Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1841-01-30 · 5 (30.1.1841) · p. Spalte 61-62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1841
Issue
5 (30.1.1841)
Article
Der Einfluß des physischen Menschen auf den historischen Menschen
Date
1841-01-30
Page
Spalte 61-62 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8555529-9897381-9897398-2364716--1119-2364749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

61 Eine Betrachtung zur Würdigung der jüdischen Gegenwart. 62 Der Einfluß des phyfischen Menschen auf den histovischen Menschen; eine Betrachtung znr Würdigung der jüdischen Gegenwart. (Fortsetzung.) Ja, viele Leute, viele ausgezeichnete Stimmführer der jüdischen Gegenwart finden diesen Zustand recht erfreulich und hoffnungsvoll, und leben und weben so ganz in jener um unfern Nationalkörper aufgeblähten Dunsthülle, daß sie die Achseln über andere Leute zucken, welche zu ihren Schritten und Tritten zu ihren Häusern und Werkstätten einen festen Grund und Boden brauchen. Jenes atmosphärische Geschlecht unsrer Literaturmenschen betrachtet bte Existenz eines festen Kernes mit Fels und Eisen, mit Berg und Thal, mit Acker und Wald als etwas problematisches, an und für sich gleichgültiges, rümpft gelegentlich die Nase darüber, und hat den schönen Satz erfanden, der Israelit habe und brauche eben nur ein geistiges Vaterland. Und wenn die unten am Erdboden wandelnde Kreatur physischen Hunger und Durst empfindet, wenn sie sich beklagt, daß die festen Formen des Bodens, auf welchem sie eingelebt ist, verwittern, daß die Felsenpfeile zerbröckeln, und die uralten tiefsichern Gründe sich verflachen, daß die allnährende und allverschönernde Fülle der Natur verkümmert und daß die Früchte am Baume des Lebens immer sauer werden, — dann trösten uns jene luftigen Geister mit Verheißungen von einem wunderbaren Thau, von einem warmen und fruchtbaren Gusse des Lebens, welcher sich aus der Liceraturatmosphäre Niederschlagen und Land unb Volk, Gott weiß wie sehr, tränken, erquicken und stärken soll. Haben es unsere christlichen Mitbrüder verstanden ihren Boden umzubrechen, zu furchen und zu eggen, so ist der unsrige nur in einem fort gewässert worden. —- Sagen wir es darum frei heraus; jede heilsame Thätigkeit ist eine Arbeit, das ist ein Wirken, welchem Basis, Stoffund Mittel physich oder historisch gegeben sind, und welche ans Darstellung eines concreten Werkes, einer concreten That abzielt, und in einer Reihe solcher Werke und Thaten einem ZieLe unendlicher Befriedigung zustrebr. Jede geistige Thätigkeit, welche solche Grundlagen, Stoffe und Mittel nicht zu Gebote stehen, oder welche sich ihrer nicht bemächtigen kann, verliert Haltung und Maaß und Überschlag sich entweder in eigenem Ueberdrang, oder — was noch schlimmer ist — der Geist verlernt die Arbeitsamkeit, und geräth in einen idealisch - geschäftigen Müssiggang, welcher hier, wie überall, aller Laster Anfang ist. Daß der Geist an seinen Umgebungen in der sinnlichen Welt Disciplin lernen soll, ist eine große Wahrheit, die man in dem Prmcip der israelitischen Theokratie, so wie in der Verklarung des chrichischen Gedankens , aus Platons Staat lernen und liebgewinnen kann. Und eben hier erheben wir Anklage gegen die Entwickelungen, kn welchen die Iudenheit m den letzten Jahren fortgeschritten ist: daß nämlich die natürlichen Kräfte, die physischen Gaben und Fähigkeiten des Individuums sowohl, als des jüdischen Volkes im Allgemeinen vernachlässigt, daß für breite und genügende materielle Grundlagen für die Wohlfahrt der Leiber und Geister nur sehr lässig und lau gesorgt worden ist. Aus unfern höher» und medern jüdischen Schulen, aus unserm literarischen Treiben gehen geistige Kräfte, von größerem oder geringerem Umfang, größerer oder geringerer Tiefe und Tüchtigkeit, jedenfalls Kräfte hervor, welche sehr häufig in ganz entschiedenem Mißverstandniß zu allen historischen und physischen Lebensverhältnissen stehen. Denn eines Theils bringen diese der Schule entquellende Geister keinen gesunden Leib, keine frischrührkgen Glieder, keine scharfen Sinne, keine gestählten Fäuste mit, daß sie sich im Leben zurecht finden, und in seine Substanz hineinarbeiten könnten; andern Theils bietet ihnen das neue jüdische, in seiner materiellen, reazhistorischen Entwickelung verhältnißmaßig weit zurückgebliebene Leben gar keinen Anlaß und keine Substanz zur Arbeit; daher die Schwächlichkeit und die Ueberschwenglichkeit, daher die Trödelei und Wüstheit, daher die Verzagtheit und der Uebermuth, daher die Hungerleiderei und Uebersättigung, daber so viele wunderliche, einander scheinbar zuwiderlaufende Symptome in unfern neuesten geistigen Zuständen, ja in dem Maße, wie die verkümmerten Elemente des Lebens sich nicht in wahrer Arbeit zu kräftigen, die überreizten sich nicht durch wahre Arbeit zu beruhigen vermögen. Am verderblichsten und widerwärtigsten aber wird die tiefe Krankheit der jüdischen Gegenwart, wenn sie sich in geistreich vornehmer Weise als die einzige und wahre Gesundheit prokiamirt, wenn sie sich eben jenem idealisch geschäftigen Müßiggang, jenen behaglich selbst gefälligen Spielen mit allerlei Gerolle und Kleinkram der Literatur, jenem absichtlichen Einspinnen in die Regungen und Gelüste des eigenen Gemüthes überlaßt, womit man einem großen deutschen Geist, der seinen Genius egoistisch künstlerisch zu discipliniren und ein an Genüssen u«d Schöpfungen reiches Leben in Mitte einer tiefbeunruhigten Zeit bequem zu Ende zu führen verstand, nachzuaffen gedenkt. — Wie also in unserer gegenwärtigen jüdischen Zeit das höhere Treiben in der Wissenschaft des Judenthums erlahmt, wenn unsere neueste schöne jüdische Literatur mit Ohnmacht geschlagen, und genau genommen, weder schön, noch überhaupt eine Literatur ist, wenn nur die realen Seiten jüdischer Wissenschaft sich entwickeln und gedeihen, so gramen wir uns darüber gar nicht, sondern wir deuten uns daraus eine kommende, bessere Zeit. Es ist hier der Ort nicht, naher auszuführen — aber erwähnen müssen wir es doch — daß unsere sogenannte schöne Literatur ganz ins Leere geht, daß sie in keiner Wechselbeziehung zu unserm nationalen jüdischen Geist oder Bedürsniß steht, daß sie nichts vor hat und nichts hinter sich läßt. Sie dient lediglich einer besondern Art von Müßiggang, welcher Lectüre heißt. Alles, was Druckbogen und Stunden auf irgend erträgliche Weise ausfüllt, ist unfern gemüßigten Geistern recht; jede Qualität und Quantität wird eingesackt. Und wenn Jahre hindurch in der ganzen Iudenheit Niemand die Feder rührte zu einem Origwalwerke in diesem Gebiete der Literatur, das lesende jüdische Publikum würde

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.