Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1841)
- Article
- Nieder-Ungarn: harte Rügen einer neuen Rabbinenwahl
- Date
- 1841-05-29
- Page
- Seite 173 (sequence 2)
- Language
- German
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- 173 - einen Löwen hält, weil dieser die Schwäche/besitzt, kleine Thiere zu scheuen, und er nicht minder die-Hunde entsetzlich fürchtet. Ich will für jetzt nur einen solchen Fall hervorheben, weil einerseits dieser Misgriff die Wohlfahrt der Betreffenden am meisten zu gefährden drohet, und anderseits eine Begebenheit, die sich erst jüngst ereignete, mich am dringendsten auffordert, darauf ansmerksam zu machen. — Ich meine nämlich die Art und Weise, wie man in Niederungarn jetzt einen Rabbiner wählt, und das Ideal, das man sich daselbst von,-einem Relig.-Vorsteher macht. Wenn man rühmlich nun auch daselbst dem schlechten Geschmacke einer Derascha entsagt hat und dem bessern einer Predigt gehuldigt) so fragt man zwar bei der Wahl eines Rabbiners nicht mehr so ängstlich wie sonst nach seinem mannt ntN'pa (wie man es nannte); man forscht nach ernstlichen und gründlichen Studien. Aber (heu qimm perverse) auch um sein sittliches Betragen, um sein Interesse, und um seine Theilnahme am Judenthume bekümmert man sich nicht mehr, und einen Belletristen dürfen nur 2 bis 3 Aufsätze in einer Ephemere in ein spärliches renomee literaire setzen, so ist er auch schon der Geeigenteste zum Rabbi-Stande, wenn ihm auch Studien und Moralität abgehen. Wenn sonst ein Rabbiner in Ungarn nur gründliche Talmudkenntnisse bewahrte und fihnr auch die Belesenheit in Griechen und Römern mangelte, so führte er doch wenigstens einen frommen unbescholtenen Wandel, und besaß einen eifrigen, kräftigen und edlen Eifer für alles Jüdische und jüd. Nationale, und wenn seine Homilien auch nicht den rethorrschen Werth einer Cicewnia hatte, so trugen sie doch das Gepräge eines unverdorbenen und religiösen Herzens und Sinnes: indeß dem Dilettanten und halbaufgeklärten Gecken jede Energie abgehet und er sogar seinen Ruhm darin zu finden sucht, daß er das Alte lächerlich macht und über Religion und Judenthum in einem Tone spricht, der Niemanden weniger als einem Rabb. Cand. anstehet. Wie sehr diese Verkehrtheit bei den Halbgebildeten ganz übersehen wird, mag folgendes Beispiel lehren. Die sonst sehr achtbare Gemeinde zu K. verlor gleich beim Aufkeimen ihrer Reorganisation in ihrem frühem Rabb. Meyer Szanto, einen höchst energischen und kräftig wirkenden Geist, der sich zwar in neuen Studien wenig oder gar nicht umgesehen hatte, jedoch keiner Neuerung entschieden entgegentrat, wenn sie nur nicht solche Seiten der Religion angriff, die ihm die kulern ecclesiae zu sein schienen. Da er jedoch einigermaßen den Fortschritt des Neologism hemmte, beschloß die Gemeinde sofort nach seinem Hintritte nur einen solchen zum Anwalde der Religion zu wählen, der das zweischneidige Schwert minnia gleichem Grade zu führen verstände. Und so wurden mehrere sehr würdige Männer abgewiesen, und nach langem Schwanken und Loosen eine Niete gezogen; die Wahl traf nämlich einen pilgernden unus ex muLtis, ber in der Thal die benannten Wissenschaften in gleichem Grade verstand; denn er war ein Superlativ in der Negation, wie man ihn'in der Geschichte aller Rabbinen vergeblich sucht. Freilichwar er nur Supplent und verwaltete das Amt blos provisorische doch ein tüchtiger Mann in dieser geraumen Zeit, während welcher er Seelenhict dieser Gemeinde war , hätte viel wirken können. Lange mochte nun der arme Mann nicht verkappt bleiben können , er wurde seines Amtes entsetzt, die Stelle auch ihres Supplementen vacant und zum schwankenden Nachen hatte sich noch kein Fährsmann gefunden. - Nun kommt vor wenigen Wochen ein junger Mann dahin, dem vielleicht intellektuelle Bildung (deren Gründlichkeit ich jedoch zu behaupten nicht Ursache habe) nicht abzu-- sprechen wäre, aber dessen nationaler Sinn ganz.abgestumpft, und dessen Theilnahme am Judenthume höchstens aus guten Pfründen motivirt ist; aber dafür seine Religiosität und Begeisterung, ja seine ganze moralische Existenz dermaßen untergraben ist, daß man mit Recht die Wohlfahrt der Gemeinde unter seiner Leitung gefährdet fürchten muß. Dieser Mann trat oft als Privatmann mit jener reformatorischen Ungenirtheit auf, weit erhaben über das mosaische Gesetz, wie man es in Deutschland zuweilen bei Privatleuten, aber nicht bei Rabbinen findet. Kurz zuvor hat er auf irgend eine Weise einen bedeutenden Gönner gewonnen, decdurchdie Mannigfaltigkeit seiner Berufsgeschäfte zuweilen gezwungen ist, seine Klienten nicht genau zu prüfen, und sie nach dem was sie scheinen zu protigiren. Und nun tritt dieser Mann als Candidat auf und wirbt um den Hirtenstab der Gemeinde K. Die Gemeinde läßt sich von seiner Dreistheit, mit der er Gelehrsamkeit affectirt, hinreißen und wählt ihn, ohne nähere Erkundigung über seinen Charakter einzuziehen, ohne vorher nach seinem bisherigen Lebenswandel zu forschen, zu ihren Rabbiner. Ich wünsche vom Herzen, daß diese Uebereilung keine nachteiligen Folgen haben möge, denn wenn der früher benannte Supplent durch eine trage Passivität die edelsten Kräfte schlummernd und in Unthätigkeit ließ, so ist hier ein Mißbrauch dieser Kräfte positiv schädlich. Möge nun dieses Beispiel einer unglücklichen Wahl das Letzte im > Judenthume seyn, und der Unverschämtheit mancher Rabbinatsbewerber ein Ziel gesetzt werden, die übrigen Gemeinden Ungams behutsamer nickt nur nach Studien sondern auch nach Moralität ihres Candidaten forschen; denn der Zeitgeist heischt nicht nur einen Gelehrten, sondern auch einen umsichtigen tüchtigen Mann; nicht nur den Bibelforscher und Kritiker, sondern auch einen frommen Priester und weisen Lehrer, nicht nur einen Mann auf dessen Haupt das Doctor-Barett prangt, sondern auch dessen Stirne das J£Hpn ziert. O! das sie beherzigt werden mögen unserer Weisen Worte n»»pnD inoan pN;nirpi>- nnnp' lrmuy b. Dieses der fromme Wunsch eines Glaubensgenossen. W. A»