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Der Orient · 1840-11-28 · Heft 48 (28.11.1840) · p. 370

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 48 (28.11.1840)
Article
Algier: Dr. Goldscheider's Bericht über die dortigen Zustände
Date
1840-11-28
Page
370 (sequence 2)
Language
German
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370 Caution gestellt oder die durch einen dringenden Fall gerechtfertigt erscheinen mußte. Es war ihnen verboten eine Laterne zu tragen; nur eine in freier Hand brennende Kerzedie der Wind bei jedem Schritte verlöschte, war dieeinzige ihnen gestattete Beleuchtung. Sie durften keine anderen als düstere Farben an sich haben, ihre Stimbinde war blau, ihr Scheitelkappchen oder csachya, schwarz. Nichts von einem Turban, Nichts von Fußbekleidung; nur denen, welche bemittelt waren, wurde erlaubt, alte abgetragene Schuhe anzuziehen; diese Latschen mußten viel .kürzer sein als die Füße, so daß die Ferse beständig die Pflastersteine berührten. Sie durften mit einem Muselman nur unter großen Reverenzen, Respekts? und Untecthanigkeitsbezeugungen sprechen. Sie waren stets'verbunden, dem Muselmane, der ihnen entgegenkam, rechts auszuweichen. Jede Verletzung dieser Vorschriften oder der Rechte Anderer wurde durch die Bastonade und durch Geldstrafen gezüchtigt. Große Beleidigungen, schwere persönliche Verletzungen wurden sogleich mit urplötzlicher, ganz willkürlicher Ermordung gerächt und oft zu Folge der beleidigten Grille eines Muselmanes. Der aber konnte sich reinwaschen von dem Verbrechen durch eine Geldbuße, entweder an das Gouvernement oder an die Eltern des Schlachtopfers;- diese ward betitelt: Blutgeld (prix du sang ). Die Janitscharen, welche gar oft ähnliche Gewaltthaten begingen, lösten sich durch 1Z- Pfund Rauchtabak, das sie in das Staatsmagazin gaben. Sie hatten eine enorme Kopfsteuer zu zahlen, die in einer Summe von 28,000 Budjux (monatlich) bestand, welche sie durch ein Viertel in jeder Woche abtrugen. Alle Donnerstage Abends, vor Sonnenuntergang, trug der Chef der Nation (bekannt unter dem bizarren Namen: Juden ßönig) die Summe von 7,000 Budjux nach Janina oder nach C asb ah, wo er sie in die Hände des Ba sch a oder Oberpriesters niederlegte, welcher persönlich für die Auflage verantwortlich war, und der auch die Reparation derselben nach Glücksgütern und Auskommen der Individuen zu entworfen hatte. Die jährliche Abgabe von 336,000 Budjux erstreckte sich nur auf Algier, und ohne weiteres waren alle andere Orte und Städte des Reichs nach diesem Verhaltniß und gemäß ihrer Bevölkerung besteuert. — Nach diesem kleinen Entwürfe von Quälereien kann man sich einen Begriff von den seltenen Privilegien oder Freiheiten machen, welche die Juden unter den Türken genossen, und wie unglücklich sie gewesen sein müssen. Indessen kann man nicht leugnen, daß die Moslimen von ganz Arabien den Juden ein großes Zutrauen schenken,. wiewohl dies unbegreiflich erscheint, wenn man die Antipathien berücksichtigt, die tagtäglich gegen sie genährt werden. Aber man weiß ja, daß der Koran den Handel verbietet, so wie auch die Ausleihung von Geld gegen Interessen, und daß kein wahrhaft Gläubiger sich Renten mit seinem Gelde schaffen kann, daß er es zum wenigsten nicht als Mittel eines kaufmännischen Verkehrs benutzen kann. So waren die, denen Abneigung oder die Condition des Lebens das Handeltreiben nicht gestattete, gar bald froh, einem Juden zu begegnen, dem sie ihre Fonds anvertrauen konnten. Er empfing Interessen von dem Darlehen, doch der Jude zog, wohl berechnend, die meisten Interessen, denn er ließ-das Geld des Moslimen arbeiten, wie es ihm beliebte. — Sie erhielten noch andere, unzweideutige Merkmale eines großen Zutrauens. Sie erschienen als die Juweliere, als die Silberlieferanten des Dey', als die Bewohneralles dessen, was man die Kron-Diamanten nennen könnte. Sie bekleideten das Amt der Geldwechsler, der Schatzmeister rücksichrlich des Soldes der regulären Truppen; lste waren die Geschäftsführer in gewissen großen maurischen Häusern, gleichsam das Faktotum. Da nichts ohne ihre Begutachtung geschehen konnte, da sie stets die Vermittler waren, so fanden sie auch dabei immer ihre Rechnung. Die Dolmetscher des Dey waren Juden, die Geheimnisse des Staates gingen durch ihren Mund, wenn sie zu den Ohren der Consuln und der europäischen Gesandtschaften dringen sollten. Noch heute trifft man wenig edle moslimische Hauser, m nicht ein Jude der Haushälter über die Familieninteressen und das Eigenthum wäre. Kurz, der Beobachter erstaunt, ein so-unbegrenztes Zutrauen neben so tiefer Verachtung anzutreffen. (F. ft) Leipzig, 16. Nov. (Aus dem Ardn Israel, de Fr.) Nach Kenntniß des interessanten Schreibens der Mlle. Har to ch, Leiterin eines-Instituts zu Algier (vgl. Orient Nr. 39), haben Mehrere bei uns angefragt, wer die um Unterstützung bittende Jnstitutrice sei, und welches die Unterrichtgegenstande ihrer Schulanstalt sind? Ein Schreiben, das sie unter dem 21. Sept. an uns richtet, wird diese Fragen am besten selbst beantworten können. Wir lassen darum auch die Mlle. Hartoch selbst sprechen. Sie klagt, ihre Zöglinge nicht lange genug im Unterrichte behalten zu können. Die Eltern zögen es vor, ihre Töchter in der Eigenschaft als Dienstboten mit 6 oder 7 Francs Gehalt monatlich zu placiren, als sie, wie die europäischen Israeliten, unterrichten zu lasten, aus armern Klassen könnten sie sich die nöthigen Subsistenzmittel auf eine andere Weise erwerben, als durch Dienstverhältnisse! „Daher kommt es, sagt die ehrenwerthe Jnstitutrice, daß es Noch hat, einen Zögling langer als ein Jahr zu fesseln (mit wenigen Ausnahmen); die Habsucht, der Geiz ihrer gewissenlosen Eltern gestattet ihnen nicht, ihre Studien zu verfolgen. Beurtheilen Sie, mein Herr, nun meinen Verdruß, wenn ein Mädchen mit Eifer gearbeitet hat und mich durch seinen Fleiß und seine glücklichen Anlagen belohnt für die Mühe, welche ich gehabt habe, "um es so weit zu bringen, da halten eS die Eltern auf eine brüsque Weise

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