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Der Orient · 1841-07-24 · Heft 30 (24.7.1841) · p. Seite 212

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 30 (24.7.1841)
Article
Leipzig: üb. Bedürfnisse d. Gegenwart in Ungarn ...
Date
1841-07-24
Page
Seite 212 (sequence 2)
Language
German
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212 Verfechter derEmancipation immer ihre Hände vollauf zu thun hatten, um nur die Anklagen der Gegner zu entkräften. — Düse, gestützt auf das „Calumniare audacter semper aliquid haerit,“ suchten nur einen Geist der Befangenheit in den Kammern zu erhalten, und dieses gelang ihnen oft: daher die sonderbaren Inkonsequenzen, die sich bei diesen Verhandlungen zeigten. Notteck, dessen Liberalismus anerkannt ist, der den glühendsten Eifer für Einsetzung der Menschen in ihre Rechte an den Lag legte, der in seiner Weltgeschichte bei Gelegenheit der französischen Revolution folgenden Gedanken äußerte: „Die Republik stritt mit den Geisteskräften einer Nation, die Monarchie mit jenen einer Kaste;" derselbe Notteck erklärte sich als Gegner der Emancipation. Wie! Liegen etwa in den jüdischen Unterthanen keine Geisteskräfte? Hat nicht die Erfahrung sattsam das Gegentheil bewiesen? Aber Jnconsequenz ist oft das Wechselsleber großer Geister, Jnconsequenz hat auch jenen schwankenden Zustand der Kammern herbeigeführt, der die Emancipation nicht zur Geburt kommen ließ. Ganz anders wurde diese Materie auf dem Landtage verhandelt. Ein Triumph feierte die Aufklärung in der Mitte eines großen Volkes, und der Geist Gottes wehete durch die Versammlung seiner Vertreter. Von rastlosem Eifer für das Wohl des Vaterlandes belebt, zogen diese jede Rücksicht in vorurtheklsfreier Erwägung, und ein milder Strahl ihres Hellen Geistes fiel auf den trüben Zustand der Israeliten. Egoismus oder andere gemeine Rücksichten fanden in so edle Herzen nicht Eingang! Diese edlen und großen Männer, deren jeder einzelne, dem Herzen jedes einzelnen Israeliten unvergeßlich ist, proclamirten im Juden das allgemeine Menschenrecht; sie gingen von dem Grundsätze aus, das Recht des einzelnen Menschen, das mit seinem Wohl und Weh von der Gesellschaft in die Wagschale gegen seine Pflichten als Mitglied des Staatsverbandes gelegt wird, sei ein unveräußerliches, es wäre ein stillschweigender Vertrag, den jeder willkührlich unterzeichnet, so lange er nicht gegen die ganze gesellschaftliche Ordnung des Staates protestirt. Es ist ein Recht, das auch der Sünder genießt, der den traurigen Gang zum Hochgerichte macht, und um so mehr der friedliche nützliche Mensch im Staate.— Auch nicht eine Stimme redete der Unduldsamkeit das Wort, die Gefühle des Mitleids und der Billigkeit waren die einzigen Hebel, die ihre Thärigkeit in Bewegung setzte. Auch nicht ein Einziger entweihete den Adel seiner Seele durch Injurien, die man dem Schwächen: so leicht zufügen kann, jeder suchte nur die Lichtseiten der jüdischen Nation hervorzuheben, und die hohe Geistlichkeit, eingedenk ihres heiligen Berufes, dem Unterdrückten beizustehen, ging mit dm herrlichsten Beispielen der Toleranz und Aufklärung voran. Segnend wird die Nachwelt die Männer ehren, die so heilere Tage der Cultur herbeigeführt, und im Herzen aller Israeliten ari allen Enden der Welt wird sich der Landtag des verflossener: Jahres ein unzerstörbares Monument errichten. Wie ein elektrischer Funke durchzuckte diese Anerkennung die jüdischen Bewohner Ungarns. Die lebhafteste Regsamkeit durchdrang die Masse. Das Anschmiegen an die Nation, die sie so hochherzig mit den Banden der Liebe umschlungen, ward allenchalben sichtbar. Die Nationalsprache, das eigentliche Bänd der Vereinigung wird in den jüdischen Schulen eifrig betrieben. Wahre Bildung des Herzens und des Geistes ist das Ziel allgemeinen Strebens, und wahrlich diese Thätigkeit, dieses Streben müßte die herrlichsten Früchte tragen, wenn nicht ein