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Der Orient · 1841-05-15 · Heft 20 (15.5.1841) · p. Seite 160

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Journal
Der Orient
Volume
2 (1841)
Issue
Heft 20 (15.5.1841)
Article
Prag: der Verein "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"
Date
1841-05-15
Page
Seite 160 (sequence 2)
Language
German
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- 160 - zu leiten und da diese Aufgabe eben so wichtig als schwierig ist, so wäre es fast zu wünschen, daß noch Jemand und am geeignetesten wohl ein Mann wie der Dr. Sachs an der Spitze stünde. Letztgenannte Herren Vorsteher haben zwar durch ihren Eifer für das gute Werk hinlänglich gezeigt, daß sie ihres Ehrenamtes würdig sind, dennoch aber dürste der ausgesprochene Rath nicht ganz zu verwerfen sein. — Dem Vereine selbst, empfehlen wir treue Brüdergesinnung, freundliches Entgegenkommen den Dürftigen aus Israels Mitte, und die Einzelnen mögen sich die Hände reichen zum gemeinsamen Bunde. Es hasche keiner nach einem besondern Amte in demselben, sondern Jeder betrachte sich als Vorsteher des Ganzen, da doch der Menschenfreund die schönste Stelle auf Erden einnimmt. Mit solchen Gesinnungen hat der Verein das reichste Kapital zu seiner Erhaltung, dessen Zinsen Menschenliebe, das schönste Paradies sich gewinnen? Am 15. April d. I. um 11 Uhr wurde die Prüfung in der israel. Kleinkinderbewahr-Musteranstalt als Eingangsfeier des allerhöchsten Gebuctsfestes Sr. Majestät des Kaisers Ferdinand I. abgehalten. Das muntere regsame Leben der Kinder, die hier wahrend die Eltern ihren Geschäften nachgehen, heimisch geworden, hat mich tief ergriffen. Die Armuth ist hier in Prag so groß und der armen verlassenen Kinder so viele, daß diese vor mehreren Jahren ins Leben getretene Anstalt mit zu den nothwendigsten gezahlt werden darf. Von dem Unterrichte könnte, man sagen, das Kind spielt und lernt im Spiele, es ist in der Schule aber kennt ihre Fesseln noch nicht. Hier zeigt sich die Pädagogik, rein, natürlich, klar und durchsichtig, man findet noch keine Spur von Pedanterie, der Lehrer wird selbst wieder Kind und die Erziehung zeigt ihre Seele. Das Kind wird der Lehrer des Lehrers und in diesem gegenseitigen Ideenaustausche entwickeln sich die Geistesgaben. Man weiß nicht, wen man mehr bewundern soll, den Lehrer oder den Schüler. Den ernsten Lehrer, der sich zurückarbeitet in des Kindes Leben, oder den freien Sohn der Natur-, der in seiner Kindlichkeit unbefangen denkt und spricht. — Der. Vorstand dieser wohlthatigen Anstalt besteht 1) aus Sr. Excellenz, dem Herrn Oberstburggrafen, Grafen von Cho te k, als'Protektor;.2) Hrn. M» I. Landau, Direktor; 3) aus den Vorsteherinnen, Frau Herz, gebornen von Lamel und Frau Jerusalem, gebornen von Lamel; 4) Herrn Moses Porges, Isaak Taussig (Kassirer); 5) Hrn. Ludwig Pollak (Controleur) und 6) Hrn. Dr. wed. Karpeles. — Der in diesem Blatte schon rühmlichst erwähnte Lehrer A. Brand eis leitet mit seiner Frau das Ganze, mit sehr günstigem Erfolg. — u*. U n g a r n. Pesth. (Forts, aus Nr. 18.) Doch ist es hier gewiß nicht das Verdienst des Juden, welches diese freundliche Stimmung hervorgerufen hat; denn Bildung und wahre Ehrenhaftigkeit im bürgerlichen, wie im jüdischreligiösen Sinn geben hier noch seltener den Ausschlag, als anderswo, und der anmaßende Reiche drangt sich vor bei allen Gemeindeangelegenheiten, mit ihm aber das ganze Mückenheer ökonomischer — oft auch unedler Rücksichten; darum wird an dem Guten, wo es entweder schon vorgefunden wird, oder sonst sich als unabweisbar ausdringt, gefeilscht und gemäkelt, daß denen, die von keinen Motiven sich gern leiten'ließen, der Muth entfalllt. — Das was dem . Judenthume ursprünglich zu Grunde liegt, das Prinzip der Wissenschaft und der frommen Erkenntniß, wird nur zu häufig schnöde ver-' laugnet; und wer keine andern Juden kennt, als diese, wird versucht, den göttlichen Mosch mit dem heidnischen „Götterboterst' Merkur zu verwechseln: denn hier in der Hauptstadt Ungarns reprasentirt der Jude (wiederum aber der reiche übermüthige Emporkömmling) leider nur „Nervus rerum gerendarum" — die Geldmacht des Königreichs. Was Hilfe es, die Augen zu. schließen, und das,, was wir mit jedem Tage bestätigt sehen, hinwegläugnen zu wollen, mit dem Optimismus uns tröstend, der Alles gut sein läßt, weil doch „Alles für ihn allein zu schwer", wo nicht gar unmöglich wäre -— oder in das Extrem verfallend, einzustimmen in die Klagen der Bessern, die das Verderben sehen, und — die Arme sinken lassen? Und doch “m mipn 'Dl DiV — wenn wir gleichgültig werden gegen religiöse Zustande im Kreise der Unscigen, was sollen die denken, welche außerhalb dieses Kreises stehen, und wer weiß, wie günstig urtheilen von der Entwickelung im Judenthume, von der Alle sprechen, Alle prahlen, und weiß Gott, sich in den meisten Fallen selbst belügen? — Freilich, der Jude ist Handelsmann, und sein Streben schon in dieser Hinsicht mit der Richtung des hehren Mosaismus im Strei.te; sollte' aber die Vereinbarung zeitlicher Sorge mit der reingeistigen Tendenz unserer Lehre so gar unmöglich sein? Und — sieht es denn überall so traurig aus, daß wir an der Möglichkeit des zu erzielenden Einklanges mit Recht verzweifeln dürften?. — Nein, beim Himmel, nein! Es steht im Ganzen gewiß nicht so schlimm mit uns; nur daß da, wo ein Theil des Gebäudes einer sittlichen oder wissenschaftlichen Grundlage ermangelt, der Gedanke eines plötzlichen Einsturzes wohl natürlich istund —uns wohl erschrecken kann—doch das Ganze (und das steht unter göttlicher Obhut) und das Einzelne vor dem Sturze bewahre. (S. f.) Druck von I. H. Nagel. Verlag von E. L. FviHsche.

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