Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1841)
- Article
- Georgenburg: Gründung einer Schule zu Wilna
- Date
- 1841-06-12
- Page
- Seite 184 (sequence 2)
- Language
- German
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— 184 — digt. - Ein, durch Wohlstand und Edelsinn ausgezeichneter Kaustnann in Wilna, Herr Hirsch Klatzko (Vater des in andern Blättern rühmlich erwähnten jungen Dichters Juda Kl atz ko), der zur Seit der Chobera, auf dringende Bitten der Obrigkeit das Cholera-Hospital dirigirend, sich glänzend hervorthat und von unsrem Allgnädigsten Kaiser mit einer goldnen Medaille 2. Classe beehrt wurde , der auch voriges Jahr, beim Einsetzen derComito's zur Verbesserung der Israeliten rühmenswerth ausgetreten, indem er Einer gegen Tausmde der fanatischen Obscurancen muthig stritt, ihre Vorschläge und Pläne nicht unrerzei'chnete, und seine heilsamen Meinungen seperat an Seine Excellenz, unsrem hochgestellten höchsthumanm Herrn Minister der Volksaufklärung zusendete; dieser ehrenwerthe, edelgesinnte Hr. Kl atz ko entwarf, in Verbindung mit dem in der hebräischen Literatur berühmten Schriftsteller Herrn Marcus Aron Ginzbürg und dem nicht minder bekannten Gelehrten Hrn. Salomon Salkin-, einen Plan, zur Errichtung einer Privat-Schule für israelitische Knaben, wobei Herr Kl a tzko als Direktor, und die Herren G i n zb u v g und Salkind als Vorsteher fungiren. Der Wilnaische Gymnasial- Direktor, Herr Ustinoff, wirklicher Beförderer der Bildung und Aufklärung, nahm sich der Sache eifrig an, erkannte die drei genannten würdigen Männer ihres schönen Planes würdig, machte eine Vorstellung davon an den dortigen Curator, Herrn General Grub er; dieser hochedle Mann, wahrer Patron der Cultur und Humanität, wiederum eine nach St. Petersburg, und wurde in kurzer Zeit von Seiner Excellenz dem Herrn Ministur von Uwaroff, der gern Bildung und Licht unter allen Landesklndern ohne Unterschied und Ausnahme verbreitet, eine Erlaubnis; zur Eröffnung dieser Schule erwirkt. Sie wurde auch vor einigen Lagen eröffnet, (zwar noch nicht förmlich, nur der Unterricht nahm seinen Anfang, die förmliche Eröffnung wird bald, und wie ich höre, mit großer Feierlichkeit gleichfalls statt finden). Es besuchten (in meiner Anwesenheit zu Wilna) die Schule der Herr Gymnasialdirektor, der Herr Curator und alle höchsten Civil- und Militär-Autoritäten; er bezeugten alle einstimmig öffentlich ihre höchste Zufriedenheit und ihren Beifall zu der schönen Ordnung der Schule, wie auch zu der Disciplin der Kinder, womit sich wirklich diese Schule rühmen kann! Die Schule ist in zwei Hauplabtheilungen getheilt; jede Abtheilung wieder in zwei Klassen; in der ersten Abtheilung werden nur die Gegenstände jüdischen Fachs, als: Talmud, Bibel, hehr. Grammatik und Religion vorgetragen; in der zweiten Abtheilurig die übrigen Gegenstände, Russisch- Deutsch, Arithmetik, Geographie und Calligraphie. — Freuen wir uns über diesen schwachen Strahl eines kommenden Morgenroths, der von Händen dreier hochherzigen Männer in die Hauptstadt des sinstem Litthauens geworfen ist; möge dieser Strahl einst Sonne werden!! M**. A. B. Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Jüdische Zustände in Italien. (Fortsetzung von Nr. 18.) Großherzogthum Toskana. Hier tritt uns manches Erfreuliche entgegen, das zum Theile wenigstens den unangenehmen Eindruck wieder auszutilgen vermag, der uns im Allgemeinen bei der Anschauung des Looses der italienischen Israeliten wird. Es ist hier mehr Freiheit, und darum auch mehr Sonne, weniger Schatten. Die Verfolgungen der Juden in Spanien zu Anfänge des 16. Jahrh., welche vornehmlich das Toskanische bevölkerten, haben bewirkt, daß das spanische Element hier die Oberhand behalten hat. Wir finden die Juden hier nicht als Fremde, sondern als förmliche Uuterthcmen behandelt, jedoch dürfen sie sich nicht bis zum Staatsbürgerthume, namentlich im europäisch repräsentativen Sinne erheben. In allen materiellen Lebensverhaltnifsm sehen wir sie darum den- Christen gleichgestellt. Sie erscheinen nicht eingeschlossen in bestimmte Ghettis, können vielmehr, überall wohnen , dürfen Grundstücke erwerben, Handel und Gewerbe in unumschränkten Maße treiben, den Künsten und Wissenschaften obliegen, dürfen als Medickner, Chirurgen u. dergl. austreten; jedoch sind sie aller politischen Rechte beraubt, können nicht zur Vaterlandsvertheidigung zugelassen, sind selbst weggcdrängt von Notariats-u. Advokatenpraxis. Ihre Zahl mag sich auf 9000 erstrecken , wovon ein nicht unbedeutender Theil in sehr bemittelten Umständen sich befindet, ja sogar reich zu nennen ist. Leider fehlt der goldene Mittel¬ Verlag von C. L. Fritzsche. stand auch hier, und zwar aus sehr natürlichen Gründen; denn er fehlt überhaupt in dem industriearmm Italien und kann nicht auskommen da, wo es nur reiche Fabrikherren und arme Arbeiter gibt. Handel ist die Hauptquelle des Nahrungszweiges, und da außer der Medicin die Wissenschaft keine Erwerbsquelle bilden kann und darf, so gicbt cs überhaupt wenig Gelehrsamkeit und Wissenschaftlichkeit. Was man davon bedarf, acquirirt man zumeist vom Auslande, aber der Bedarf ist gering, denn hinsichtlich der Schulen steht man auch hier, wie aller Wege, noch auf dem alten Flecke d. h. es gibt nur sehr dürftige Lehranstalten und die Reichen und Bemittelten schicken ihre Kinder in christliche Schulen.' —- Die Freiheit der toskanischen Jsraeliren, wenn wir von einer solchen sprechen können, schreibt sich nicht von gestern her, sic würde denn vielleicht noch unbedeutender sein, als sie so erscheint; denn das Interesse, was man an den Israeliten nimmt, ist sehr gering, und nur die Gewohnheit des Daseins, wie sie sich einmal, wir möchten sagen zufällig, gestattet hat, verstatten ihnen, in diesem einmal üblichen Geleise forlzuleben. Cosmo 1. und sein Zeitalter sind den Israeliten vorzüglich förderlich gewesen, und nachmals half auch hier jede welterschütternde Begebenheit am Ende des vorigen Jahrhunderts, die so vieles Alte und Veraltete umstürzte, namentlich aber die Intoleranz ün Zaum-e hielt und ihr Schranken setzte, die jetzige Stellung der Israeliten befestigen. Die vorzüglichste Gemeinde Toskana's ist unstreitig die zu Livorno mit 1350 Familien und ungefähr 4500 Seelen. (Fortsetzung folgt.) Druck von I. H. Nagel.