Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1841)
- Article
- Italienische Grenze: Zustände der Juden daselbst
- Date
- 1841-03-13
- Page
- Seite 83 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360147-2360159-2365062--1539-2365088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
83 Juden dieses Landes noch weit hinter der christlichen Bevölkerung desselben. Und man hat dabei nicht Unrecht. Das Anathema, was vor und seit Jahrhunderten auf alle jüdische Verhältnisse geschleudert worden ist, lastet noch heute wie ein Herz und Leben verengender Alp auf diesem Stamme; da ist von keiner Literatur, von keinem wissenschaftlichen Fortschritte im Allgemeinen die Rede, kein Organ belebt die Interessen, gibt dem Gefühle Namen, dem Streben Raum, der Wißbegier Befriedigung, Was auch auftauchen möchte, es wird niedergehalten, denn der italienische Jude, wie verschiedener Herren Länder auch die Staaten Italiens sind, erscheint ja immer noch kaum als der Geduldete, dessen Existenz, so zu sagen, gestattet wird, weil man den Stamm nicht vernichten kann, und weil man zu Folge der kirchlichen Prinzipien von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert .zu Jahrhundert die Hoffnung nährt, Juda zu bekehren, in den Schooß der katholischen Kirche zurückzuführen. Wo man noch von einer bestimmten Anzahl Juden wenigstens einmal jährlich verlangt, in einem christlichen Tempel zu erscheinen, um eine christliche Predigt, natürlich der Bekehrung willen, mit anzuhören; wo es vermöge der kirchlichen Prinzipien als sündhaft erscheint, irgend ein geistiges Leben, das sich außerhalb der gläubigen Kirche etablirt, zu unterstützen und zu fördern; wo leibliche Vergünstigungen nur in so weit und in sofern zugestanden werden, als man den Grundsatz der allgemeinen Menschenliebe anwenden zu dürfen glaubt, ohne sich der Sünden theilhaftig zu machen, in welchen Akatholiken dahin leben: in einem solchen Lande kann wohl nicht füglich davon die Rede sein, daß Seitens der Regierungen der Wissenschaft und Bildung eines gedrückten Volkes das Bett bereitet' würde. Doch die herrliche Natur Italiens, die aus den klimatischen Verhältnissen hervorgehende Lebendigkeit und Regsamkeit seiner Bewohner, bleibt auch auf die Juden nicht ohne Einfluß; die gewaltige Masse fremder Intelligenz, welche jährlich nach dem schönen Italien hinzieht, geht an ihnen nicht spurlos vorüber: und es könnte sich bei dieser heitern Gestaltung des Lebens, unter dieser lieblichen Sonne, bei dieser Lebendigkeit und Offenheit des Ehacacters viel Herrliches bilden, wenn eben nicht das Stabilitätsspstem des ganzen transalpinischen Landes jedes Aufkeimen und Aufblühendes Geistes hindern möchte. Es hat darum diese Lebendigkeit, dieser nur vorüberflatternde Einfluß von Außen, sogar einen schädlichen Einfluß auf das jüdisch religiöse Leben Italiens gehabt, und einer halben Bildung Vorschub geleistet, die, weil sie nicht auf Wissenschaft und Belehrung fußt, sich als jener Jndifferentismus oder eine affettirte Afterbildung kund giebt, der das Aeußere des Judenthums nichts gilt, die aber bei unklarer Durch- - schauung der Begriffe, Kern und Schale nicht zu unterscheiden vermag, und in gefährlichem Dünkel oder vornehmen Leichtsinn, wegwirft, was ihr nicht beliebt und als Vorbild für Niedere, Schwache und Schlaffe höchst verderblich wird. Es giebt demnach eigentlich nur zwei Klassen von Juden in Italien. Die Reichen und Vor nehmen, welche nur darum Juden heißen, weil sie unter dem mosaischen Gesetze geboren worden und kerne Christen sind, und die nur dann fühlen, daß sie Juden sind, wenn sie von einer drückenden Gesetzgebung zugleich mit betroffen werden, und als zweite Klasse die Armen und Ungebildeten, die mit angelerntem Eifer, mit gewohnter Dressur an dem Judenthume hängen, deren Eifer aber als ein Herz- und geistloser wenigstens erfolglos ist. (Fortsetzung folgt.) Deutschland. Berlin, 25. Febr. Sie haben in Ihrem den Angelegenheiten der Juden gewidmeten geistvollen Blatte schon zwei Mal auf würdige Weise der vortrefflichen „Gesellschaft der Freunde" Erwähnung gethan, die sich schon seit d. I. 1792 in segensvoller Wirksamkeit kund gegeben. Ich glaube deshalb, Ihnen in Nachfolgendem keine unwillkommenen Mittheilungen zu machen, indem ich außer mehreren Ergänzungen hinsichtlich deS Festes, das die gedachte Gesellschaft am 24. October v. I. feierte, die ich durch die Güte eines Teilnehmers derselben erfuhr, Ihnen auch noch manche nähere Auskunft über die Gesellschaft selbst zu geben gedenke. — Vielleicht könnte Mancher der Meinung sein, das jene Ergänzungen jetzt bereits wirklich post festum kämen z doch ist die Bedeutung des Festes, sowohl in seinen Einzelheiten, als auch in seinen Resultaten und sehr wahrscheinlichen höchstwichtigen Folgen, von so anerkennenswerter Art, daß nachstehende nähere Beschreibung den Lesern Ihres Blattes gewiß von wahrem Interesse sein werde. Nachdem die eigentliche Feier durch die (von Ihnen mitgetheilte) Rede des. zeitigen Vorstehers Hrn. I. Lehmann begangen war, unter deren Zuhörern sich eine Elite unsrer höheren Staatsbeamten, der Oberbürgermeister, der Polizei-Präsident, und viele andere durch Bildung und Stellung ausgezeichnete Personen befanden, ließ man sich zum Festmale nieder, das auf eine herzerhebende Weise Gelegenheit darbot, den humanen Sinn, den Geist echter Toleranz und Befteundnng kennen zu lernen, der die Versammelten, ohne irgend eine Rücksicht auf Religionsverschiedenheit, beseelte. — Die Lieder, welche bei Tische gesungen wurden, und die dem Könige, der Gesellschaft, der Stadt und dem Dateclande galten, waren sammtlich besonders von Mitgliedern dazu gedichtet worden. Zuerst brachte der Vorsteher einen Toast auf den König aus, worin kräftig und schön alle die Hoffnungen ausgedrückt waren, die sich nicht allein für ganz Preußen, sondern auch namentlich für die Juden an dem Monarchen knüpfen mußten, der vor Gott und der Welt 11 *