Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1841)
- Article
- Der Chassidismus in Polen
- Date
- 1841-02-13
- Page
- Seite 56 (sequence 2)
- Language
- German
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- 56 - dar-mus gegen den Chassidismus, eine Anstrengung, die praktische, lchengebende Seite desselben herauszufiridcn, um die Anklagen der Gegner von der Dürre und Trostlosigkeit des Rabbinismus abzuweisen und das in ihm recht und acht begründete religiöse Leben offen darzulegen. In diesem Sinm' erschien etwas darüber in dem Buche Noda Bijehuda von demOberlandesrabbinen E z e ch i e l L a n d a u in Prag; das Buch Sicheren J oseph von I o sep i) &teinl)avbtf zu Fürth; das Buch Markebet Ha-Mischne von dem Oberlandesrahbinen zu Lemberg; und dies wardie segensreiche Seite des Chassidismus, daß er nämlich im Schooße des Iudenthums Leben erweckte, daß er die Scholastik untergrub, daß er die Wissenschaft zwang, von ihren Spitzfindigkeiten abzugehen, und sich der .Praxis, dem Leben zuzuwenden. Nur ein einziger Gelehrter rückte damals direct gegen die Secte zu Felde, es war der Rabbi Israel Lobel, früher Rabbiner zu Mohilow, später zu Nowogrodeck in Lithauen. Er wurde auf das unmittelbarste von dieser Sekte berührt; denn nicht allem, daß er das Umsichgreifen derselben neben sich bemerken mußte, sogar den einzigen Bruder hatte sie mit ihren Netzen umstrickt. Mündlich und schriftlich sehen wir ihn daher gegen dieselbe ankämpsen, direct sie angreifen und verfolgen, mit einer wahren Verzweiflung sogar die Oeffentlichkeit und den Staat gegen sie anrufen. Er reiste selbst zu dem damaligen Haupte der Secte, Rabbi Salomon Witebst, hatte mit diesem gewaltigen und ihm unstreitig persönlich überlegenen Manne eine Unterredung, die er 1797 zu Warschau, in dem Buche Bikuach, durch den Druck veröffentlichte und unternahm, durch die gutt Aufnahme dieses seines Buches cmgespornt, in einem andern Werke: Kibrot h a - T a a w a, das in demselben Jahre za Warschau erschien, eine vollständige Revision der ihm in innerster Seele so verhaßten Lehre. Die Unterredung hatte jedoch keinen praktischen Erfolg , Rabbi Salomon gebärdete sich tu seinem Sprengel wie ein Hierarch. Kaum hatte er die Ankunft Löbel's erfahren, so ließ er ihn vor sich fordern, ging ihn hart an und fragte ihn, wer ihm bevollmächtigt habe, tiefe quasi Inquisition anzustellen, und bei dem Schweigen so vieler tausend anderer Rabbiner über den Glauben Ux Chassidim abzusprechen. Da die Unterredung natürlich gar kernen Erfolg hatte, so reiste Löbel, vom heiligen Eifer für die gute Sache getrieben, gegen Ende des Jahres 1797 in den Gegenden umher, wo die' Sekte zumeist sich eingenistet hatte, und trieb ein wahres Bekehrungsgeschaft. Seine Schriften, die er überall verbreiten und aasstreuen wollte, und sein mündliches Wort sollten der Welt die Augen über den gefährlichen Chassidismus öffnen, und man muß sagen, daß Löbel, blickt man zumal auf sein Herz, unsterblichen Dank verdient. Sein erstes Ziel war Krakau. Aber wohin er auf dieser wahrhaften Missionsreise kam, wo er nur einige Glieder der Sekte fand, da verweilte, lehrte und predigte er, um zu bekehren, und das Glück, was er hier und dort bei den Einzelnen hatte, spornte seinen Eifer gewaltig. Es war im Monat Juli 1798, wo er endlich in Krakau ankam. Durchdringen wollte er, die Macht des Staates wollte er für seinen Zweck bewLffnen. Er wendete sich deshalb <m die Landesregierung, seine Absichten ihr kund zu thun. Sie nahm Notiz von dem Ereignisse und wies ihn zur Begutachtung seiner Schriften an das dortige Nevisionsamt» Seine Schriften