Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1840)
- Article
- London: ein englisches Bibelwerk
- Date
- 1840-12-26
- Page
- 403 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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403 heilige Buch jedem Israeliten zugänglich und mit dessen Inhalt sein Gemüth vertraut zu machen, haben gelehrte und fromme Männer ihre besten Kräfte auf Erklärung des Textes und Bearbeitung von Uebersetzungen zum allgemeinen Besten verwendet Schon bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft wird uns berichtet, daß, Esra erklärte und übersetzte das Gesetz der Israeliten, welche wahrend ihres Exils der hebräischen Sprache entfremdet worden waren. Und obgleich vermöge ihres hohen Alters diese erste Uebersetzung nicht auf,' uns gekommen ist, besitzen wir noch die chaldaischen Targumim des Onkelos zu dem Pentateuch und des Jonatan zu den Propheten, die beide vor der Zerstörung des zweiten Tempels geschrieben sind; und in vielen Werten finden wir Spuren von jetzt verlorenen Uebersetzungen aus der Zeit der Hasmonaer. Für den Gebrauch der zahlreichen egyptischen Juden, deren Muttersprache die griechische bildete, wurde die Uebersetzung der Septuaginta schon zu den Tagen des Ptolemaus Philadelphus unternommen. Eine andere griechische Uebersetzung von Aquila von Pontus unternommen in einer spätem Zeit, hatte den Beifall der talmudischen Weisen. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels und der vollständigen Zerstreuung der Juden, als sowohl Hebräisch als Chaldäisch aufgehört hatte im allgemeinen Gebrauch zu sein, und die Sprache der verschiedenen Lander, in denen sie wohnten, ihre Muttersprache wurde, erkannte man früh die Nothwendigkeit, die versprengten Ueberreste von Israel mit Versionen der Schrift in der Umgangssprache zu versehen, und bald wurde dem Bedürfnisse abgeholfen. Im Morgenlande übertrug der berühmte Saadja Gaon das heilige Buch in das arabische, die am meisten verbreitete unter den orientalischen Sprachen. Von dieser beinahe vor 1000 Jahren verfaßten Version, ist der wichtigste Theil, der Pentateuch, noch vorhanden. Im Abendlande gehörten Uebersetzungen der Schrift in verschiedene Sprachen zu den ersten Erzeugnissen der hebräischen Presse. Eine spanische Uebersetzung wurde im Jahre 5307 gedruckt, eine verbesserte von den Rabbinen zu Ferrara erschien 5313, eine deutsche von Elia Levita 5307 zu Constanz. Zahlreiche spätere Versionen in das jüdisch-deutsche bezeugen wenigstens den Eifer, wenn nicht das Talent der Verfasser, die aber alle dem größten unter den Juden der Neuzeit, Moses Mendelssohn, die Palme reichen mußten, dessen meisterhafte Uebersetzung des Pentateuch in reines, klassisches Deutsch, im Jahre 5543 zu Berlin erschien. Das vollständige heilige Buch wurde später nach und nach von ihm selbst, von Joel KuwaEuchel und Ahron Wolfsohn ins Deutsche übertragen. Mit ihrem Beispiele wetteiferten bald die angrenzenden Lander; überall fühlte der Israelit die Nothwendigkeit, das Gesetz Gottes durch einen Glaubensbruder verdollmetscht zu sehen. In der neuesten Zeit besitzen unsre Brüder in Deutschland verschiedene Versionen der heiligen Schrift, erzeugt durch den Wetteifer mehrerer wegen ihres gründlichen Wissens und kritischen Forschergeists berühmter Männer, wie Johlson, Aunz, Sachs, Arnheim, Fürst, Salomon und Philippsohn. In Frankreich, in den Niederlanden, wo eine beträchtliche Anzahl von Juden anwesend sind, sind treue und gediegene Uebersetzungen der heiligen Schristvon Juden herausgegeben worden, und in den meisten Fällen, mit