Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 52 (26.12.1840)
- Article
- Die natürliche Auslegung der biblischen Erzählungen
- Date
- 1840-12-26
- Page
- 812 (sequence 2)
- Language
- German
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m'ö Me natürliche Auslegung; nähme der natürlichen Auslegung jüngere Zeit, daß eine magnetische Kraft gewirkt habe, oder daß das bloße Vertrauen die Heilung hervorgerufeir. In beiden Ansichten wird tue Wirkung der kupfernen Schlange auf die Wunden als unbegreiflich und unverständlich gedacht; in der ersten, weil es nicht annehmbar sei, daß ein Idol, ein Götzenbild, auf Befehl Gottes, Wunder thun und eine höhere Kraft erhalten soll; in der letzten, mil es den Gesetzen der Natur widerspricht; in beiden Ansichten wird das Factum, als solches, nicht bestritten; in beiden endlich, um dennoch zum Verstandniß zu gelangen, eine neuere natürliche Wirkung substituirt. Denn es war der alten Jnt in ihrem ' Glauben eben so natürlich, durch Gebet geheilt zu werden, durch eine Richtung des Gemüthes zu Gott, als der jüngern durch die magnetische Kraft oder den psychischen Einfluß des erhebenden Vertrauens. — Das wunderbare Redetalent einer Eselin dachte man sich mit in den ersten Schöpfungs- Lagen geschaffen. Die Rabbiner mochten entweder nicht annehmen, daß einem Heiden ein Wunder geschehe, das geeignet sei nur für Jsraeliteu zn geschehen, oder sie konnten die ügenthümliche Natur dieses Phänomens uicht begreifen, das abweichend von den übrigen biblischen Wundern, die durchschnittlich entweder in einem wunderbaren Causalnexus von Ursache und Wirkung, oder in einer auffallenden Metamorphose bestehen, im vorliegenden Fall die merkwürdige Schöpfung eines Dinges aus Nichts involvirl, indem die menschliche Sprache ohne die geeigneten Organe hervorgebracht wird. Sie substituirten darum eine ursprüngliche Schöpfung dieses thierischen Sprachorgans durch Gott Ln der Abenddämmerung des sechsten Tages, um das Phänomen begreiflich zu finden, und der Natur der übrigen Wunder entsprechend zu machen.. Es ist dieses von dem damaligen Standpunkt aus daher dem Grundprinzip nach derselbe Auslegungsversuch, der sich in der sogenannten natürlichen Methode der Wundererklärungen geltend macht, wenn etwa die Rede der Eselin in der Aufregung und Einbildung des Bileam gesucht wird. Man kann in beiden Ansichten das Wunder als solches sich nicht erklären oder begreiflich machen, und substituirt darum eine Natürlichkeit, die sich entweder auf die Schöpfungkraft Gottes in den ersten sechs Tagen, oder die Individualität des Bileam reducirt und in derselben aufgelöst wird. Die Versuche also zur natürlichen Auflösung der wunderbaren Erzählungen, insofern sie dem Exegeten von seinem Standpunkt aus nicht einleuchtend oder begreiflich erscheinen, sind schon uralt, und haben ihre nothwendige Entstehung in dem exegetischen Streben selbst. Der geschichtliche Verlauf der menschlichen Ansichten indessen mußte mannigfach auf diese Verständkgungsmethode der biblischen Erzählungen wirken, und in einer höchstes enthümlichen Richtung begriffen treffen wir sie in ihrer Ausbildung an,.die sich namentlich zu Ende des vorigen Jahrhunderts so herausstellte. Damals erlangte sie die Oberherrschaft in der methodischen Auslegung, errang sich den bezeichnenden- Namen. Um-sie in ihrer geschichtlichen Bildung, bis sie zu diesem Prinzipat gelangte, M betrachten, um ihre Weise und ihre I der biblischen Erzählungen. " 814 Gewalt in ihrer Herrschaft zu begreifen, mäßen wir sowohl die Bibel als auch den Standpunct der menschlichen Intelligenz genau untersuchen. Das Verhaltniß beider zu einander ist das nothwendige Ergebniß dieses Auslegungsversuches, und bedingte die eigenthümliche Gestaltung desselben. Die Bibel ist zwar unveränderlich dieselbe geblieben; es läßt sich über sie nichts besonderes sprechen. Aber, insofern sie erst ein Gegenstand der menschlichen Betrachtung durch die vorbereitenden Elementarstudien wird, verändert auch sie sich gewißermaßen mit der Fort- und Ausbildung dieser Elementarstudien notwendig mit, und umstaltete ihre ursprüngliche Erscheinung. Sie wird für den menschlichen Geist schon in der ersten Anschauung ein Anderes, und wir haben sie darum in diesem Anderssein zu betrachten. Die Wissenschaften lebten in der letzten Halste des vorigen Jahrhunderts wieder auf, namentlich aber die Studien der Bibel. Die vergleichende Grammatik der Semitischen Sprachen, die Kenntniß dieser Sprachen selbst,, stellten die Bibel in ein neues Licht. Die Tradition im orthodoxen Kirchen-Glauben war nicht mehr die alleinige Lehrerin oder Führerin; man trauete und muthete auch dem selbstständigen menschlichen Geiste die Erforschung und die Erkenntniß der Bibel zu, und dieser suchte auf eigener Faust und gar oft im Bewußtsein seiner eigenen Kraft, in Opposition gegen die orthodoxe Tradition, dieselbe zu erfassen und zu erkennen. Der Sklave, wenn er die Fessel bricht, vergreift sich aus Rache gar zu gern gegen seinen Herrn! Die klassischen Studien gelangten zu einer vorher nie geahnten Höhe, man übertrug die Methode auf das biblische Alterthum. Die Geschichte und der Jdeenkreis der andern orientalischen Völker erschloß sich dem spähenden Auge, und zeigte in einem magischen Helldunkel überraschende Fernansfchten. Man verglich diese Ansichten mit denen des hebräischen Volkes, übertrug wohl auch jene auf diese. Man begründete die einen durch die andern, und erging sich wohlgefällig in Parallelen. Die dunkeln Stellen, welche die Bibel in reichlicher Menge hat, wurden nicht in einer mysteriösen Geheimlehce mit einem heiligen Nymbus umgeben und mit einer göttlichen Glorie umhüllt, dem menschlichen Verstände als ein unauflösbares geheimnißvolles Räthsel überliefert; sie wurden vielmehr mit Hülfe der neu angebauten Disciplinen ergründet, durchforscht und beleuchtet, sie mußten herhalten, ein neues Licht auf das bis jetzt Verstandene oder Erkannte zu verbreiten. Die unbegreiflichen, gigantischen Begebenheiten wurden, nicht mehr mit gläubigem Gemüth angestaunt und frommgläubig bewundert; man stellte ihnen ähnliche Erzählungen aus dem Leben anderer Völker entgegen, über die man vornehm zu lächeln nicht anstand, und indem man sie verglich, streifte man den Heiligenschein auch den biblischen Erzählungen ab. (Fortsetzung folgt.)