erhielten die Approbation und unverweilt machte sich der rastlose Mann, mit Briefen und Approbationsschein versehen, auf, um in das Herz -er Sekte, nach Lemberg zu reisen. Seine Reise dorthin glich wieder einem Bekehrungsgeschafte; doch nimmer naher kam er dem gewaltigen Strome, der ungedämmt dahin rauschte und alles mit wegzuspülen drohte, was in seinen Strudel kam. Er langte in Rzeschow an, wo die Chassidim viele Anhänger zählten. Lange schon hatte man dem verwegenen Missionair förmliche Rache geschworen. Ehe er noch zu handeln beginnen konnte, hatten seine Feinde es schon gethan und ihn förmlich angeklagt, er sei gekommen das Volk zu verführen und bringe Schriften aus den preußischen Landen mit, die er trotz aller Verbote in dem Kaiserlichen kinschmuggeln wolle. Man überfiel ihn des Nachts, nahm ihm seine Schriften weg und nur die Vorzeigung seines Revistonsscheines bei der Regierung am andern Lage konnte ihn zur Wiederlanguug seiner Bücher verhelfen und andern Folgen Vorbeugen. Endlich kam er im Sept. desselben Jahres zu Lemberg an, 'fest entschlossen sich durch das erste Mißlingen von seinem Unternehmen nicht abbringen zu lassen. Wohl sing er es hier vorsichtiger an, und trat zuvörderst nicht direkt gegen die Sekte auf. Er beschränkte sich vielmehr darauf, reine Moral zu predigen und wollte dann im Stillen, wenn er sich das Vertrauen der Leute erworben, durch seine Schriften auf die Bevölkerung wirken. Doch es kam anders. Es liefen bald nach seiner Ankunft Briefe von Personen aus jenen Gegenden ein, wo er sein Bekehrungsgeschäft bereits begonnen hatte, und unterrichteten die beiden m Lemberg seßhaften Chassidim-Rabbi's von dem der Sekte gefährlichem Missionaire und seiner muthmaßlichen Ankunft zu Lemberg. LöbeL ward alsbald bei der Regierung als ein gefährlicher Mensch angeklagt und die Geschichte von Rzeschow erneuete sich. Trotz aller Bemühungen konnte er endlich durch die Verwendung des Gouverneur nichts weiter erlangen, als daß man ihm seine Schriften versiegelt zurückgeben mußte, und er die Weisung erhielt, sich einen bündigem Nevisionsschein, der ihm zu dem Geschäfte autorisire, von Krakau zu holen. Löbel, entblößt von allen, was zum Leben nöthig ist, wartete nur so lange bei seinen Freunden zu Brody, bis er sich für eine neue Reise ausgerüstet hatte. Ende Decembers war er wieder irr Krakau, doch seine Feinde hatten indessen bereits gewirkt. Bei dem dortigen Reviflonsamte war bereits ein unter dem 14. Novbr. von der gallischen Hofcanzelei in Wien ausaefertigtes Decret emgelaufen, das bis auf Weiteres verbot, den Mann ferner zu autorisirm und den freien Gebranch seiner Schriften zu erlauben, d a d i e S e k t e d e r f r o m m e n I u d e n d agegen eingekommen sei. Rastlos verfolgte Löbel sein Ziel weiter. Er ging nach Wien (Januar 1789) und wandte sich mit Vorstellungen an die galizische Hofkanzelei, die wohl selbst nicht wußte, wie sie in dieser Angelegenheit, die das innere Wesen des Iudenthums betraf, verfahren sollte. Kurz Wochen vergingen, und Löbel bekam keine Antwort, da wandte er sich an den Kaiser; persönlich trat er vor Sr. Majestät und bat die Sache einer nähern Prüfung zu unterwerfen. Drr Monarch versprach §S. Löbel'erreichte seinen Zweck. Der Erfolg -er Untersuchung war, daß die Sekte nicht allein in österreichisch-, sondern auch in russisch - Polen insoweit verboten ward, daß sie durchaus keinen kirchlichen Verband bilden sollte. — Damals ward daher vorzüglich die Gegend um Grodzisk, Bielsk und Strikow mit dm bedeutendsten Anhängern dieser Sekte bevölkert. Verlag von C. L. Fritzschs Druck von I. H. Stagth