weiblicher Lugend in stiller Anspruchslosigkeit das Gute pflanzt und pflegt, desto mehr verdient es, als nachahmungswürdiges Beispiel, öffentliche Anerkennung und Belobung. Das Bewußtsein aber für das Wohl einer aufblühmden Generation gewirkt zu haben wird ihr den schönsten Lohn gewähren. — Noch viele einzuführende Anordnungen und Verbesserungen beschäftigen gegenwärtig unfern Hrn. Rabbiner, von denen ich, mit Erlaubnis zur Zeit berichten werde. A. S. Böhme n. Prag, 17. 2Cug. Die schon in der vorigen Nummer erwähnte modisicirte Judenordnung lautet: „Uebec den erstatteten Bericht vom 27. Der. 1826 Z. 61643 betreffend die Modisicicung des für die Juden bestehenden Judenpatents haben Sr. Majestät mit allerhöchster Entschließung vom 4. dieses Monats Folgendes zu bestimmen geruhet. 1. Die jüdische Jugend ist dort, wo keine vorschrists-