Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1840)
- Article
- Die Juden Schwedens namentlich der Hauptstadt
- Date
- 1840-11-21
- Page
- 368 (sequence 1)
- Language
- German
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368 Lieht - nnd Schattenbildet aus der |ü V i f ch e n G e s eh j ch t e der O e g e N W Ä v t Die Juden Schwedens namentlich der Hauptstadt. (Aus einer ' christlichen Feder.) (Schluß.) Und so hat sich denn zur Abhülft dieser Bedrangniß hier ein Frauenverein zur Unterstützung hilfsbedürftigen Individuen ihres Geschlechts, dort ein Männerverein der die zweckmäßigsten Mittel trist, gesunkenen Familien wieder aufzuhelfen, wieder wo anders ein Jünglingsverein zur Ausbildung armer, unterrichtsloser Kinder u. s. w. gebildet. Es scheint, als ob das gemeinsame Unglück, oder wenigstens die vornehme Zurückdrängung von Seiten der Christen sie um so mehr in sich selbst gekräftigt hätte. Denken wir uns diese schönen Eigenschaften, die durch einen tausendjährigen Druck nicht haben ausgerotttt werden können, die ein zweijähriges, nur einiger Maßen sonniges Leben so schön entfaltet hat, nach außen hin, auf den Staat wirksam, was für Früchte müßten sich da nicht unter den Juden selbst und im .Staate zeigen; wie würden die Juden, sich für solche Wohlchat dankbar zu beweisen, sich anstrengen, alles Lob zu verdienen! Aber merkwürdig! Nücksichtlich der Juden scheint man seit Jahrhunderten keinen psychologischen Blick gehabt zu haben. Unter solchen Verhältnissen müssen wir einen Blick auf das innere Leben des Judenthums, auf ihre religiösen Institutionen namentlich werfen, auf diejenige Seite, von welcher sie selbst, und mit Recht rühmen, daß sie es sei, die in tausendjähriger Gefangenschaft das Herz vor Erstarrung bewahrt, die moralischen Vehikel lebendig erhalten habe. Die Negierung mag den Werth und die Bedeutung dieser Institutionen selbst gefühlt, und ihnen darum auch so viel Beachtung gewidmet haben. Das bald nach der oben erwähnten neum Gesetzverordnung erlassene Gemeindestatut ist darum auch von einer beträchtlichen Ausdehnung, und dreht sich' einzig um Cultus und diejenigen Dinge , welche zu seiner Förderung, namentlich im Interesse des Staates, beizutragen vermögen. Ueberall haben die mosaischen Bekenner religiöse Gemeinschaften zu bilden und wo die geringe Zahl derselben dies unmöglich macht, haben sie sich an eine größere Gemeinde anzuschließen. Wenn auch zur Errichtung von Synagogen des Königs Erlaubniß eingeholt werden muß, so sieht man doch das absichtliche Bestreben der Regierung durch, den Privatgottesdkmst immermehr zu beseitigen und den öffentlichen Cultus zu fördern, der nebenbei gesagt, unter obrigkeitlichen Schutz gestellt erscheint in dem Maaße, daß dem Beleidiger der jüdischen und ihren religiösen Ceremonien dieselbe Strafe trist, welche das Criminalrecht dem Beleidiger der Schwedischen Kirche dictirt. Überhaupt erscheinen die Juden rücksichtlich der Würde ihrer Religion den Uebrkgen Confessionsverwandten gleichgestellt, so daß ihnen in Ausübung ihrer religiösen Gesetzte weder ein Hinderniß in den Weg gelegt werden soll, noch daß man, z. B. bei dem Eide anderwärts Präccmtionsmaßregeln und Observanzen für nöthig befunden hatte. Weitläufig verbreitet sich das Verlag von C L. Fritz sch e. Statut über Gemeindcältestm und Kirchenvorsteher und wir finden ihre Wahl an dieselben Bedingungen geknüpft, die gewöhnlich auch bei christlichen Vertrauensämtern die Wählbarkeit bedingen. Nachdruck und Schutz ihrer Anordnungen erhalten diese Verwaltungsbehörden durch die Ortsobrigkeit, unter deren Aufsicht sie rücksichtlich ihrer Anordnungen stehen. Man muß sagen, daß unter dieser neuen Form der Verhältnisse das scientistsche Leben der schwedischen Juden in dem kurzen Zeiträume von 2 Jahren recht erfreulich sich herausgestellt hat. Es bedurfte einer solchen Anregung, einer solchen Centralisation der moralischen Kräfte, wenn nicht der Jndifferentismus vollkommen die Oberhand erhalten sollte. Das innere jüdische Leben schlummerte bis vor zwei Jahren, man erkannte den Juden nur an seinem Colorit und in dem Handel, im Uebrigcn aber verschwamm er in der Masse, und ohne ihre moralischen Vehikel zu tbeilen, wurde er völlig gleichgiltig. Er sandte seine Kinder in christliche Schulen, ohne sich weiter um ihre charakteristische Ausbildung zu bekümmern, er verrichtete seine religiösen Ceremonien, ohne dabei viel Enthusiasmus für die Institutionen seiner Vater blicken zu lassen, er war weder kalt noch warm. Jetzt ist es anders. Das innere Gesellschaftsgetriebe bewegt ihn; er ist neu aufgelebt durch die erweiterte Thätlgkcit nach Außen und Innen, er mteressirt sich für seine Religion, weil er sieht, daß der Staat selbst sie heilig hält, daß derselbe sich bemüht, die Ausbildung zu steigern. Man etablirt jüdische Schulen, man verwendet nicht unbeträchtliche Summen auf Erbauung und Verschönerung von Synagogen, man schafft Wohlthatkgkeitsanstalten, bemüht sich die gesellschaftliche Sittlichkeit immermehr zu heben, schließt sich den Fortschritten der Zeit an und wagt es jetzt, wo der Staat sie selbst zu vertreten verheißen hat, es laut zu bekennen, daß man ein Jude ist, kurz man lernt seine Würde fühlen. Viele Verdienste hat deswillen durch ihr Beispiel die Gemeinde der Hauptstadt Stockholm, wo Rabbinen und Vorsteher kn Durchbildung eines echten nationalen, den Erfordernissen der Zeit angepaßten Lebens mit einander wetteifern. Dr. Selig mann ist in der That ein eben so eifriger als umsichtiger Mann, der die Bedürfnisse kennt, der die Zeit versteht, der ohne zu verletzen, die Gemeinde der Zeit und ihren Forderungen entgegen zu führen weiß. Seine Geschicklichkeit, dem Jndifferentismus sogar Theilnahme und Interesse für die lebendigere und zeitgemäßere Gestaltung des Cultus abzugewinnen, oder denselben dadurch zu bannen, verdient alle Anerkennung und um so mehr Beachtung, als er und seine Gemeindr das Vorbild und Beispiel allerübrigen wird. Die schwedische Nation ist durch und durch kernig, es ist ein Volk von achtem deutschen Adel, in seiner Mitte hat die Sklaverei und Unduldsamkeit nie Platz ergriffen und unter solchen Aussichten und bei dem fortgesetzten regen Eifer von Seiten der jüdischen Bevölkerung läßt sich in einem größern Zeiträume, als der von zwei Jahren ist, auch recht viel Erfreuliches erwarten. Wir betrachten darum auch diese Periode nur als den Zustand der Ausbildung zur politischen Emancipation und Mündigkeit des Judenthums in Schweden. " Wikström. Druck von I. H. Magel.