Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1841)
- Article
- Leipzig: Bericht v. Dr. Ehrmann
- Date
- 1841-07-17
- Page
- Seite 207 (sequence 2)
- Language
- German
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207 drückung auf seinen Schultern zu tragen , sagten ehemals Finsterlinge und Fanatiker, und in seiner Mißgestalt im Felde des Herrn als Vogelscheuche dienend, sollte es beweisen, daß der Gott der Liebe auch ein Gott der Rache seyn könne! — Gottlob, die Zeiten sind vorüber, wo man solchen Unsinn widerlegen mußte. Andere, und namentlich die jüdischen Gelehrten der Neuzeit, sehen in der Ausdauer und Duldsamkeit des armen Volkes, das bei den granzenlosen Bedrückungen von unten, den Blick vertrauungsvoll nach oben tragt, ganz andere Momente -- eine schöne Idee soll Israel personisiciren. — Die höchste Würde des Menschen in seiner tiefsten Stellung — sie ist schön diese Idee, aber bedauernswerth ist der Unglückliche, der Träger dieser Idee sein muß. Wie gesagt also, der Beruf Israels ist in der Theorie nicht leicht zu erörtern, aber in der Wirklichkeit machte man sich weniger Skrupel. Das Schicksal hatte ja selber das Ziel bezeichnet, dem Israel zustreben sollte. Von den schrecklichsten Unfällen verfolgt, das Kainszeichen des Unglücks auf seiner Stirne tragend, kam es zerknirscht, gedemüthigt, entstellt, für seinen matten und wunden Körper ein Obdach zu erflehen. War nicht das gegenseitige Verhaltniß deutlich genug marquirt? Das Recht des Stärkern mit seiner unverschämten Arroganz, der religiöse Fanatismus mit seiner giftigen Wuth, das Dunkel der Zeit mit seinem Grauen , der Egoismus mit allen seinen Schlichen und Ränken begründeten zur damaligen Zeit seine Stellung im Staate. — Israel selber, aller Kraft und Energie des Geistes bar, ließ sich ohne Murren Ketten anlegen, welche die Macht ihm schmiedete, würdig jener Vater in Egypten, die der Stimme ihres Befreiers Moses kein Gehör schenken wollten. Die Religion der Väter, die in ihrer Reinheit, Much und Thatkraft verleiht, wurde getrübt, entstellt, verzerrt, und in dieser Umstaltung schüchterte sie ihre Anbeter wie Knaben ein. Israel nahm als Deckmantel seiner Schwäche — die Religion — Dulden ist das Erbtheil unseres Stammes, sagt Shylock. Mit diesen wenigen Worten ist die ganze Nation in der von mir bezeichneten Epoche charakterisirt. —- Der Uebermacht gegenüber die schwachen Kräfte überschätzen, ist thöricht, im Streben nach dem Unerreichbaren die Kräfte vergeuden ist tollkühn; aber in günstigen wie in ungünstigen Zufällen Thatkraft entwickeln, heißt, die wahre Weihe des Menschen erkennen. Thätigkeit ist das erste Prinzip des menschlichen Lebens, das dem Daseyn Werth gibt, im Glücke das Leben mit den schönsten Nüancen ausschmückt, im Unglücke dem Menschen die nothige Spannkraft verleiht, daß er nicht unterliege. Der thätkge Mensch ertheilt Färbung allen Gegenständen, die ihn umgeben, und steigert den Werth seiner Nebenmenschen, durch Erweckung ihrer schlummernden Kräfte. Stilles Hin brüten ist physisch und geistig die Quelle mannigfachen Uebels, und achtungswerther ist mir der Sklave, der in seine Ketten beißt, als der Mächtige der seine Kräfte erschlaffen laßt. Shakespeare hat im Ganzen genommen feinen verworfenen Juden schlecht aufgefaßt. Blutdurst war nie sein Charakter, steht sogar mit den mannigfachen Einflüssen, die den jüdischen Charakter modisiciren konnten, psychologisch betrachtet, in Widerspruch , und nur der abscheulichste Fanatismus hat in neuester Zeit im Orient dergleichen Lügen geschmiedet, aber der Dichter weiß seinen blutdürstigen Juden zu motiviren. Die schrecklichen Furien der Rache durchwühlen sein Inneres, und das Pfund Fleisch des Antonio ist die einer ganzen in ihren Rechten gekränkten Nation gebrachte Sühne. