Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1841)
- Article
- Jüdische Zustände in Italien
- Date
- 1841-07-31
- Page
- Seite 216 (sequence 2)
- Language
- German
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216 Großartigkeit und ist der Grund geworden, daß die Anstalt schon jetzt einen Fond von 100,000 Liren zählt und ihre Aufgäbe in dem Grade löst, wie wir weiter unten angeben wollen. Um uns einen Begriff von diesem Wohlthätigkeitssinne für öffentliche Institute zu machen, wollen wir nur einer Legirung gedenken, der des Samuelle Trabotti nämlich, welcher 1834 starb und in seinem Testamente folgende letztwillige Verfügungen hinterließ: das Armenhaus erhält jährlich 666 fl. 40 Xr. Jedes Dorf, in welchem der Testator Güter hatte, 20 fl. jährl. für arme christl. Bauern. Für Errichtung eines eignen Armeninstitutes erscheinen 80,000 fl. ausgesetzt. Der 10. Theil der Zinsen nämlich (400 fl.) wird zur Ausstattung 4 armer jüdischen Braute aus Mantua verwendet. Von 1600 fl. Zinsen werden 4 arme Judenknaben unterstützt, wenn sie eine Kunst oder Wissenschaft, vorzügl. Nautik erlernen wollen. 666 fl. 40 Xr. werden jährlich zur Besoldung von Armenärzten und Anschaffung von Medicin verwendet. Mit 333 fl. 20 Xr. werden jährlich Verunglückte oder Verwahrloste unterstützt. Eine gleiche Summe wird jährlich in Prämien verwandelt und an sich auszeichnende jüd. Handwerker vertheilt. Von dem noch übrig bleibenden jahrl. Zinserträge werden junge Mädchen ausgebildel. Um auf das Arbeitshaus noch einmal zurück zu kommen, so ist dessen Organisation der Art, daß zur Zeit daselbst 6 Handwerke getrieben und gelehrt werden. Jedem dieser Handwerke steht ein Meister vor, und zwar vom Anfänge herein ein christlicher, bis sich unter den gezogenen Israeliten selbst Leute fänden, welche zur Meisterschaft gelangen und als Lehrer angenommen werden konnten. Jeder dieser Meister erhält Zeinen Bestimmten Gehalt (monatl. 12 fl.)' für seinen Unterricht und alles, was er mit seinen Zöglingen anfertigt, gehört auf seine Rechnung. Neben dem Lokale ist übrigens des Handwerkszeug Eigenthum des Instituts. Doch nicht allein für die praktisch - technische Ausbildung der Zöglinge ist Sorge getragen worden, sie erhalten täglich auch 2 Stunden Unterricht in gemeinnützigen Kenntnissen, und auch das religiöse Element wird treu gepflegt. Es gehört eine Synagoge zu dem Institute und mit treuer Gewissenhaftigkeit 'werden alle religiösen Feste, alle heilige Zeiten und Stunden gefeiert und beobachtet. Wie sehr die Bedeutung des Instituts anerkannt wird, beweist unter andern auch, daß sowohl der verblichene Kaiser Franz, als auch der jetztregierende Herrscher die Anstalt mit allerhöchst ihrem Besuche beehrten und dieselbe auch bestätigten. Freilich scheint' es, als sey mit dieser großartigen Schöpfung die Kraft der Gemeinde aufgewendet und erschöpft worden. Die übrigen Einrichtungen wenigstens stehen ohnstreitig sehr weit davon ab, für die Schulen erscheint nicht viel gethan, da man mit Erlaubniß des Gouvernements die Kinder in die öffentlichen Christenschulen schicken darf, aber wenigstens sollten die Religionsschulen in befferm Zustande sich befinden. Das Synagogenwesen und der Gottesdienst bedarf ebenfalls durchgreifender Reformen und krankt an dem allgemeinen Nebel, an dem alle Synagogen Italiens leiden, und doch würde das Beispiel Mantua's von unendlichem Einflüsse wenigstens auf die Gemeinden des Königreichs seyn. Doch die Gemeinde gewährt ein freundliches Bild und erscheint als eine große, behagliche Familie mitten unter ihren christlichen Nachbarn, und von Unduldsamkeit oder Abgeschlossenheit findet sich keine Spur. Der Ghetto erscheint als ein der ganzen Stadt