bedeutender Umstand als Stein des Anstoßes dem Vorwärtsschreiten im Wege stünde. Es ist nämlich in Israel Verlag von C. L. Fritz sch e. . eine große Masse, ein ungeheueres Quantum von Geisteskraft, aber sie kann sich nicht concentriren, die Strahlen der Intelligenz finden keinen Focus, in welchem sie sich vereinen könnten, um da ihre Wärme, ihre Brennkrast energischer zu entwickeln. Was das Maximun der einzelnen Kraft nicht vermag, ist im Judenthume unmöglich, und wie wenig eine isolirte Kraft zu Stande bringt, zeigt das religiöse Leben der jetzigen Juden. — Doch ich will mir nicht vorgreifen, und lieber den status quo deutlicher erörtern. Die wichtigsten Bestrebungen eines gebildeten Volkes sind die scientisischen, religiösen und politischen, in allen diesen 3 Gattungen fehlt der ordnende Geist der Vereinigung, der so viel des Guten zu Tage fördern könnte. — Wie lange sollen noch unsre Theologen auf dem Ocean des Wissens herumirrend, bald Südbald Nordwärts segeln, ohne vielleicht je in einem sichern Hafen Ruhe zu finden? Wie lange noch sollen Autodidakten und oberflächliche Polyhistoren das Steuerruder der Religion führen? — Es war eine Zeit in Israel, und sie ist noch nicht so ferne, da war mit dem Berufe eines Rabbinen gewiffermassen das Gebiet seine Kenntnisse, wenn auch nicht ihr Grad, genau marquirt. Freilich war es leichterden Begriffen der damaligen Zeit zu genügen, um so dringender aber ist die Anforderung, den Wehen einer so kritischen Zelt, wie die Gegenwart, abzuhelfen. Doch was geschieht in Ungarn, trotz der bedeutenden Anzahl seiner jüdischen Einwohner in dieser Beziehung? Ist eine, den Forderungen des Zeitgeistes angemessene Rabbmerschule im Lande. — Nein. — Denken die wenigen aufgeklärten schon im Amte stehenden Rabblnm daran, eine solche zu creiren oder zn prä» poniren? — Min. — Doch ist nur von Schulbildung Abhülfe zu erwarten!— Was der religiösen Einigung abgeht, fühlt schmerzlich jeder, der die heterogensten Partheien im heutigen Judenthume kennt. — Wie lange noch soll diese Aerrissenheir in Israel vorherfchend sein? Wie lange noch sollen die Sazzungen der Religion cm weicher Thon sein, den jeder nach Belieben formen kann? Wie lange noch soll der Jndifferentismus ungehindert um sich greifen? Wie lange noch soll der von Skrupeln geplagte Jude vergebens nach Beruhigung schmachten? Machen sie euch denn gar keine schlaflosen Nächte, diese Zustände, ihr Priester im Tempel des Herrn? Kümmert euch denn gar nicht diese Heerde Israels, die hirtenlos zerstreut ist. Ihr Prediger und Religionslehrer? Glaubt ihr denn schon damit den gordischen Knoten gelbst zu haben, wenn ihr alle 14 Tage -eine: oft mit leeren Tiraden gespickte Predigt haltet? Beweiset nicht was ihr reden, beweiset, was ihr thun könnt, vereinigt euch; berathet gemeinschaftlich die Angelegenheiten der Religion, gebet ihr eine unerschütterliche Basis, reinigt sie von Mißbrauchen. Für das Wesentliche möge dann immer euer Eifer zunehmen. — Was endlich die politische Einigung betrifft, so existirt diese nur in der abstraktesten Idee, und es hat mir nie etwas lächerlicher geschienen, als der Vorwurf, den man so oft dem Juden machte „sie bilden einen Staat im Staate," da gerade Mangel an Einigung einer ihrer Hauptfehler ist, und vollends Gemeinsinn ist längst aus Israel verschwunden. Bekanntlich wurden .die Vorschläge des Landtags für jetzt nicht realist'rt — wohin aber vertrauungsvoll unser.Auge blickt — das wird nicht täuschen. Möchte bis dahin auch Israel von feinen innern Wunden geheilt sein, möchten energische Schritte zur Verbesserung seiner religiösen Verfassung angewendet werden, möchte es der Religion der Väter treu, beim schnellen Fortschreiten des Zeitgeistes nicht Zurückbleiben — dann ist das Jahr der. Befreiung gekommen, und die Stunde der Erlösung Ijat geschlagen für Israel/' Druck von I. H Nagel.

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