Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1840)
- Article
- Straßburg: Comité der Gesellschaft zur Beförderung der Arbeit unter den israelitischen Armen
- Date
- 1840-11-21
- Page
- 364 (sequence 2)
- Language
- German
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364 über uns hinwegrollt. —- Es ist nicht nothwendig, daß wir mißachtend auf die Vorschriften und die Weisheit der altehrwürdigen Vater blicken; aber auch unsre Vernunft, dieses Gnadengeschenk der Gottheit, das uns nicht umsonst gegeben worden , wollen wir nicht ganz verleugnen, und wollen bedenken, daß es auch unter uns erleuchtete Männer gibt, deren Aussprüche wir hören sollen, weil sie so gut forschten, wie jene forschten, weil sie so gut von Gott mit Geist begnadigt wurden, wie die Autoritäten der Vorzeit. Fürchtet Gott und meidet Haß, Neid, Rache, Bedrückung der Unschuld rc. mit einem Worte: Liebt die Brüder, und ihr werdet ja sehen, ob Euch nicht ein ruhiger Herz im Busen wohnen wird, als wenn ihr blos unterlaßt, am Sabbate euch zu baden. Deutschland. Posen, 10. Nbr. Eine unpartheiische und wahre Schilderung unserer jüdischen Verhältnisse und Zustände hier mitzutheilen, erachte ich um so mehr für Pflicht, als in andern jüdischen Blättern, — welche, wie es scheint, nicht sowohl durch Correspondenzen und Mitarbeiter, als lediglich durch größere Abonnentenzahl ihr Fortbestehen fristen — falsche und unklare Artikel über unsere Gemeindeangelegenheiten seit einiger Zeit dem lesenden Publikum dargeboten worden. Diesem Unwesen ein Ende zu machen,' dienen folgende Zeilen. Vor Allem ist zu bemerken, daß die hiesigen Juden den Charakter der Indolenz für alle höhere wissenschaftliche Bildung an sich tragen, und daher ihr ganzes Lichten und Trachten, Leben und Weben nur auf den Handel in jeder Gestalt gerichtet ist. So löblich zwar auf der einen Seite ein solches Streben ist, so erwachsen anderer' Seits hieraus die übelsten Folgen für ihre religiösen Interessen, welche seit mehr als einem Decennium sich darin bekunden, daß Bibel und Talmud, Erbauung und Belehrung fast in Vergessenheit gerathen sind. Zudem hat die zeitliche Afterbildung'eines großen Tbeils sich bemächtigt und eine halb nüchterne Aufklärung hervorgerufen, welche schlimmer als die Orthodoxie und verderblicher als der Jndifferentismus wirkt. — Das Nonplusultra ihrer Wirkung legte sie besonders bei der unglückseligen Rabbinerwahl an den Tag, wo weder die eine, noch die andere Parthei (?) von ihrem Verlangen sich Rechenschaft zu geben wußte, in Folge dessen jetzt die Gesawmtgemeinde in ihrem Rabbiner sich betrogen sieht, und denselben je eher je lieber los werden möchte. Im Innigsten Zusammenhang mit bezeichneter Aufklärung steht ferner der Verfall der religiösen Erziehung, und es bleibt darum der unschuldigen Jugend das Wort Gottes-in jeder Hinsicht fremd, und es müssen die Kinder um die Sünde der Vater sterben. Als weitere Folae stellt sich heraus, daß das Gotteshaus noch immer die hinlänglich bekannten Mißbrauche sorgsam in sich bewahrt und ein großer Theil unserer jungen Juden ist keck und absurd genug, es das Spotteshaus zu nennen. Ist aber ein ächter Mann Gottes ob solcher Lästerungen ungehalten, alsbald tritt der lässige, reiche Rabbiner aus seinem Gemache und gebietet solcher Reder Schweigen, damit auch er nicht dadurch gestraft und von seinem Faulbette ausgeschreckt werde. Natürlich entstehen wegen solcher Verhältnisse und Mißstände täglich mehr und größere Fraktionen in der Gemeinde, und Schul- und Armenwesen gerathen immer in Liefern Verfall, so daß mit verächtlichem Blicke unsere christlichen Mitbrüder auf unserereligiösen Institute Hinsehen. Nun sollte man zwar glauben, daß solche klägliche Mißstände auf die anderen jüdischen Gemeinden unserer Provinz influiren, aber nein, dies ist Gott sei Dank nicht der Fall, denn in der kleinsten jüdischen Corporation herrscht mehr Ordnung und Sinn für religiöses Interesse, mehr Verlangen nach Erbauung und Belehrung, mehr Streben die Fortschritte der Zeit in sich aufzunehmen. Es geht darin unserer Provinzialstadt, wie der Residenz Berlin. Die Judengemeinden beider Städte denken sich als Repräsentanten der kleinern Judenschaften, aber sie irren sich gewaltig. Denn diese letztem sind mündig geworden und spotten solcher Repräsentation, in der sich auch nicht das geringste religiöse Moment findet. Auf der anderen Seite ist nicht zu leugnen, daß im Schoße unserer Gemeinde sich doch noch manches gute Samenkorn findet, und daß in ihr manche Wohlthätigkeitsanstatt, wie das Waisenhaus, zur Ehre Gottes und der Menschen erblühe aber was nützt dieses Alles; das Religiöse ist zerfallen und erdrückt unter seinen Trümmern das Beste. — Was könnte nicht alles für uns Juden der Provinz Gutes ersprießen, so nur unsere Gemeinde mit Sinn und Frieden ihre Zustande besserte! Denn unsere Regierung mischt sich, laut Gesetz von 1833, in unsere Verhältnisse und ist gleichsam ein Mitglied des jüdischen Vorstandes. Es würde nicht schwer werden, ein jüdisches Schullehrer-Seminar hier zu stiften, da mir der königliche Schullehrerseminardirektor, Hr. Nepilly, versichert hat, daß, wenn mit Ernst und guten Willen von den Juden ein Fond zu einem solchen Institute herbeigeschafft 'würde, er sich dazu verstehen möchte, für jüdische Schullehrer eine besondere Klasse einzurichten, wo er des Mißvergnügens überhoben sein würde, in seiner Klasse lauter jüdische Hospitanten zu erblicken. Dergleichen und noch mehr, wie die Einführung einer allgemeinen Synagogenordnung für die Provinz, könnte sehr leicht bewerkstelliget werden, wenn die hiesigen Juden nur ihre Religion und deren Interessen verstehen wollten. So viel für heute zur Steuer der Wahrheit und Würdigung unserer hiesigen Verhältnisse; nächstens wollen wir Gelegenheit suchet, über Einzelnes ausführlich zu berichten. Jz.