Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1840-12-05 · Heft 49 (5.12.1840) · p. 382

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 49 (5.12.1840)
Article
Lemberg: Cultur der Juden in Polen
Date
1840-12-05
Page
382 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360093-2360143-2364241--1182-2364274
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

382 benannte. Alle jene Bestrebungen gingen nicht über Deutschland hinaus. Und ist es - auch wahr, daß die polnischen Nabbinen Deutschlands diesem den Weg zum Bessern' erschwerten, so war es doch nicht wohlgelhan, Polen selbst namentlich als den Flecken am Zudenthume zu bezeichnen, ihm alle Fähigkeit zur'Heranbildung abzusprechen, mit Satyre und Hohn, es und feine vielen Anhängern aller Orten von jedem Anschlüsse zurückzuweisen. Dies Faktum und die daraus entspringende allgemeine G ei st esaristokrati e erkennen wir als die Hauptursache der Nebel an denen das Judenthum nun überall t erdet, wie die weitern Folgen es deutlich genug Nachweisen. Es kann hier nicht unsre 'Absicht sein, dies im Einzelnen in der Geschichte der zwischenliegenden Zeit aufzuzeigen. Aber im Ganzen und Großen bemerken wir, daß nicht blos Polen in seiner Masse auf ein halbes Jahrhundert durch die angegebene Weise dem Fortschritte entzogen ward, sondern überall traten dem frühern Muster partikularisiischer und auf die nächste Umgebung allein gewohnter Bestrebungen viele andere nach; die egoistische Abschließung Deutschlands gegen Polen fand in Deufchland ftlber unter den verschiedenen Partheien statt. Es schien für den Augenblick praktisch blos aus seine allernächste Umgebung zu wirken, und es der Zeit oder dem bloßen Beispiel zu überlassen, den Namen des Guten weiter zu bringen. Es schien aber auch nur! Denn dem Zudenthume und selbst den untergeordneten Interessen der Juden kann nur durch allgemeine n Foctsch ritt Heil widerfahren. Diejenigen, die zuerst gegen das nn nr cnmy b aus ihre Weise sündigten, mußten auch die unseligen Folgen zuerst büßen, indem das Zurückbleiben der Andern als Vorwand genommen ward, theils ihren eigenen Fortschritt als einen unjüdischen zu bezeichnen, theils auch praktisch die höher gestellten Anforderungen an den Staat nicht gelten zu lassen. Freilich ist es von Seiten des strengen Rechts grundfalsch, den deutschen Juden im eignen Staate die Fehler des polnischen u. s. w. büßen zu lassen. Allein wir können von unserm Standpunkte aus nur eine moralische Vergeltung des Ab- und Ausschließungsystems darin erblicken. Die Rückwirkung dieses Umstandes auf die unrechtlich Beeinträchtigten war natürlich die, den Haß gegen die unschuldigen Ursachen, den Riß 'und Spalt zwischen den einzelnen Theilm immer mehr zu vergrößern, die Einen um so mehr zurückdrängten, als die Andern vorwärts drängten. Und in diesem Zustande befinden wir uns mehr oder minder bis ins Einzelne herab noch heute. Das Bessere hat sich zwar durch die Lange der Zeit überall ein Terrain zu erkämpfen gewußt. Deutschland, wir müssen es gestehen, ist hier rühmlich vorangeschntten! Aber der Fortschritt hat größtentheils noch diesen verderblichen Charakter des Separatismus mit sich geschleppt. Und die allerletzteWirkung ist endlich die: daß während die Einen fe r tig zu sein, die Andern nich t an fangen zu müssen glauben. Da haben wir nun den leibhaftigen I n d i ff e r e n t i s m u s in seiner verderblichsten Gestalt! — Dieser spricht sich nun freilich bei den Vordermännern nicht sowohl in Gleichgültigkeit gegen den eigenen Zustand, als noch weit mehr in Mangel an Sein und Bedürfniß eines allgemeinen Bessern aus > während die Andern durch den ihnen anhaftenden Mangel sich unmöglich auf die Dauer allen Bestrebungen entziehen können. Besser, radical besser wird es aber im Grunde nirgends. Denn wenn die Einen keuchend den andern nachhinken, vergessen auch sie ihre Hintermänner. Und gesetzt, dies ginge nun immer so fort, so ist doch keineswegs damit die Möglichkeit gegeben, die Gesammtheit an der Vordergrenze, bei der wir jetzt die Allerersten stehen geblieben wahnen, vereinigt zu sehn. Denn dieser scheinbare Stillstand an einem Ziele ist kein solcher, weil überhaupt kein wahrer Stillstand in der Geschichte möglich, sondern ein gänzliches 'Abweichen vom wahren Wege. Und wahrlich! es ist kein tröstliches Zukunftbild, die jetzt truppweise .anrückenden Massen einmal auf dem 2tbwoge vereinigt zu sehn? -- Wir bezeichnen also nochmals mit einem Worte die Wurzel alles Jndifftrentismus mit gegenseitigem Egoismus d. h. Mangel an Gemeinsinn, Mangel an Sinn für das Judenthum, als ein Ganzes, beruhend aus einer Aristokratie des Geistes, die keine höhere über sich kennt. Wer noch daran zweifelt, der blicke um sich, nach Deutschland, Polen, Frankreich, England, Italien und den Orient, und suche nach einer Wechselwirkung! Er wird vergeblich suchen! Es gilt dies selbst von den ersten beiden, bis auf die einzelnen Gemeinden u. ft w. herab, nicht minder, insofern nämlich die Annäherung am Wenigsten von Seiten der Höhergebildeten und mit rein humanistischer Absicht geschieht. ' Wir können höchstens das mir dem Beruf gegebene Streben der Theologen ausnehmen. Um nicht immer von uns zu sprechen: was würde wohl der gebildete Bewohner einer deutschen Residenz dazu sagen, wenn jemand behauptete, es sei an ihm, auch .für die Cultur des orien tauschen Juden besorgt zu sein? Ja! wenn die Zeitung cm Erdbeben belichtet und der Fromme."2ON und Fasten anstellt; da schenkt jener wohl den Dahingeschiedenen eine Thrane der Menschlichkeit, den Verunglückten eine milde Gabe des Mitleids. Und wenn ein Verein zur Beförderung von Handwerk und Ackerbau unter den betlelhaften Palästinensern in Vorschlag gebracht wird, so nimmt man mindestens Bedenkzeit bis .... zur Zeit, wo niemand mehr daran denkt. (Beschluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.