Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1841)
- Article
- Von der böhmischen Grenze: Betrachtungen
- Date
- 1841-04-24
- Page
- Seite 135 (sequence 2)
- Language
- German
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135 Correspondent mit Gründen, die einen mittelalterlichen Geist athmen, jene Verordnung zu vertheidigen sucht. Man wagt es freilich nicht mehr, mit dem Geständnisse daß ReliZionsverschiedenheit gehässige Maßregeln rechtfertigend, hervorzutceten; der Geist unsers Jahrhunderts, die Emancipation Deutschlands von jenem finstern Wahne, weist eine solche Behauptung mit Abscheu zurück: doch schimmert nichts destoweniger durch den Flitter von Liberalität, mit dem Mancher sich umgibt, Worurtheil und Religionshaß durch» Wenn die Großen bauen, haben die Karner zu thun, und welche Gelegenheit, mit unwürdiger Gesinnung hervorzutreten, wenn die Großen verderben! Aber der edle Graf Chotek hat in der Zurücknahme jener Verordnung eine vielfach hohe Lehre gegeben, und die Ansicht des Correspondenten, dem, wie aus seinem Schreiben hervorgeht, der reichere und vornehme Jude auch der bessere ist, mit Würde zucückgewiesen. Der erwähnte Artikel gibt übrigens einen merkwürdigen Beitrag zur Psychologie des Judenhasses nach der verschiedenen Nationalität. Hier beschrankt man den Juden, weil er allen Handel an sich reißen würde, dort, weil sein Sabbat ihm an Betreibung seines Gewerbes hinderlich sei; hier fürchtet man, er werde sich zu sehr ausbreiten, dort macht man ihm zum Vorwurf, daß er zu Dutzenden in einem Gemache wohne. Und wen trifft der Vorwurf? Die Juden zu Prag sind in ein enges Stadtviertel eingepfercht, daß sie — und zwar gewöhnlich die reichern und vornehmern, um mit ihrem Correfpondenten zu sprechen — nur unter besonderen Umstanden verlassen dürfen. Und man wagt es dennoch, mit vornehmer Miene den Vorwurf der Zudringlichkeit zu erheben und daß christlichen Familien der Genuß eines comfortablen Landäufenthaltes verleidet seil Aber wenn dem Juden nicht nur ein Comfort, sondern die Wohnung, die Rast nach den täglichen Mühen und Arbeiten verleidet, wenn nicht für einige Sommermonate nur, sondern durch 365 Tage des Jahres der Jude auf den engsten, seine Gesundheit und das Gedeihen seiner Kinder gefährdenden Raum beschrankt ist, warum laßt hier, wo es sich um Recht und Menschlichkeit handelt, keine für Ordnung und Sauberkeit begeisterte Stimme wie jene des Correspondenten sich vernehmen? Dieser echt aristokratische Vorwurf von des Juden Schmutz und des Juden Küchenzettel, der in dem Munde der Prager als das letzte Erbtheil der einstigen Macht und Herrschaft, die wenigstens noch gegen die Juden sich geltend machen will, traditionell geworden ist, wurde in unserer Zeit mehrfach als nichtig zurückgewiesen: wird er dennoch erneuert, so möge man mindestens einen so hochgefeierten Mann wie den Grafen Chotek nicht zum Vorwände solcher Erbärmlichkeiten nehmen, denen er eben so fremd ist wie dem Verfahren der prager Gendarmen (Polizöimanner),. die auf den Reisepaß jedes ankommenden Israeliten „Jud" schreiben und ihm beharrlich das Pradicat „Herr" verweigern; ein.Betragen, das den von Berlin, Dresden, Frankfurt rc» Kommenden sehr verletzt und von keinem höhern Beamten je gebilligt werden kann. (L. A. Z.) Perforralchvorrik und Miseellen. Ein Seminar iw Unga r n. Der bekannte Bibelübersetzer und Akademiker Moritz Bloch in Pesth hat in einem Rundschreiben an alle jüdischen Gemeinden Ungarns die dortigen Juden aufgefordert, gemeinschaftlich zur Errichtung eines jüdischen Seminars in Ungarn beizutragen. Seminarien zur Bildung jüdischer Lehrer und Nabbinen ist ein allgemeines Bedürfniß, das schmerzlich gefühlt wird, fast noch mehr als eine allgemeine theologische Facultät, und die Anlegung solcher in jedem Lande hat nicht nnt so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, als eine allgemeine Facultät. * * Unkenntniß des ©lobe in London. Das bekannte Journal „The Globe" in London gibt den 6. April eine Beschreibung der jüdischen Osterfeier, wie sie jetzt Lei den Juden begangen wird/ wobei das alte und neue Testament, gemischt mit einigen Curiositäten aus trüben Quellen, benutzt wird. Von der Nichtigkeit der Beschreibung hier eine Probe: „Das Passah wird geschlachtet, und dessen Blut an dm Thürpfosten gesprengt; aber diese Sitte fängt jetzt an zu verschwinden"! t- * * Joseph Mendels § hn und Herz Homberg. Der nun 70jährige Sohn Mendelsohns fordert so eben seinen 92jährigen Lehrer Schulrath Herz Homberg auf, ihm bei der neuesten Familien - Ausgabe der sämmtlichen Werke Mendelssohns beizustehen, und da dieser Brief so manches über die Familie Mendelssohn enthält, so theilen wir ihn hier, nach dessen Abdrucke in „Ost und West" unfern Lesern mit, und wie dort lassen wir auch hier die Biographie Hornbergs aus der österreichischen National-Encyklopädie folgen. Freilich beschleicht uns beim Andenken an diese Familie die Beschämung und innere Trauer ob des Abfalls der Meisten ihrer Glieder, gleichsam zur Verachtung ihres Stammes; allein der Hingeschiedene hat so Vieles für uns geopfert, daß wir wohl auch unsere Gefühle dem Andenken an seine Familie opfern können. Joseph M e nde Lso hn an Herz Homberg. „Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen, seit ich meinen verehrten Lehrer, Herrn Herz Homberg, weder gesehen noch ihm geschrieben habe. Es würde wohl zu weitläufig sein, Ihnen im Einzetnen zu erzählen, wie es mir indessen ergangen ist, und ich bitte Sie, folgende Resultate mit Wohlwollen zu hören. — Meine Frau, die ich im Jahre 1793 geheirathet habe, lebt, Gott sei Dank, vollkommen gesund und wohl. Ich habe 2 Söhne, von denen der älteste — Benjamin — Professor an der Universität zu Bonn ist, er hat vor 8 Jahren geheirathet, ist aber kinderlos bis jetzt. Der zweite, Alexander, ist schon lange mein Associe in der Handlung Mendelssohn und Comp., er ist beiläufig 20 Jahre verhcirathet