Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1841)
- Article
- Pesth: Drei neue Subsistenzwege f. d. Juden
- Date
- 1841-07-17
- Page
- Seite 208 (sequence 2)
- Language
- German
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208 den, denen eben die Verkäufe der Bodenerzeugnisse überlassen waren, sich nach und nach genötigt sehen, noch andere Subsistenzwege zu erforschen. Deren gibt es aber für sie drei höchst ehrenvolle, und dem Lande, das ihr Vaterland werden soll, oder auch bereits ist (alle Juden, die in magyarischen Gegenden leben sprechen auch diese Sprache, und — was wohl zu beachten ist— sehr korrekt), überaus ersprießliche: den Land- ‘ hau, das Handwerk und die höhere Industrie. Es ist bemerkenswerth, daß während die Juden Böhmens und, so weit dieß mit den eigentümlichen Gesetzesbestimmungen in Mähren sich vertragen wollte, auch in dieser Provinz, die Schöpfer und Beförderer der Industrie gewesen, so daß das Fabrikwesen beinahe des ganzen K-aiserstaates die hohe Stufe, auf der wir es heute sehen, es nur ihnen verdankt; während diese Leute durch Auflagen und Beschränkungen aller Art niedergehalten, dennoch so viel Repreduktionskraft hatten, um es mit der Concurrenz des Auslandes aufnehmen zu können: stand der ungarische Jude, der es in vielen Stücken so gur hatte, lange Zeit den Handwerken ferne und zieht sich fortwährend vom Fabrikswesen, das noch immer ein Beginn ist, mißtrauisch zurück. 2hm scheint allerdings der Gewinn der Vermittlung, lockender und minder gefährdet, als ein Unternehmen, welches schon mehr Fonds erfordert: allem über diese Illusion dürften ihm bald die Augen geöffnet werden. Noch ist es mit diesem Industriezweige für umsichtige Unternehmer nicht zu spät — warten sie aber länger und bleiben müssig, so dürfte die Reue zu spät kommen, und sie noch früher zu einer Lebensweise hingedrängt werden, die sie bisher doch selten anders als unfreiwillig zu ergreifen pflegten. Ich könnte ihnen von ganzen Gemeinden erzählen, wo es in Folge dieses Umschwunges kaum Einen Wohlhabenden und neben diesem keine drei Familien mehr gibt, die sich gut nähren; die übrigen Glieder der Gemeinde, halb nakt und arbeitsscheu (vielleicht auch nur deßhalb, weil sie keine Scholle dieses reich gesegneten Bodens ihr. nennen) leben durch ein „Wunder": denn Wunder scheint es mir, daß diese Menschen , die kaum Ein Mal die Woche über ihre Hütte verlassen, auf diesem Einen Streifzuge so viel gewinnen sollen, um nothdürftig ihr und der Ihrigen Leben zu fristen. — Dieser Umstand scheint mir der Beachtung des Philanthropen würdig; sollte es der Menschenfreundlichkeit der großherzigen Stände gelingen, für den Juden mehr Freiheit zu vindiciren, so bleibt es auch, dann noch ihre Aufgabe, den hier angedeuteten Mißverhältnissen , an denen doch nun einmal die frühere Legislatur, die, was den Juden betraf, nicht viel besser als Gesetzlosigkeit gewesen, allem Schuld trägt, zu steuern. Möchten doch die Juden ihrerseits ebenfalls die Augen öffn en und einsehen lernen, zu welchem Werke sie in diesem Königreiche berufen sind! Die Losung ist einmal gegeben, und der Adel, von dem kaum der zehnte Theil begütert ist, wird nicht lange mehr auf Privilegien bestehen, die bei solchem Stande der Dinge nicht mehr sind. Die Aufnahme des Juden in die vollen Rechte eines Emgebornen legt zwar in der Wagschale der „ Einheitspartei" kein unbedeutendes