Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1841)
- Article
- Stellung der Juden in der Grafschaft Venaissin
- Date
- 1841-02-20
- Page
- Seite 63 (sequence 2)
- Language
- German
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63 wesen wären. Durch das Edict Benedicts XLV ward diese Geldbuße auf 50 Lhtr angesctzc, und noch dazu bekam jeder Mann öffentlich 3 Streiche mit einer Knute, die Frauen mit einer Ruthe. Die Verfolgung setzte nicht aus, ermüdete nicht, die unglücklichen Israeliten durch alle Arten m\ Martern zu Boden zu drücken, sie hatten nicht nur die Strenge der Gesetzgebung zu erdulden, sondern noch obendrein Verleumdungen, diese treulose Waffe eines seilen und verworfenen Geschlechts; sie lebten beständig in Angst und Bangigkeit. Im Jahre 1776 trat eine neue Verfolgung hinzu. Jeder Lag machte sich kenntlich durch die Trostlosigkeit einer Familie; man entriß ihnen die Kinder, man taufte sie und bestimmte über sie vor den Augen der Eltern. Dieß ist der Zeitabschnitt, wo der Sohn des Rabbi S. C. vvn Carpentras in einer Winternacht entführt wurde, um die Schule eines jüdischen Renegaten zu besuchen. Der fromme Charakter des Rabbi ward keineswegs in der Person seines Sohnes geachtet; das Kind war verschwunden und alle Bemühungen, seinen Aufeutorr auszukundschaften, waren fruchtlos. Die Kunde von dieser Entführung verbreitete sich und mit ihr bange Besorgniß durch alle Gemeinden der Grafschaft, und alle Juden erhoben sich als ein Mann alsbald in Masse, um an Pius VI. heiligen Andenkens'-zu reclamiren und die Aufhebung einer so empörenden Verfolgung zu bewirken. Der Papst hörte sie gnädig an, und durch ein Dekret desselben (1776) Jahres verbot er ausdrücklich allen Christen und Juden von Geburt, Neubekehrten oder Catechumenen, und zwar bei körperlicher Strafe, sogar Galeeren für die Männer, Ruthenßreiche für die Weiber, auf öffentlichem Platze, ohne jede Begnadigung, jüdische Kinder zu entführen, zu raufen oder taufen zu lassen. Kaum war dies weise Edict bekannt geworden, als alle Israeliten freiwillig in ihren Synagogen zusammen kamen, um Gott für diesen Acr der Gnade für die Befreiung von einer so großen Plage zu danken, und um den Namen des Papstes zu segnen, dessen Verehrung in dem Gedächtnisse der Israeliten dieses Landes nie auslöschen wird. Die Dienstbarkeit der Juden der Grafschaft Venaissin dehnte sich aus bis auf das Jahr 1789 und es war dies die Epoche, wo die reichsten Israeliten die Grafschaft verließen und nach Frankreich einwanderten, um m der Luft der Freiheit zu athmen. Von 4 jüdischen Gemeinden lösten sich zwei, Lisle und Cavaillon, beinahe ganz auf, so daß bis heute nur 10—12 Familien dort zurück geblieben sind. Avignon verlor seine israelitische Bevölkerung auf gleiche Weise und erst weit spater, unter dem Kaiser und der Restauration, kamen viele verjagte Familien, um sich hier nieder zulassen, und den Culttrs wieder zu beleben, der an diesen Orten vertilgt worden war. Von den 4 israelitischen Gemeinden dev Grafschaft war die zu Carpentras stets die beträchtlichste, sowohl rücksichtlich ihrer Zahl, die sich 1788 auf mehr als 2000 Seelen belief, als auch rücksichtlich der tiefen Wissenschaftlichkeit der meisten ihrer Rabbinen. Diese Gemeinde hat wenig von ihrem vergänglichen Ruhme behalten, man zählt heute kaum noch 100 arme Familien. Der Cultus ist hier sehr glanzend und der Geistliche bezieht einen Gehalt vom Staat, aber rücksichtlich des socialen Verhältnisses zu den Christen