Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1841)
- Article
- Hannover : das Judengesetz in den Kammern [Nachricht]
- Date
- 1841-07-10
- Page
- Seite 203 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360147-2360176--1874-2365937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 203 Deutschland. Hannover, 23. Juni. In der ersten Kammer war, wie man hört, bei der Berathung über das Judengesetz die Einamhne des Schutzgeldes ein bedeutendes Hinderniß, wodurch das Gesetz nicht durchgehen konnte, also durch eine andere Ungerechtigkeit wird die alte Ungerechtigkeit unterstützt. Die königliche Kaffe will den Ausfall nicht über sich nehmen, obgleich es nur 4000 Thaler sind, und die Landeskaffe will die anderswo dann fehlenden 4000 Thaler nicht alljährlich bezahlen. Es wurde bei Besprechung dieser Angelegenheit in der ersten Kammer der Antrag gestellt, daß das Schutzgeld als Reallast betrachtet werden möge, welche dann wie jede andere durch Ablösungen getilgt werden könnte, was natürlich so lange man auf das Geld verharrt wohl das Vernünftigste wäre; aber es war dieser Kammer nicht ernst um Verbesserung der jüdischen Zustande zu thun. In der zweiten Kammer wollte man von diesem Anträge gar nichts wissen, vorgebend,,'um sich in keine Geldverlegenheiten zu verwickeln. Wie man vernimmt, soll Oesterreich ein sehr humanes Gesetz zur Beseitigung so vieler speciell jüdischen Lasten vorbereiten und gewiß würde ein solches auch auf uns günstig zurückwirken. Ein Antrag über Gestattung der Ehen zwischen Juden und Christen hat vielen Anklag gefunden, .was man gar nicht erwartet hätte, und obgleich er nicht durchgegangen, da eine Majorität mit zwei Stimmen dagegen war, so bleibt doch die Stimmung für diesen Antrag merkwürdig. Ungarn. Szent-Miklos*) an der Waag, 16. Juny. Im Orient yfo. 16 lesen wir einen Bericht vom 22. März über den Zustand der hiesigen.Gemeinde, der schon wegen mancher darin enthaltenen Ansichten und Mittheilungen öffentlich getadelt zu werden verdient, wenn auch die allgemeine Verstimmungdie er in unserer Mitte erregt hat, nicht in Betracht gezogen wird. — Kleinere Jrrthümer, die vielleicht der Flüchtigkeit der Feder des Berichterstatters entschlüpft sind: wie die Angabe der israelitischen Einwohner auf „400 Seelen," was eher Familien heißen sollte; die Berechtigung des Handels mit Auswärtigen zum „stolzen Herabsehen " aus unsere Nachbaren, welcher Grund uns gewiß kein unmoralisches Recht einräumen kann; das Anschaffen zu unserem Lesevereine aller Werke „ausgezeichneter Israeliten", was richtiger gesagt: aller das. Judenthum betreffenden Werke, wenn sie auch christliche Verfasser haben, heißen sollte , u. dergl. m. will ich, da sie nicht von wichtigem Interesse sind, ganz übergehn, und um so lieber, die richtigen Ansichten über die von Ihrem Berichterst. genannten „falschen Eiferer," an deren Spitze er unfern Rabbiner stellt, zu verbreiten suchen. So sehr Schreiber dieses den Fortschritten unserer Zeit in Angelegenheiten des Indenthumes die gebührende Anerkennung zollt und der Meinung der Bessern herzlich beipflichtet: so hegt er doch die tiefste Achtung für jeden ehrbaren Charakter, und fühlt sich also auch von Ehrerbietigkeit für den Rabbiner durchdrungen. Die Festigkeit des Charakters, seine Beharrlichkeit, die Ihr Berichterstatter für ^„gefährliche Mittel" hält, das ist es, was gerade rühmenswerth zu nennen, und bei jedem Wolksführer zu wünschen ist. Sind auch seine Ansichten von den der unserigm verschieden, und gibt er sich auch diesen seinen Ansichten mit Eifer hm, so ver- *) Audiatur et altera pars. Aber nichts nuhr davon. Red. dient er deßhalb keinen Tadel; es wäre