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich solche Herzensregungen, welche die Hölle Mutter nennenverabscheue, und insofern der Dichter sein Ideal als Nationalcharakter geltend machte, hat er die jüdische Nation 'schändlich verläumdet. — Dennoch liegt in Shylocks Charakter etwas ästhetisch gefälliges. Es ist die praktische Idee der Vollkommenheit, die uns jede Kraftentwicklung gefällig macht, wenn auch ihr Ziel nicht immer der Moral konvenirt. Die Herbartsche Philosophie deducirt aus diesem unbestreitbaren ästhetischen Verhältnisse einen großmTheil ihrer Morallehre. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, gefällt mir besser der Jude Shylock, als jener gutmüthige aber schwache, gefällige aber kriechende, wohlthatige aber charakterlose Scheva, dessen Hundestreue so ästhetisch kleinlich erscheint. — Die Juden der damaligen Zeit entsprechen eher dem Charakter des Scheva, und leicht konnten die gränzenlosen Anmaßungen der Uebermacht festen Fuß fassen. — So ungefähr war die Verfassung der Herren und Knechte, als die Sonne der Aufklärung diese wie jene bestrahlte, und die Begriffe der Zeit von den Schlacken der Vorurtheile gereinigt wurden. — Das Gewissen der Völker ward rege. Die Zügel der Herrschaft wurden nicht mehr mit solcher Strenge gehandhabt, man wollte sie aber dennoch nicht gänzlich aus Händen geben. Die Unterdrückten anderseits wurden ihrer Schmerzen bewußt, und sahen sehnsüchtig der Heilung entgegen. Die Religion blieb noch immer Trösterin in Leiden, aber sie war nicht mehr der Damm, der ihre Bestrebungen hemmte. Man sing im Iudenthume an den Wissenschaften zu huldigen. Jene stupide Behauptung, daß im Talmud alles Wiffenswerthe enthalten sei, die man noch vor kurzer Zeit aus dem Munde mancher Rabbinm vernehmen konnte, und die mich immer an das bekannte Todesurtheil erinnert, das in der Form eines Dilemma über die Alexandrinische Bibliothek gefällt wurde, wurde in ihrer Lächerlichkeit erkannt. Man bewies den Völkern, wie auch der Jude nützlicher Bürger im Staate sein könnte, — wenn er nur dürste. Die schönsten Resultate wurden sichtbar. Jüdische Jünglinge kämften m den Schlachten für das Wohl des Vaterlandes, Gewerbe und Manufakturen fanden an Juden thatige Beförderer. Jeder Zweig des Wissens zählte unter ihnen einige Koryphäen, jüdische Virtuosen rißen zur Bewunderung hin, und Compositionen jüdischer Meister machten die genußreichsten Abende. Auch der diesem Volke angeborene Wohlthätigkeitssi'nn zeigte sich in den herrlichsten Mustern; kurz Israel zog durchseine reißende Fortschritte die Aufmerksamkeit aller Völker auf sich. — Was Wunder! — wenn Aeolus die eingeschlossenen Winde aus ihrem Gefängnisse befreit, schießen sie mit ungeheuerem Getöse hervor." (Beschluß folgt.) Pesth, im Juni. Was ich Ihnen in meiner frühern Mittheilung, die politische Stellung der Juden in Ungarn betreffend, nur obenhin angedeutet habe, bestätigt sich mit jedem Tage mehr und mehr. Nur wenige würdigen dieses Verhältm'ß, das freilich noch kein klar ausgesprochenes ist, nach seinem ganzen Umfange, und diese Wenigen gehören nicht dem Handelsstande an, der, wie es.scheint, an der ganzen Judensrage überhaupt nur instinktmäßig Theil nimmt. Denn für ihn gibt es ein anderes Glück, wenn es auch keinen so soliden Grund hat, als der Besitz von Haus und Feldern: ihn halt die Stunde schadlos fürs ganze Leben. Aber diese Quellen des Wohlstandes fangen, besonders auf dem Lande, zu versiegen an. Der Edelmann, der sich früher des Juden als Vermittlers bei der Verwerthung seiner Produkte bediente, ist jetzt auf seinen DortlM bedachter als je; er selbst führt oft die Erzeugnisse seines Bodens oder seiner Herden auf den Markt, er selbst bemächtigt sich der Industrie und hilft so am besten mit, sein Vaterland von den Fabriken des Nachbarlandes immer unabhängiger zu machen. Und gilt dieß auch nicht von Allen, oder auch von sehr vielen, so dürste der practische Nutzen dieses Beispieles allmälig und häufig Nacheiferung finden, und die Ju-