ist es darin anders; man ist zu Carpentras stehen geblieben und die beiden Glaubensparteien harmonieren nicht, wie es wohl zu wünschen wäre. Als die Revolution von 1830 emtrat, reichten sich die Patrioten aller Religionen die Hände, und riefen sich gegenseitig Beifall zu eines Zustandes der Dinge willen, welcher Vorurtheile und religiösen Haß, die so oft schon die Ursache des Ruins der Nationen gewesen waren, austilgen sollte. Die Israeliten zumal sahen sich befreit von allen erniedrigenden Unterscheidungen, sahen sich begriffen in einem allgemeinen Rechte, und empfingen die Wohlthaten, die sie nun genossen mit Freude und Dankbarkeit. Aber Carpentras, wir bemerken dies mit Bedauern, ist zurückgeblieben, hinter den Fortschritten der Civilisation. Hier ist für die Israeliten noch die Grafschaft Venaissin, nicht rücksichtlich der Gesetze, die überall dieselben sind, nicht rücksichtlick der Verfolgungen, da ja die Verfolgungen in Frankreich nicht mehr möglich sind; sondern rücksichtlich des socialen Verbandes. Die Einwohner hegen hier im Allgemeinen noch denselbenHaß des Fanatismus, denselben unversöhnlichen Haß verschollener Zeiten gegen die Juden. Hier ist jeder auf sich beschränkt, keine Vereinigung in den Kaffeehäusern, an öffenlichen Orten oder Labagieen rc. Es findet zwischen ihnen und uns keinen Punct einer nur möglichen Gemeinschaft. Es giebt jedoch Ausnahmen, denn die Menschen schreiten mit dem Jahrhunderte fort und man bemerkt diese Abmarkung kaum, die sich aus den Zeiten der Hierarchie herschreibt. Dies geht so weit, daß ich in einem Briefe, den ich kürzlich an einen Katholiken, einen meimer Freunde geschrieben habe, zu sagen wagte: „Seit dem Iuli1830 haben sich zu Carpentras Cirkel gebildet, Balle, Soirees haben Statt gefunden, bei denen auch immer Israeliten Zutritt gehabt haben. Katholische Gesellschaften haben uns immer zurückgestoßen, weil sie nie haben begreifen wollen, daß wir nicht ihre Feinde sind, daß wir ihre Freunde sind, daß wir ihre Brüder sind, ihre Brüder sowohl rücksichtlich der Intelligenz als auch rücksichtlich der Freiheit, und daß wie sehnlich wünschen, es möchte eine gänzliche Verschmelzung unter uns stattsinden. Die Civilisation müßte reißende Fortschritte machen, wenn sich in Carpentros die beiden Religionsparteien sollten ersehen und gegenseitig in Wohlwollen tragen sollten. Doch die israelitische Jugend dieses Landes kennt keinen Haß, sie weiß nichts von dem lästigen Joche der Väter unter der frühern Herrschaft; sie nährt sich mit Lust an der Philosophie, an der Philosophie der Humanität, welche früher oder später sich der ganzen Welt bemächtigen und zum Glücke der Menschen sie beherrschen muß, an der Philosophie, welche die heiligen Gesetze des Fortschritts sanctionirt, die uns alle zu Freunden der Herzen und der Bildung machen muß, für immer Verfolgungen, Fanatismus und religiöse Unduldsamkeit vernichtet ...... L i s b o n n e. Personalchronik und Miseellen. In dein Januarhefte des Arch. Jsr. von 1841 beginnt Hr. S. Munk, die Liste der in Egypten für die königliche Bibliothek ougckausten karaitische Handschriften zu veröffentlichen, und es ist kein Zweifel, daß durch diese Veröffentlichung und durch gefällige Mittheilungen des Hrn. Munk sich Manches in der kara'-tischen Literatur aufhelle» wird. Zu bemerken ist noch, daß sämmtliche Schriften dieser Gattung in arabischer Sprache, obgleich mit hebräischen Charakteren, abgefaßt sind, mit Ausnahme von N. 6. T, 8 und 12, die heb-