enwerleibtes, von ihr nicht getrenntes Stadtviertel, das oben darein nicht zu den schlechtesten gehört und durch sein kaufmännisches Leben vielfach besucht erscheint. Verlag von C. L. Fritzsche. Verona mit seinen circa 1200 Seelen, kann sich freilich in vieler Hinsicht, vorzüglich was Wohlhabenheit und Institute anlangt, mit Mantua und manchem andern Orte sogar nicht vergleichen, hat denn doch aber auch seine Vorzüge und darf wenigstens von sich sagen, daß es die Aufgabe der Zeit erfaßt hat und das Leben und Streben des Judenthnms in der Gegenwart nicht als müssiger Zuschauer an sich vorübergehen läßt. Gibt es auch wenig Reichthum, ja sogar eine nicht geringe Anzahl Armer, vorzüglich da auch hier der Handwerksstand, und zwar aus den allgemeinen oben angegebenen Ursachen, noch wenig Glieder zählt, so giebt es doch auch andererseits einige nicht unbedeutende Handelshäuser und namentlich zum Glück für die Gemeinde, viele Grundbesitzer, so daß die Geldmacht, sey sie auch noch so gering, wenigstens auf solider Basis beruht und in den Stand gesetzt erscheint, jährlich ein nicht unbeträchtliches Kapital auf die Unterstützung Armer zu verwenden. Es ist. in neuester Zeit die Hoffnung vorhanden, daß man Mantua nacheifern und das für wohlthätige Zwecke bestimmte Geld nicht als folgenlose Unterstützung sich aufzehren lassen, sondern dazu verwendet wird, der brotlosen Klaffe Gelegenheit zu geben, sich ihrer Hände Arbeit zu nähren. Der Vorzug eines sehr geregelten und dem Geiste der Zeit und Gemeinde angepaßten Gottesdienstes aber soll der Gemeinde gelassen werden. Die eine ihrer zwei Synagogen vornehmlich, in welcher der deutsche Ritus üblich ist, ist im Stande jedem billigen Ansprüche zu genügen und wird sich mehr und mehr heben, wenn der allgemeine Wunsch an guten, regelmäßig eingeführten Predigten volle Gewähr erhält. Die Schule krankt zwar auch hier an dem allgemeinen Uebel der italienischen Schulen, sie ist nur für die Armen vorhanden, während die Bemittelten ihre Kinder..privatim unterrichten lassen, allein sie ist doch in mancher Hinsicht besser, als die vieler andern Städte und wollte es ein günstiges Geschick, daß ein Mann in Mitten der Gemeinde austräte, welcher die Idee zum rechten Bewußtsein brächte, daß die zur Zeit versplitterten Kräfte durch Vereinigung Bedeutendes wirken könnten, so würden wir bald eine recht wackere Erziehungsanstalt in Mitten dieser Gemeinde erstehen sehen. Padua, der Glanzpunkt des israelitischen Lebens in hiesiger Stadt ist das rabbinische Institut, (Collegium raddinicum), worüber in der Regel der kleinen, aus 550 Seelen bestehenden Gemeinde Erwähnung zu thun, gänzlich vergessen wird. Das rabbinische Institut ist nicht , allein der 'Glanzpunkt Paduas, es ist der Glanzpunkt des ganzen Königreichs, ja Italiens, und darum stellen auch wir es mit Recht an die Spitze rmsers Referats. Bekanntlich ist dieses Seminar zur Bildung künftiger Rabbinen Kraft eines Allerhöchsten Dekrets vom 2. Juli 1825 ins Leben getreten, und jeder, welcher als Rabbine im Königreiche angestellt sein will, muß auf dem Seminar feine Bildung erhalten haben. Die Zöglinge wohnen und speisen in dem Collegio und zahlen dafür, mögen sie aus dem lombardisch-venezianischen Königreiche sein oder nicht, eine jährliche Pension von 300 fl. Ein gebildeter Fond ist hinreichend, Kinder des genannten Königreichs auch gratis aufzunehmen, vorzüglich da die Anzahl der das Seminar Besuchenden wegen der geringen Anzahl der Juden des Königreichs nicht eben groß zu nennen' ist. Als Vorkenntnisse bei Aufnahme in das Institut werden die gewöhnlichen Schulkenntniffe verlangt, welche man sich auf Gymnasien erwerben kann. (Beschluß folgt.) Druck von I. H. Nagel.