Gewicht; um so reicher ist sein Antheil an der künftigen Wohlfahrt des Landes» — Und von diesem Gesichtspunkte aus müssen alle Bestrebungen der hierländischen Juden, sie mögen nun in Wissenschaft, Kunst oder in einer andern Art sich öffentlich kund geben, beurtheilt worden. Daß ein Jude überhaupt etwas in ungarischer Sprache drucken läßt, ist schon ein Gewinn für ihn —wenn dieß nun aber, wieBlochs Bibelübersetzung die vaterländische Literatur sogar bereichert, dann gibt dieß dem Juden in die Augen aller Magyaren sowohl Ruhm als gelegentliche Beachtung seiner bürgerlichen Sphäre — noch mehr aber gewinnt er an Wohlwollen und Lheilnahme in seinen übrigen Beziehungen zum Lande. Ungarn! das wenigstens noch einmal so viel Bewohner fassen könnte, als es jetzt zählt, Ungarn würde und wird mit jedem Tage mehr ein Asyl für die Juden der übrigen Erbländer; diese würden mit Freuden Spaten und Pflug ergreifen „wo ihrer, wie hier, Freiheit des Grundbesitzes und eine ehrenvolle Stellung im Kreise der übrigen Staatsmitglieder wartet. — Was das Land selbst dadurch gewänne, so viele Elemente der Betriebsamkeit und der Intelligenz allmälig in sich aufzunehmen, kann Niemanden, der die ökonomischen und resp. agrarischen Verhältnisse desselben kennt, entgehen. Indem die ungarische Nation Gerechtigkeit übt, erweist sie sich selbst, dem Ruhm ihrer menschenfreundlichen Motive unbeschadet, die größte Wohlthat. Um die Stimmung für die Indem oder vielmehr gegen die bisherige Praxis m Hinsicht auf dieselben, wie sie sich zuweilen hie und da im Lande kund gibt, noch mit einem Beispiele zu belegen, möge einstweilen folgendes genügen: Die Krone erhebt von der ungarischen Judenschaft die sogenannte Kamera! - Taxe (eine Iudensteuer), die von einem Komitat hier in Pesth auf die einzelnen Gemeinden impertirt wird; nun traf es sich, besonders iu letzter Zeit nicht selten, daß diese Steuer von einzelnen Gemeinden geradezu verweigert und in Folge dessen der Administration des Komitates (diese ist vollkommen unabhängig) von oben herab um Assistenz ersucht, jedes exkutive Einschreiten jedoch in einer Sache „an der nur derkön. Kammer gelegen sein könne," aufs Entschiedenste abgelehnt. — In Szathmar - Nemethi, einer königl. Freistadt, suchten einige Israeliten in .Follge der letzten Konzessionen die Einwilligung des Stadtrathes, behufs ihrer Niederlassung, nach; diese wurde nicht allein mit lobender Anerkennung des dahin lautenden Gesetzes gegeben, sondern auch die Verwunderung geäußert, wie andere Städte 5z. B. Kaschau 2c.) die Vortheile die ihnen selbst aus jener Zulassung der Israeliten erwachsen müssm, verkennen mögen — (Beschluß folgt.) Literarische Skizzen rmd Berichte. Neue Stiftung in Hamburg. Den 10 Juni wurde in Hamburg der Grundstein des neuen isr. Krankenhauses gelegt, welches seine Stiftung Hrn. Salo.m on Heine, dem Gründer und Förderer so mancher wohlthatigen Anstalten, verdankt, der durch die Errichtung jenes für seine armern Glaubensgenossen bestimmten Instituts das Andenken seiner verstorbenen Gattin, Frau Betty Heine, geborne Goldschmidt, zu ehren beabsichtigte. * > * Kaf al-Zehud (Iudenfelsen). In der Gebirgsgegend bei Litten findet sich ein Platz, der Kaf al-Iehud heißt; (bei der jetzigen Expedition passirten ihn die Franzosen); kann Jemand uns aber diesen Ort und dessen Grund etwas berichten? t- * Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.