vielmehr zu wünschen, daß auch die Anhänger der neuern Ansichten sich mit solchem Eifer der guten Sache.hingeben möchten, daß durch reine und vernünftige Ueberzeugung ein dauerhaftes Band der achten Religiosität zur Vereinigung Aller gewebt werde. Wenn ferner Ihr Berichterstatter diesen Orthodoxen alle Liberalität abspricht, so kenne ich keine andere Ursache als die, daß er so viel ich weiß noch nie diese Leute besucht, vielweniger Umgang mit ihnen gepflogen hat. — Ferner die unter freiem Himmel vollzogene Trauung, die Ihr Berichterst. als Beleg der Hartnäckigkeit unseres Rabbiners anführt, verdient nach der Ansicht eines helldenkenden als Tugend angerechnet zu werden, wenn man bedenkt, daß die Betheiligten wohl Reichthum und Ansehn entaegenstellen, aber seine Grundsätze nicht durch theologische Gegensätze schwächen oder gar umstoßen konnten; — heißt das ein „falscher Eiferer?" Was wir weiter über das Abschneiden der Haare lesen, erregte, da es als Privatsache für die Oesftnlichkeit ohnehin wenig Intresse hat (?), ein Lächeln über das Vertrautsein des Berichterst. mit den Berathungen und Schlüffen der „unverheirathetcn Klubbs", aus welcher Quelle er auch die Nachricht über die Bitten und Verheißungen des Rabbiners geschöpft zu haben scheint. Ehe ich aber über den Grund des „Kampfes" spreche will ich auf ein bestehendes Landcsgesetz aufmerksam machen, welches das Einkommen ausländischer (nicht ungarischer) Israeliten in ungarischen Gemeinden streng untersagt, was aus dem von der Behörde an den Geistlichen ergangenen Verbote zur Vollziehung der Trauung an Fremden, wie der Berichterst. selbst erzählt, zu ersehn ist. Wenn nun Berichterst. von einer eingereichten Petition zur Ausschaffung aller „angesiedelten Fremden" spricht; so zeigt dieses, wie wenig er den wahren Hergang der Sache kennt. Wahr ist es, daß eine Petition eingereicht wurde, die aber nur die Aafrechthaltung des Gesetzes, von welchem man Ausnahmen machen wollte, zum Zwecke hatte. Ob übrigens das Gesetz an und für sich human sei oder nicht, gehört nicht hierher. S. I a n o w i tz. Dt. Miklos an der Waag, 21. Juni. Erlauben Sie mit einigen Worten den Eindruck meines ersten Berichtes über den Zustand der hiesigen Gemeinde zu erwähnen. Die Urheber des gedachten Streites waren über die Veröffentlichung so ungehalten, daß sie in Vorschlag brachten, mich vor das Gericht zu laden;,, da ihnen aber die Unmöglichkeit dieses Verfahrens wohl bekannt ist, so wollten sie zum Vorwände die Verunglimpfung des Rabbincn vorgeben. Es blieb beim Vorschlägen. Ich habe Thatsachen, die natürlich nicht negirt werden können, veröffentlicht, ob es würdig oder unwürdig war, mögen die würdigsten Männer unter der großen Zahl der Leser Ihres Blattes entscheiden. Der Streit ist, wenn nicht gänzlich beigelegt, jedoch gedämpft, und der Kaufmann, der die Ursache dessen war, ist gesetzlich als Gemeindeglied anerkannt worden. Gegenwärtig beschäftigen sich ausschließlich säst alle jüdischen Bewohner mit der Umgestaltung der Erziehung. Die unumgängliche Nothwendigkeit ist allgemein anerkannt; .der Gesichtskreis ist nun ein Mal erweitert, und innere und äußere Einwirkungen dringen so sehr ein, daß eine zeitgemäße Erziehung unumgänglich geworden. Vor einigen Tagen versammelte sich die ganze Gemeinde unter dem 'Vorsitze des sehr geachteten und allgemein beliebten Vorstehers Herr I. Diner, über die Errichtung einer öffentlichen Lehranstalt gemeinschaftlich zu berathen. Alles erhob sich wie ein Mann und zeigte, wie diese Anstalt zu Beförderung des geistigen Wohles der kommenden Generation unentbehrlich sei, und daß es Pflicht jedes Vatees für das Glück der Kinder Sorge zu tragen. Rur