Bemerkungen bereichert, die von der Gelehrsamkeit und den tiefen Forschungen der Verfasser zeugen. Mitten m dieser allgemeinen Thatigkeit schlummern noch unsre Brüder in England. In einem Lande, aus welchem die Kenntniß der Bibel nach allen Theilen der Erde verbreitet worden ist, ein Land, daß wegen treuer Anhänglichkeit an ihren Glauben und freigebigen Eifer in Angelegenheiten moralischer und geistiger Verbesserung mit Recht berühmt, bieten die britischen Juden der Welt die auffallende Anomalie, daß sie allein in ganz Europa ohne eine in ihrer Landessprache von Juden gemachte und für Juden bestimmte Uebersetzung sich befinden, die mit solchen Noten und Erläuterungen versehen sei, wie sie ihre Religion fordert, und der Zeitgeist gebietet. Levi's und Alexanders Versionen sind bloße Abdrücke der englischen officiellm Version, und deshalb denselben Einwendungen unterworfen, welche, wie wir gleich zeigen werden, dieselben hervorruft. Die in der englischen Kirche angenommene ofsicielle Version, von einer Gesellschaft christlicher Geistlichen ausgeführt, ist sicherlich ein Werk von bedeutendem Verdienst, und man muß gestehen, daß die Ueberfetzer ihrem Werke völlig gewachsen waren. Indessen haben sich manche Jrrthümer aus Versehen eingeschlichen; der Geist der hebräischen Sprache ist häuffig aus dem Gesichte verloren, da sich oft Abweichungen von der hebräischen Masora, die eigentlich den wahren Sinn des Textes feststellt, vprft'nden. Dieser Tadel findet besonders bei den poetischen Büchern Anwendung; erstreckt sich jedoch auch in einem beträchtlichen Grade auf die prosaischen Theile der Uebersetzung. Daß solche Fehler vorhanden sind, wird von Christen aller Confessionen zugestanden. Wenn wir zu diesen bekannten Wahrheiten hinzufügen, daß die ofsicielle Version, als nur für Christen bestimmt, eine Tendenz angenommen hat, die in der ganzen Uebersetzung, besonders aber bei den Prophezeihungen, dem mit dem Original vertrauten, deutlich hervorschimmert, daß die Kapitel-Ueberfchriften für Israeliten höchst unangemessen sind, besonders für Kinder, welche die Autorität dieser Überschriften von der des Tertes nicht zu unterscheiden vermögen/ daß ferner diese ofsicielle Version mit den nöthigen mit unserm Glauben und unfern Traditionen übereinstimmenden Texterläuterungen nicht versehen ist, noch sein kann; — wenn alle diese unbestreitbaren Thatsachen gehörig erwogen werden, so glauben wir, daß jeder Unbefangene zugestehen muß, wie eine reine und treue Uebersetzung der Schrift, von Juden unternommen und mit Noten versetzen, nicht allein ein unbedingt nothwendiges Werk ist, sondern auch ohne ein solches nicht erwartet werden kann, daß der britische Israelit, auf den Gebrauch der ofsiciellen Version beschränkt, je zu einem wahren Bekenntnis der von Gott eingeschäcften und von unfern Vätern ererbten Gebote gelangen kann. Um ein solches Werk in die Hände der britischen Israeliten zu bringen, wird der gegenwärtige Entwurf zu einer neuen Ausgabe der heiligen Schrift unfern Brüdern im Britischen Reiche vorgelegt. Der hebräische Text wird mit der gewissenhaftesten Aufmerksamkeit und Correktheit gedruckt und mit den anerkannten authentischen Büchern sorgfältig collationirt werden. In der englischen Uebersetzung werden wir uns bemühen Eleganz, mit Gedrängtheit und einem genauen Festhalten an den buchstäblichen Sinn des Textes zu verbinden. Hinsichtlich der Noten ist es unsre Absicht, kurze. Erläuterungen am Fuße jeder Seite zu geben, und ausführlichere Noten am Ende jedes Wochenabschnittes, die sich über folgende Punkte 52*